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Robert Crumb Manche sehen in seinen Comics nur Kunst

 ·  Er ist der große Unnahbare in der Welt der Comics. Im Verborgenen ist Robert Crumb jetzt für drei Tage nach Dortmund gekommen - und demonstriert dort eine ungekannte Offenheit.

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Am Abend ist der Saal im Dortmunder Museum am Ostwall überfüllt. An die hundertfünfzig Gäste drängeln sich hinein, und schon müssen Tische herbeigetragen werden, auf denen die hinteren Reihen Platz nehmen sollen. Es reicht trotzdem nicht. Dabei hat es keine Reklame für diese Veranstaltung gegeben, nur einen winzigen Hinweis im Halbjahresprogramm des Museums: „Robert Crumb spricht über seine Kunst der Comics“. Der Vortragende hatte sich ausbedungen, dass man nicht für ihn trommelt, denn er hasst große Öffentlichkeit.

Nur durch Mund-zu-Mund-Hinweise sind Zuhörer aus dem ganzen deutschsprachigen Raum zusammengekommen, die Geheimhaltung funktionierte perfekt. In den Zeitungen des Ruhrgebiets findet sich am Tag selbst immer noch kein Hinweis zu Crumbs Auftritt, kein Journalist ist entsandt worden. Dabei beherbergt Dortmund nun für drei Tage eine Legende, nach der sich jeder Veranstalter die Finger leckt: einen der wichtigsten Comic-Künstler, ein Enfant terrible, wie selbst dieses Genre sonst keines zu bieten hat, und last but not least einen der größten lebenden Zeichner.

Crumb wie ein Museumsstück

Der vor siebzehn Jahren von Kalifornien nach Südfrankreich gezogene Robert Crumb tritt so gut wie nie auf, und nach Dortmund hat ihn nur eine Person gebracht: die Amerikanistik- und Kunststudentin Marnie Westerhoff, die vor anderthalb Jahren ihre Abschlussarbeit über Crumbs Werk geschrieben und den Küstler mit ihren Beobachtungen derart beeindruckt hat, dass daraus ein intensiver Briefwechsel entstand. Als ihn Walter Grünzweig, der Leiter des Instituts für Amerikanistik und Anglistik der Technischen Universität Dortmund, daraufhin einlud, ließ Crumb, wie Grünzweig lachend berichtet, alle offiziellen Briefe unbeantwortet. Erst Marnie Westerhoff gelang, woran fast alle Welt scheitert.

Nun sitzt er da, hagerer noch als erwartet, in dunkelgrauem Anzug über weißem Hemd, hellgrauem Pullunder und orchideenbestickter blauer Krawatte, die Füße stecken trotz der Kälte in Sandalen. Der dünne Bart ist mittlerweile ganz weiß, die Augen hinter den dicken Brillengläsern wirken riesig - Crumb tritt auf wie ein Museumsstück. Ringsherum an den Wänden aber hängen Feuerbilder von Otto Piene, einem der Gründer der Künstlergruppe „Zero“. Als Crumb am Nachmittag eintraf, hatte ich ihn danach gefragt. Piene? Nein, das sage ihm nichts. „Aber ich bin verblüfft, dass diese abstrakten Expressionisten seit fünfzig Jahren einfach immer weitermachen. Hätten Banken noch Geld, wäre das die richtige Kunst für ihre Schalterhallen: groß und unverbindlich.“

Das erste Mal zur Wahl - Obama natürlich

Crumb, 1943 geboren, ist aus der Zeit gefallen. Natürlich kommt er mit selbstgerahmten Dias, und selbst die haben bereits Jahrzehnte auf dem Buckel: „Seal Edge With Warm Iron“ steht auf den Rahmen. Man kann sich Crumb gut beim Bügeln der eigenen Lichtbilder vorstellen - den Mann, für den seit mehr als einem halben Jahrhundert in Amerika nichts kulturell Bedeutendes mehr passiert ist.

Nächste Woche aber erwartet er zum ersten Mal etwas von seinem Land, und deshalb hat auch er etwas zum ersten Mal getan, nämlich gewählt. „Obama natürlich“, betont Crumb unter dem Applaus des Publikums, und man darf das als schöne Pointe sehen, wenn man sich daran erinnert, dass einer der Comics, die Crumb in linken Kreisen berüchtigt gemacht haben, den Titel „When the Niggers Take Over America“ trug. Das darin entfaltete Spiel mit den Klischees und Ängsten der weißen Mehrheit wollte in den siebziger Jahren niemand verstehen, und sein Freund Art Spiegelman habe ihm ordentlich den Kopf gewaschen, als auch noch die Fortsetzung „When the Goddamned Jews Take Over America“ erschien.

