30.03.2010 · Mit einem neuen, farbigen Layout und einem großzügig ausgebauten Onlineangebot will die französische Zeitung „Le Monde“ zur „globalen Pressemarke“ werden. Viel verspricht man sich von iPad und iPhone-Applikationen.
Von Jürg Altwegg, GenfWenn in ein paar Tagen in Amerika die ersten iPads ausgeliefert werden, wird „Le Monde“ mit einer Applikation bereits dabei sein. „Wir sind jetzt ein Pferd mit acht Beinen“, erklärte der Herausgeber Eric Fottorino, als er der Öffentlichkeit die neue Strategie der hochverschuldeten Zeitung vorstellte. „Le Monde“ will nicht mehr nur eine international angesehene Tageszeitung sein, das Weltblatt aus Paris, das am frühen Nachmittag in die Kioske der Hauptstadt gelangt und erst am anderen Morgen seine Abonnenten erreicht. Diese Verzögerung zwingt das Blatt, das Fernsehprogramm von zwei Tagen zu drucken.
Jetzt hat „Le Monde“ das Fernsehprogramm ganz abgeschafft – und ahnt noch nicht, wie gefährlich so etwas ist. Die Ausgabe vom gestrigen Dienstag erschien als erste im neuen Layout, das der gedruckten Zeitung für die Ära des Internets verpasst wurde. Die Seite zwei trägt den Titel „24 Stunden in der Welt“. Sie ist ein Inhaltsverzeichnis – auch mit vielen Verweisen auf die Schwerpunkte und das Angebot im Internet, das ständig aktualisiert wird. Gestern gab es auf dieser Seite zwei auch eine knappe Zusammenfassung der Fußballmeisterschaft – inklusive Rangliste und Vorschau auf das französische Viertelfinale in der Champions League zwischen Bordeaux und Lyon: Dossier im Netz, Liveticker ebenso. Die Verschiebung der redaktionellen Gewichte zugunsten des Sports und auf Kosten der Kultur (die Buchbeilage schrumpft auf einen Drittel des früheren Umfangs) war in der Zeitungskrise eines der prägendsten Merkmale. Daran wird offensichtlich festgehalten.
Politische Meteorologie
Ansonsten vollzieht die Zeitung eine Rückkehr zu den Wurzeln: Die Karikatur und der berühmte Leitartikel, den kein Verfasser zeichnet, kommen wieder auf die Seite eins, von der man sie verbannt hatte. Sie war bis vor kurzem ohne Bild geblieben – fortan gibt es eine farbige Illustration, die über die ganze Breite geht und praktisch einen Drittel der Titelseite beansprucht. Die Anzeige ist ebenfalls farbig und etwas größer geworden.
Achtundzwanzig Seiten umfasst das erste Buch. Sein Schwerpunkt ist neben den Texten von Korrespondenten und Kolumnisten, die sich mehr an bereits informierte Leser denn an Überflieger richten, eine neue Rubrik „Contre-Enquête“. Auf mehreren Seiten wird ein aktuelles Thema vertieft. Im täglichen Medienlärm sollen hier die Fakten präsentiert und Hintergründe dargestellt werden. Im Dossier über das Verhältnis zwischen Sarkozy und Obama durfte eine Chronologie mit wichtigen Daten nicht fehlen. Die Stimmung zwischen den beiden Präsidenten wurde mit Symbolen aus dem Wetterbericht illustriert: strahlende Sonne, bewölkt, Gewitter. Ob das die richtigen Signale für die Seriosität der gedruckten Zeitung im Internet-Zeitalter sind, bleibe dahingestellt.
Hunderttausend bezahlende Nutzer
Den Schluss der Beilage – am Dienstag: Wirtschaft – mit nochmals zwölf Seiten macht die gegenwärtig wohl am meisten geschaltete Anzeige der internationalen Presse aus: für das iPhone. Es ist zum Hoffnungsträger der Zeitungen geworden. Auf eineinhalb Millionen französischen iPhones ist die „Monde“- Applikation präsent. Eine zweite – nicht mehr kostenlose – wird in wenigen Tagen lanciert. Noch mehr verspricht man sich vom iPad. „Le Monde“ hat sein Internetportal systematisch ausgebaut. Es verfügt inzwischen über mehr als hunderttausend bezahlende User. Für sechs Euro pro Monat kann man alle Artikel lesen und im Archiv recherchieren. Das E-Paper ist bedeutend teurer. Sukzessive werden die Gratisinhalte reduziert – um die Leser daran zu gewöhnen. Das Onlineangebot aber wird zügig ausgebaut. Jeder Redakteur und Autor bekommt seine Seite. Leser werden zum Bloggen eingeladen. Rund um die Uhr will man nicht nur Liveticker und News-Files bieten, sondern Journalismus in der Qualität des Hauses. Ohne Redaktionsschluss und Platzzwang. Aus „Le Monde“ soll eine „globale Pressemarke“ werden – die führende in französischer Sprache.
Ein neues Abonnement wird angeboten: Für die gedruckte Ausgabe, das Angebot auf iPhone und iPad sowie lemonde.fr im Internet wird ein Preis von dreißig Euro verlangt – zwanzig zur Einführung. Mit seinem Bild vom Pferd, das auf acht Beinen steht, meinte Eric Fottorino nicht nur die neuen Stützpfeiler der Vermarktung. Es ist eine Anspielung auf die Tierzeichnungen in einer der berühmtesten französischen Grotten. Will sagen: „Le Monde“ setzt zum Sprung aus der Vorgeschichte in die Zukunft an. „Wir bauen“, erklärt Fottorino, „das Fundament für ein neues Modell.“ Bonne chance.