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Regierungskrise Ohnmacht in Rom

25.01.2008 ·  Nicht das Was, sondern das Wie ist bei einer gelungenen Regierungskrise in Italien entscheidend. Die Volksvertreter von Rom haben sich einen Sinn für Stil und Theatralik bewahrt, über den dröge deutsche Abgeordnete nur staunen können.

Von Dirk Schümer, Venedig
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Nicht das Was, sondern das Wie ist bei einer gelungenen Regierungskrise in Italien entscheidend. Wie keine anderen Volksvertreter haben sich die allzu zahlreichen Deputati und Senatori von Rom einen Sinn für Stil und Theatralik bewahrt, über den dröge Bundestags- oder provinzielle Landtagsabgeordnete in Hessen oder Niedersachsen nur staunen können.

Wie unspektakulär wäre beispielsweise der Abgang der linken Prodi-Koalition verlaufen, hätte sich nicht der greise Senator Nuccio Cusumano aus dem südsizilianischen Kurort Sciacca ans Rednerpult begeben, um pathetisch seinen plötzlichen Sinneswandel pro Prodi bekanntzugeben.

Da kam Leben ins verfassungsrechtliche Verfahren! Und aus einer Vertrauensabstimmung wurde in Nullkommanichts eine Hasskundgebung. Kollegen mussten Cusumanos Minifraktions-Vorsitzenden Barbato bändigen. „Du Stück Scheiße“ und „Du dreckige Schwuchtel“ waren noch die nettesten Beschimpfungen, symbolische Pistolensalven, mediterrane Verwünschungsgesten, Spucken ins Gesicht - das sind starke politische Zeichen, die man draußen im Lande versteht.

Video: Tumult im Parlament nach Prodis Niederlage

Privileg des Alters

Vor ein paar Jahren und in Sizilien hätte man solche Konflikte anständig, also mit Duell oder Ehrenmord geregelt. Cusumano nahm Zuflucht beim Privileg des Alters: Er weinte und fiel genau so lange in Ohnmacht, bis er entkräftet an der Abstimmung teilnehmen konnte; da war er bereits aus seiner Partei ausgeschlossen. Italien kann vor lauter Staatsverschuldung am Abgrund stehen, der Müll kann sich auf den Straßen türmen, die Post nicht ausgetragen werden, die Züge können auf der Strecke stehenbleiben und die Soldaten in Nahost mit Gammelfleisch beliefert werden - im Herzen der bestbezahlten Demokratie der Welt hat man noch Sinn für Prioritäten: den verbalen Kampf Mann gegen Mann wie zu Zeiten von Cato und Cicero.

Da darf sich der Chef-Industrielle Luca Di Montezemolo ruhig über den „arabischen Souk“ im Parlament ekeln - erst in der Krise, im Tumult und im Chaos zeigt Italien sein Weltniveau. Und genau darum wird es mit deutschem Wahlrecht und einer deutschen Fünfprozenthürde und einem deutschen Debattierstil in Rom niemals etwas werden. Ohne absurde Kleinparteien, ohne katholisch-demokratische Minidespoten und ihre speichelleckerischen Gefolgsleute, ohne den Buschkrieg von bezahlten Fraktionswechseln, ohne solide Restposten von Faschismus und Stalinismus, ohne Tränen, Prügel, Schampus und Speichel könnten Italiens Parlamentarier ihre Unverwechselbarkeit dem Volk ja gar nicht gebührend vorführen.

Und fühlten die Deputierten den Drang einer echten Staatsreform, dann müssten sie ja gemeinsam mit dem Spektakel zuallererst sich selber abschaffen. Aber nicht einmal von einem italienischen Abgeordneten darf man Übermenschliches erwarten.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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