02.12.1997 · Der Wert klettert wie die Reben: Robert Parker und Kollegen inspizieren französische Weinberge / Von Horst Dohm
Wenn sich Robert Parker, der allmächtige Weinkritiker aus den Vereinigten Staaten, zu Besuch anmeldet, legen die Winzer und Château-Herren ihre Sonntagskleider an - den hohen Meister würdig zu empfangen. Denn sie fürchten ihn. Was Parker aus dem Wein herausschmeckt, gilt für Weinfreunde aller Länder als die reine Wahrheit, als ein objektiver Befund. Die Punkte, die er einem Wein gibt oder verweigert, werden zum Wertmesser - zum Argument für oder wider den Kauf. Die meisten Weinsammlungen in Amerika, spotten Weingourmets in der alten Welt, seien letztlich Parkers Geschöpfe. Sie seien nicht der Ausdruck von Wissen und Können, Erfahrung und Vorlieben, sondern das Produkt des Parkerschen Hundert-Punkte-Schemas.
Nun wartet Parker mit einer neuen Punktesammlung auf: mit seinem Wein-Guide Rhône. Auf mehr als achthundert Seiten präsentiert der Amerikaner Weinregionen und Weine von Vienne bis Avignon, von der Côte Rôtie im Norden bis Châteauneuf-du-Pape im Süden. Zwei Jahrzehnte, heißt es auf dem Klappentext, habe Parker das Rhônetal bereist; Tausende von Weinbergen, Kellereien und Weinerzeugern habe er besucht, Zehntausende von Weinen verkostet. Der Leser bewundert diese Superleistung voller Demut. Aber er staunt zu früh. Der Verlag ist offenbar das Opfer seiner eigenen Begeisterung geworden. Denn einige Seiten weiter, in der Einführung zu seinem Buch, speckt Parker die Zahlen ab: Da sind es dann nur noch Hunderte von Weingütern und Tausende von Weinen.
Dennoch, Parkers neue Publikation erfordert Respekt. Man mag zu den an sportliche Wettkämpfe erinnernden Punkte-Bewertungen stehen, wie man will. Eines bleibt: Das Buch ist eine Fundgrube an Informationen, ein guter Reisebegleiter durch das nicht immer übersichtliche Anbaugebiet Rhône. Parker informiert nicht nur über die Winzer und ihre Weine, sondern auch über die Eigenarten der einzelnen Appellationen, über die Jahrgänge und über neuere Entwicklungen. Den größten Teil seiner Arbeit spendiert er seiner Lieblings-Appellation Châteauneuf-du-Pape, die er als das Herz des Rhônetals und der Provence preist. Hier kann sich der Weinliebhaber auf fast 240 Seiten aufklären und unterhalten lassen, hier geizt der Meister auch nicht mit hohen Bewertungen. Auch über die Ursprungsgebiete Côte Rôtie, Hermitage und Gigondas äußert sich Parker ausführlich.
Die Randregionen kommen allerdings zu kurz - wenn auch zuzugeben ist, daß diese Gebiete in der Tat mit den berühmten Appellationen nicht Schritt halten können. Das gilt für Clairette de Die ebenso wie für die Coteaux du Tricastin und die Côtes du Ventoux. Hier nennt Parker zwar einige Weingüter beim Namen, verkneift sich aber jede Wertung (was durchaus auch als Vorzug gewürdigt werden kann). Und noch etwas trübt den Eindruck, den dieser Band hinterläßt: Parkers Verbeugung vor einigen Renommierbetrieben. Hier greift der "einflußreichste Weinschriftsteller der heutigen Welt", wie ihn die Los Angeles Times gepriesen hat, zu tief in seine Punkte-Kiste.
Parker tritt in diesem Weinbücher-Jahr noch ein weiteres Mal auf die Bühne: im Vorwort zu Hubrecht Duijkers und Michael Broadbents neuem Buch über Bordeaux. Und hier kann man seiner Bewertung uneingeschränkt beipflichten: Duijkers neues Buch ist nicht nur ein gelungenes Werk, es ist - wie Parker schwärmt - vielleicht auch sein bisher schönstes. Duijker und Broadbent gelingt es meisterhaft, das wohl wichtigste Anbaugebiet der Welt in seiner Vielfalt anschaulich und verständlich darzustellen. Alle Unter-Appellationen des größten französischen AC-Gebietes (rund 115000 Hektar) werden berücksichtigt (bis hin zu Loupiac, Lalande-de-Pomerol oder Côtes de Castillon), mehr als 2000 Châteaux werden - mal länger, mal kürzer - vorgestellt. Der überwiegende Teil der Texte (vor allem die Beschreibung der Châteaux) stammt von Duijker, der auf dem Weinbücher-Markt seit vielen Jahren eine feste Größe ist; Broadbent beschreibt die bekanntesten Ursprungsgebiete - wie die Orts-Appellationen Margaux, St. Julien, Pauillac, St. Estephe sowie die AC-Gebiete Pessac-Léognan und Sauternes.
Der Leser wird über die Geschichte dieses Weinlandes ebenso ausreichend aufgeklärt wie über die AC-Bereiche, die Klassifikationen, die natürlichen Bedingungen, die Rebsorten, die Kellertechnik, die Jahrgänge. Alle Kapitel folgen einem Grundschema: Zuerst wird die Appellation vorgestellt, wobei eine graphisch hervorgehobene Zusammenfassung den Erinnerungswert erhöht, dann werden die Weingüter porträtiert, mit ihrer Geschichte, ihren Eigentümern, ihrer Größe und dem Stil ihrer Weine. Im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Parker enthält sich Duijker in seinem Buch jeder Bewertung der Weine nach Punkten. Er tritt hinter die Sache zurück und überläßt dem Leser die Freude der Entdeckung. Erleichtert wird die Reise durch die Bordeaux-Appellationen durch eine Vielzahl von Karten, die über die Lage der erwähnten Weingüter, die Weinbergsflächen, die geographischen Eigenheiten (Flüsse, Waldstücke) und die Bebauung informieren. Die Weingüter sind in der Regel auf den Karten gut zu finden; die Numerierung der Châteaux und ein Rasterschema erleichtern die Suche. Weniger geglückt sind die Karten aus dem Bereich Entre-Deux-Mers. Hier sind der Autor und die Kartengraphiker offenbar Opfer der schier undurchschaubaren AC-Vielfalt geworden.
Die zahllosen Fotos unterstüzen den Informations- und Unterhaltungswert dieses Bandes. Sie vermitteln einen guten Eindruck von der Landschaft und der Gloire der Region, und sie lassen ahnen, warum die Weingutsbesitzer in diesem traditionsreichen Weinland Wert darauf legen, daß selbst die kleinste Hütte noch Château genannt wird.
Robert M. Parker: "Parker Rhône". Aus dem Amerikanischen von Claudia Brusdeylins, Werner Horch und Angela Kuhk. Hallwag Verlag, Bern, Stuttgart 1997. 824 S., geb., 128,- DM.
Hubrecht Duijker, Michael Broadbent: "Weinatlas Bordeaux". Aus dem Englischen von Wolfgang Kissel. Hallwag Verlag, Bern, Stuttgart 1997. 400 S., geb., 128,- DM.