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Reich-Ranicki bei Beckmann Kostbare Fernsehminuten

07.04.2009 ·  Marcel Reich-Ranicki spricht bei Reinhold Beckmann über sein Leben und über den Film, der von seinem Leben und Überleben im Warschauer Getto handelt. Roberto Benigni, Peter Kraus und Sasha waren allerdings auch noch da.

Von Michael Hanfeld
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Was braucht es, um in einer halben Stunde vom Schrecklichsten und vom Schönsten zu handeln, das Menschen sich je vorstellen, das sie anrichten und das sie erleiden und erleben können? Ein Buch braucht es, ein Kapitel darin. Oder ein Gespräch mit dem Autor selbst.

„Mein Leben“ heißt das Buch, Marcel Reich-Ranicki heißt der Autor und diesen hatte Reinhold Beckmann am Montag in seiner Sendung zu Gast. Und als solcher sprach Reich-Ranicki, wovon er in seiner Autobiographie schreibt, von seinem beinahe vollkommen unwahrscheinlichen Überleben im Warschauer Getto, von der Ermordung seiner Eltern, von dem Tod seines Bruders und von der lebenslangen, lebensrettenden Liebe zu seiner Frau Tosia.

Kein Platz für Gott

Ohne einander, sagt Marcel Reich-Ranicki, hätten seine Frau und er nicht überlebt. Sie nicht ohne ihn, er nicht ohne sie und sie beide nicht ohne die Literatur. Was diese zu beschreiben kaum je in der Lage ist, das leben Tosia und Marcel Reich-Ranicki wahrhaftig. Man muss das Leben bezwingen, hat der junge Marcel der achtzehnjährigen Tosia Langnas gesagt, deren Vater sich gerade erhängt und die zu trösten ihm seine Mutter aufgegeben hatte. Unter allen Umständen muss man es bezwingen und genau das haben die beiden vermocht und sie vermögen es bis heute.

Für einen Gott aber, daran lässt Marcel Reich-Ranicki keinen Zweifel, ist bei einer solchen Menschheitsvernichtungsgeschichte, wie er sie erlebt hat, kein Platz.

Der Kritiker zollt sein größtes Lob

Es ist für die Schauspieler Katharina Schüttler und Matthias Schweighöfer keine kleine Bürde, dieses Paar zu spielen, doch wie man am Karfreitag bei Arte und am Mittwoch nach Ostern im Ersten wird sehen können, meistern sie es mit Bravour. Wie ist Schweighöfer in der Rolle? Marcel Reich-Ranicki zollt ihm das höchste Lob, das man von diesem Kritiker nur hören kann, kurz und knapp: „Fabelhaft!“

Man muss diesen Marcel Reich-Ranicki hören und sehen; sehen, hören und lesen, was er von der Judenvernichtung zu erzählen hat, wie er sich an die Details der Erniedrigung, an die allmähliche Entmenschlichung erinnert, und die unvorstellbare Zahl der Ermordeten, der Holocaust, wird zum Begriff. In solchen Momenten begreift man auch, was wir an diesem Marcel Reich-Ranicki haben und was nicht nur die Literaturkritik unseres Landes ihm zu verdanken hat.

Wer fragt noch nach Elke Heidenreich?

Dahinter verschwindet all das Geplänkel, zumal jenes, das sich nach Reich-Ranickis Tirade bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im vergangenen Jahr entwickelte (Marcel Reich-Ranicki über den Fernsehpreis-Eklat: Ich konnte es nicht mehr aushalten).

Aber da wir nun einmal im Fernsehen sind, musste Reinhold Beckmann selbstverständlich doch darauf zurückkommen und Reich-Ranicki das Angebot entlocken, dass er zu einer Versöhnung mit Elke Heidenreich jederzeit bereit sei. Darauf hat die Republik nach diesem Eiertanz auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten wirklich gewartet.

„Dante ist Schönheit und Schönheit zieht uns an!“

Und so stellte sich der Bruch, der Reinhold Beckmanns Talkshow immer dann zwangsläufig kennzeichnet, wenn er Gesprächspartner versammelt, deren Geschichten sich partout nicht auf einen Nenner bringen lassen, schon im Gespräch mit seinem ersten Gast ein.

Nachdem Marcel-Reich-Ranicki über die NS-Zeit gesprochen hat, erscheint einem alles andere einigermaßen unpassend, selbst der Auftritt des großen Komödianten Roberto Benigni, der es mit seinem Film „Das Leben ist schön“, in dem ein Vater seinem kleinen Sohn die Deportation ins Vernichtungslager als großes Spiel ausgibt, meisterhaft vermocht hat, mit den Mitteln der Komödie den Zuschauern das Ausmaß des Grauens zu vermitteln.

Heute bringt Benigni mit großem Erfolg Dante auf die Bühne und sogar ins Fernsehen, fünfzehn Millionen Menschen schauen ihm dabei zu. Warum gibt es so etwas nicht bei uns, mit Goethe oder Schiller, will Beckmann von Reich-Ranicki wissen. Der weiß die richtige Antwort: Ein Talent wie Benigni („Dante ist Schönheit und Schönheit zieht uns an!“) haben wir eben leider hierzulande nicht. Dass man aber auch dieses Talent auf unziemliche Art und Weise herausfordern kann, beweist Beckmann, da er Benigni bittet, Heinrich Heines Lied von der Loreley vorzutragen. Das klang dann leider ein wenig wie Trappatoni und dessen freie Rede von der „Flasche leer“.

Unvergesslich

Peter Kraus und Sasha waren schließlich auch noch da und leider war das dann endgültig des Guten zu viel, gleichwohl an ihrem Auftritt nichts Falsches war. Dass Peter Kraus tatsächlich siebzig Jahre alt sein soll, das glaubt wirklich kein Mensch, wenn er sich weiterhin so gut konserviert, wird er Jopi Heesters in dreißig Jahren mit lockerem Hüftschwung vergessen machen.

Marcel Reich-Ranickis Geschichte und die seiner Frau aber, in der sich die Verheerungen eines ganzen Jahrhunderts spiegeln, werden wir nicht vergessen. Dazu leistet der Film „Mein Leben“ einen größeren und Reinhold Beckmanns Sendung von diesem Montag einen kleineren Beitrag.

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