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Trumps Rhetorik : Er steht für Politik in einfacher Sprache

So geht die um das Momentum der Angst vor dem Islam und um Terrorgefahr kreisende Nichtantwort noch eine Weile weiter. Sie schließt nach einer Minute und 220 Worten gedanklicher Digression, von denen im englischen Original fast achtzig Prozent Einsilber waren, mit dem bis dem bis dahin vielfach wiederholten Wort „Problem“. Der Youtuber Evan Puschak alias „Nerdwriter“ hat sich die Mühe gemacht, Trumps Ausführung Silbe für Silbe abzuklopfen. Siebzehn Prozent waren zweisilbig, es tauchten nur vier Dreisilber auf, von denen drei eines von Trumps Lieblingsworten waren: „tremendous“ (enorm). Worte mit noch mehr Silben verschluckt er, sie stören den Rhythmus seiner Sprache, die ihren ganz eigenen Sog entwickelt.

Die anderen sind schlau, wir Amerikaner sind dumm

Weniger ungeordnet setzt Trump seine Worte in Ansprachen. Doch auch hier gilt für ihn die Devise: je einfacher, desto besser. Die Carnegie Mellon University in Pittsburgh, Pennsylvania, hat die Wahlreden des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 analysiert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass alle Kandidaten sich sprachlich auf dem Niveau von Sechst- bis Zehntklässlern bewegten. Lediglich der Wortschatz von Bernie Sanders sei mit Zehntklässlervokabular in einen Bereich vorgedrungen, der zu Abraham Lincolns Zeiten (Gettysburg-Rede) noch rhetorischen Präsidial-Standard setze. Trumps Grammatik, so die Studie, bewegt sich sogar unter Sechstklässlerniveau. Das habe vor ihm einzig George W. Bush geschafft. Auch Trumps Vokabular sei signifikant simpler gewählt als das seiner Konkurrenten – und in sich konsistent. Hillary Clinton habe ihr Lexikon munter verändert und so möglicherweise einen sprachlichen Chamäleoneffekt ausgelöst, der sie Stimmen gekostet habe.

Hillary Clinton, das sprachliche Chamäleon: Ihre Wandelbarkeit kostete sie Stimmen.

Kann Trump nicht anders reden, als er es tut, oder will er nicht? Das ist einerlei, interessanter ist die Frage, ob und wie seine Rhetorik Überzeugungskraft entfaltet. Es wirkt, als fielen die Worte einfach so ungeordnet aus Trump heraus, als könne sein Redeschwall jederzeit in jede denkbare Richtung fließen, das sorgt für Überraschungseffekte und Spannung. Zugleich kultiviert Trump wiederkehrende Figuren, die seinen Anhängern Verlässlichkeit signalisieren. Der Politikwissenschaftler Hans de Bruijn von der TU Delft hat sieben argumentative Muster ausgemacht. Eines der wichtigsten ist: Die anderen sind schlau, und wir Amerikaner sind dumm. Ergo dürfen wir uns nicht länger von den Chinesen/Japanern/Mexikanern etc. über den Tisch ziehen oder „verprügeln“ lassen, sondern brauchen „faire Deals“ und Wehrhaftigkeit. Politik wird zum Schlagabtausch oder zum Geschäft. Letzteres zeigt auch das von Trump gerne verwendete „OK“ am Ende eines Gedankens an: So wird in der Geschäftswelt Handelseinigkeit signalisiert.

Typisch Establishment

Der Linguist Geoffrey Pullum von der Universität Edinburgh liest aus Trumps Sprache zerfaserte Gedanken, eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und einen Mangel intellektueller Disziplin heraus. Trump würde wohl kontern: typisch Establishment. Politiker (das sind für Trump immer die anderen gewesen) reden nur schön, er will ein Macher sein. Seine sprachlichen Defizite haben ihm immer zum Vorteil gereicht. Warum sonst hätte er sie im Vergleich zu 1988 weiter ausgebaut? Sie haben ihm geholfen, sich zu verkaufen und zu gewinnen, weil sie Zuhörern suggerierten, hier werfe einer die glatten Worthülsen der politischen Korrektheit über Bord, um Tacheles zu reden. Nur: Trump redet nicht Klartext. Er betreibt sprachliche Verunklärung, etwa, wenn er Michael Gove und Kai Diekmann im Interview etwas zum Atomdeal mit Iran sagt.

„Nun, ich will nicht sagen, was ich mit dem Iran-Deal mache. Ich will einfach meine Karten nicht ausspielen. Ich meine, sehen Sie mal, ich bin kein Politiker. Ich gehe nicht raus und sage: Ich mache das, ich mache – Ich muss tun, was ich tun muss. Ich will nicht spielen. Wer spielt Karten, wo du jedem dein Blatt zeigst, bevor du spielst? Aber ich bin nicht froh mit dem Iran-Deal, Ich denke, er ist einer der schlechtesten Deals, die je gemacht wurden, ich denke, es ist einer der schlechtesten Deals, den ich je gesehen habe, einer der dümmsten, wenn man von Deals spricht.“ So sagt Trump, dass er nichts sagt. Wie das Politiker eben tun – nur anders. Doch die Zeit der Reden ist vorbei. Von nun an wird Trump an seinen Taten gemessen.

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