19.03.2008 · Sandra Maischberger stellt die Gretchenfrage, doch die Diskussion über das „Comeback der Religion“ driftet ins Surreale. Reproduziert wurde der Disput zwischen Kritikern und Apologeten der christlichen Theologie.
Von Oliver JungenÜber das „Comeback der Religion“ wurde am gestrigen Abend in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ gestritten. Dabei war am auffälligsten nicht, dass der Titel diese Rückkehr einfach konstatierte, obwohl der Einspieler einer Straßenumfrage nahelegte, der durchschnittliche Straßendeutsche wisse nicht einmal, was es mit Ostern auf sich hat. Am auffälligsten war, dass Religion in alter abendländischer Manier allein für das Christentum stand. So hatte schon Gretchen dieses Wort gebraucht: „Nun sag, wie hast du's mit der Religion?“ Und man weiß nur zu gut, welchen rhetorischen Eiertanz der bei den Hörnern Gepackte vollführte.
Faust torpedierte die Figur des Gläubigen dabei durch eine geschickte Überkreuzung zweier Infragestellungen zur Paradoxie: „Wer darf ihn nennen?/ Und wer bekennen:/ Ich glaub ihn?“ heißt es zunächst, sodann: „Wer empfinden,/ Und sich unterwinden/ Zu sagen: ich glaub ihn nicht?“ Beide Positionen waren nun bei Maischberger zu Gast, allerdings verteilt auf verschiedene Vertreter und damit ihres faustischen Clous beraubt.
Scholastische Raffinesse
Als Sondergast saß zunächst Sportreporter Harry Valérien der Moderatorin gegenüber. Ein gläubiger Mensch ist er, seit er im Zweiten Weltkrieg unverletzt einem Schützengraben entstieg. Nach dem Eingangsinterview war Valérien für die Sendung indes offenbar nicht weiter von Interesse und hustete sich lediglich nach einer Stunde noch einmal ins Gedächtnis. Dabei mag es wohl sein, dass Valériens unaufgeregte, eklektische Privatreligiosität das heutige gesellschaftliche Transzendenzbedürfnis sehr treffend widerspiegelt.
Die übrigen Diskutanten reproduzierten auf die uninspirierteste Weise den seit der Aufklärung schwelenden, hundertfach schon funkelnder ausgefochtenen Disput zwischen Kritikern und Apologeten der christlichen Theologie, der sich über weite Strecken um die religionshistorisch gut abgehangene Frage drehte, ob Sprache und Botschaft der Bibel Gewalt verherrlichen. Als engagierter Bibelkritiker und großer Vernunftfürsprecher („Ich war immer schon ein gründliches Kind, hab gründlich nachgedacht“) setzte sich der Psychologe Franz Buggle für eine litterale Lesart ein, die nur eine Folgerung zulasse: völlige Distanzierung von einem Glauben, der darauf aufruhe, dass Genozide befohlen und Kinder zerschmettert würden. Der altbekannte Antipapist Eugen Drewermann, ebenfalls Psychologe, pflichtete Buggles Kritik im Prinzip bei, stellte aber den biblischen Archaismen (und der daran festhaltenden Amtskirche überhaupt) seine Auffassung vom revolutionären Pazifisten und Therapeuten Jesus Christus entgegen.
Notker Wolf, Abtprimas des Benediktinerordens, beschränkte sich dagegen zunächst in scholastischer Raffinesse darauf, alle Einwände gelten zu lassen, um ihnen dann mit einer einzigen Volte - es komme eben auf die richtige Exegese an - den Boden zu entziehen. Auf der Seite der Religions-Apologeten befand sich zudem die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer, die in jungen Jahren impulsiv aus der katholischen Kirche ausgetreten war, um ebenso impulsiv als Ministerin wieder einzutreten: Es habe ihr eben etwas gefehlt.