„Weder die Christen noch die Juden werden es mögen“

Obama erinnere ihn an Abraham Lincoln, sagt Crumb mit seinem charakteristischen hohen Kichern, das noch die bittersten Scherze in Ironie auflöst. Er ist bestens gelaunt. Als der mit ihm bekannte und eigens aus Wien angereiste Kulturjournalist Michael Freund in seiner Einführung berichtet, dass er als Student in Amerika für einen Hilfsfonds gespendet habe, als Crumb vom dortigen Finanzamt verfolgt wurde, holt er sich eine um dreißig Jahre verspätete Umarmung ab.

Finanzieller Sorgen ist Crumb mittlerweile ledig. Sein neuestes Vorhaben ist eine zweihundertseitige Adaption des Ersten Buches Moses. 200 000 Dollar eines Verlegers haben ihn überzeugt, „aber ich fürchte, weder die Christen noch die Juden werden es mögen“, und da kommt wieder das Kichern: „Aber wenigstens die Muslime werden mich in Frieden lassen.“ Dabei sind die Genesis-Seiten streng am Text der Bibel orientiert, es gibt keinen grotesken Humor oder Zerrbilder, und doch ist jedes Bild reiner Crumb. Seine Tuschezeichnungen sind seit den frühen neunziger Jahren von einer handwerklichen Qualität, die ihn zum unfreiwilligen Liebling des Kunstmarkts gemacht und 2003 bis ins Kölner Museum Ludwig geführt hat. „Dem Kurator musste ich allerdings erst einmal erklären, was Comics sind. Er sah darin nur Kunst.“

Den Comic im Alleingang erneuert

Kunststück, denn persönlicher als Crumb zeichnet niemand. Bei der Arbeit am Buch Genesis hat er endlich einmal von seiner ihm traumatisch in Erinnerung gebliebenen katholischen Erziehung profitiert. Seine Comics dienten zuvor immer dem Ausbruch daraus: individualistisch, hemmungslos, antiautoritär. Vor vierzig Jahren hat er so den Comic im Alleingang erneuert und etablierte die Stilrichtung des Underground. Erstmals erschienen offen autobiographische Comics, zunächst nur im Eigenverlag. Dann wurde Crumb mit „Fritz the Cat“ weltberühmt. Doch das bedeutete ihm nichts gegen das Gefühl von 1967, seinen ersten eigenen Comic gedruckt in der Hand zu halten: „Das war unbeschreiblich“, erzählt er beim Mittagessen in einer Pizzeria. „Mein älterer Bruder Charles hatte mich mit seiner Leidenschaft angesteckt; wir zeichneten wie die Wahnsinnigen. Aber erst mit ,Zap!' hatte ich das erreicht, was jemand wie Carl Barks machte.“

Barks, berühmt durch seine Donald-Duck-Geschichten, war neben dem fast unbekannten John Stanley, der die kurzlebige Heftserie „Little Lulu“ gestaltete, der Lieblingszeichner des jungen Crumb: „Barks ist einer der wenigen, die genauso gut erzählen, wie sie zeichnen - oder umgekehrt.“ Über ihn könnte man dasselbe sagen; er selbst tut jedoch alles eigene als crap ab. Erst vor wenigen Wochen hat er alle verbliebenen Originale und seine Skizzenbücher aus dem südfranzösischen Haus nach New York an den Erfolgsgaleristen David Zwirner abgegeben. Seine Frau Aline, selbst Comic-Zeichnerin, habe ihn deshalb für verrückt erklärt. Aber ihm bedeuteten die Originale nichts; was zähle, sei das gedruckte Heft.

Statt Vortrag eine Bluegrass-Session

Und es gibt ohnehin eine Kunst, die ihm noch näher liegt. Als der Abend im Museum am Ostwall beginnt, treten vier Musiker aus Dortmund und Essen nach vorne: mit zwei Banjos, Gitarre und Kontrabass. Crumb steht auf, greift sich wortlos eine Mandoline, und statt des Vortrags geht es erst einmal mit einer kleinen Bluegrass-Session los. „Baltimore Fire“ spielt die Band, und der Essener Comic-Zeichner Christoph Heuer singt dazu, danach gibt es „Billy Cline“ und „The Dream of a Miner's Child“ - alles Musik, wie Crumb sie liebt, sammelt und selbst spielt: „Hot Tunes, Ballads, Blues, Waltzes, Old Standards“, so heißt es auf einer der von ihm gestalteten Plattenhüllen.

Und am Schluss spielt das spontan gebildete Quintett noch einmal, und wie er da unaufällig im Hintergrund steht, leicht vorgebeugt und einzig auf das Griffbrett der Mandoline konzentriert, mit dem weißen Bart ums Kinn, dem dunklen Anzug und den hageren Zügen, da sieht auf einmal Robert Crumb aus wie Abraham Lincoln. Noch ein Hoffnungsträger Amerikas, auch wenn dieser nie mehr dorthin zurückkehren will.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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