Abgedriftet ins Surreale
Die Diskussion schleppte sich eine Weile müde dahin. Auch ein weiterer Einspieler, der ankreidete, dass Papst Benedikt XVI. zunächst die Homosexuellen, dann die Muslime, hernach die Protestanten und zuletzt die Juden düpiert habe, brachte keinen Schwung in die Runde. Doch ganz von allein driftete das Gespräch ab, nahm mehr und mehr eine surreale Färbung an.
Den kuriosesten Gedankenüberschlag steuerte wohl Abt Notker bei. Als er einmal einen Nordkoreaner getroffen habe, sei er - eingedenk der Sentenz aus dem ersten Johannesbrief, dass jeder, der liebt, Gott erkenne - von der Einsicht erfasst worden: „Menschenskinder, dieser Mann ist ja genauso von Gott geschaffen wie ich und dummerweise auch noch geliebt von Gott wie ich.“ Beflügelt von der Einheit mit Jesus Christus habe er den Nordkoreaner dann plötzlich geachtet.
Irritiert fragte Frau Maischberger nach, ob er wirklich Gott dazu brauche, im Nordkoreaner einen Menschen zu erkennen. Der Abt aber blieb dabei und machte gleich noch ein anderes Fass auf: „Den Bush“ liebe Gott leider auch noch, was jedoch sein Problem sei.
„Unter unserer Würde“
Das aber war vor allem Buggles Terrain. Im Alten Testament, so wiederholte der Psychologe wie ein Mantra, bejahe Gott die Gewalt, übe sie selbst aus und solidarisiere sich mit Gewalttätern - „ein Genozid nach dem anderen: ist bei Gott sehr beliebt“. Das könne jederzeit wieder aktiviert werden: „Schauen Sie sich doch so'n Typ wie den Bush an.“ Der Fundamentalismus, so also die These, sei im Christentum schon angelegt.
„Haben Sie jetzt irgendwie Besorgnis um meine geistige Gesundheit“, rüpelte sich an dieser Stelle die Grünen-Politikerin und Weltreligionen-Fibel-Autorin ins Gespräch, „dass ich als erwachsene und nicht ganz blöde Frau mit vierzig Jahren auf die Idee komme...“, aber Buggle fiel ihr sofort ins Wort: „Ich halte Frauen nicht für blöd.“ Augenblicklich holte der Kritikus zum großen Schlag aus, zum ethischen Beweis der Nichtexistenz Gottes: Leid und Tod seien in der Welt, da soll ein Gott existieren?
Andrea Fischer, jetzt plötzlich mit weinerlicher, brechender Stimme, hielt dagegen, dass sie zwar den intellektuellen Ausführungen nicht folgen könne, aber Gott als Glückseligkeitslieferant zu definieren, das sei „unter unserer Würde“. Man beruhigte sich wieder, ein Ergebnis gab es nicht.
Der Allumfasser allein könne sich und alles erfassen, hat Faust einst Gretchen erklärt, dass ihr der Kopf schwirrte: Den Menschen bleibe einzig das Gefühl, und das könne mit gleichem Recht Glück, Liebe oder Gott genannt werden. Darauf dürften sich Maischbergers Gäste geeinigt haben können. Doch dazu hätte es diese Runde nicht gebraucht. Wo ist nur der Islam, wenn man ihn einmal braucht?
Interessant
Alex Wolf (eb0o58)
- 19.03.2008, 12:04 Uhr
wo ist der Isalm, wenn man ihn einmal braucht?
Alexander Dillenburg (Dillenburg1)
- 19.03.2008, 12:30 Uhr
Gästeliste: mangelhaft
Andreas Winkler (fonzie)
- 19.03.2008, 13:49 Uhr
Wachkoma
Markus Teuber (arathorn)
- 19.03.2008, 14:17 Uhr
Christentum oder Jesuitismus? Das Erkenntnisproblem der Theologie
Gerhard Bandorf (MAGNIFIER)
- 19.03.2008, 14:31 Uhr