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„Red Dead Redemption 2“ : Wo hört der Wilde Westen auf?

  • -Aktualisiert am

Nasse Füße sind hier das geringste Problem: Arthur Morgan bahnt sich seinen Weg durch das Bayou. Bild: Rockstar Games

Das Videospiel „Red Dead Redemption 2“ handelt vom Untergang eines Mythos und verwischt die Grenze zwischen Film und Spiel, wie man es zuvor noch nicht gesehen hat.

          Die Leute werden Urlaub nehmen müssen oder krankfeiern. Oder erst Urlaub nehmen und dann krankfeiern. Sie werden alle Verabredungen absagen, das Kinoprogramm vergessen, die Bücher, selbst Netflix. Und wenn die Zeit dann noch immer nicht reicht, werden sie sich bei Meister Hora einfach neue beschaffen – hier mit vorgehaltener Waffe und Dynamit.

          Der zweite Teil des Videogames „Red Dead Redemption“ nämlich, ein von Sam und Dan Houser, den Gründern des legendären Entwicklerstudios „Rockstar Games“, entwickelter Spätwestern, der als sogenanntes Prequel an seinen legendären Vorgänger aus dem Jahr 2010 anknüpft, kostet mindestens sechzig Stunden Lebenszeit, von denen die Hälfte für Gewaltritte durch Berge, Flüsse und weites Land draufgehen dürfte. Doch was sind das für unglaubliche Stunden!

          Das Überwältigende an diesem Spiel für Erwachsene ist nicht die fotorealistische, bis in die Grashalmspitzen und Wolkenformationen lebendige Grafik, die bei Blockbustern wie diesem zwar aufwendig ist, aber immer selbstverständlicher wird. Es ist auch nicht die schiere Größe der von Hunderten Programmierern geschaffenen „offenen Welt“, oder die Detailbesessenheit bei den zu bewältigenden Aufgaben, zu denen beispielsweise gehört, dass der Avatar, wenn er wirklich in Topform sein will, gelegentlich in einen Haferkeks beißen, Hasen braten, sich baden, rasieren und die jeweils passende Kleidung zum Wetter anziehen muss.

          Love me or leave me lautet die Parole

          Aus den Stiefeln haut einen vielmehr das Stilbewusstsein, mit der diese Welt konstruiert wurde: die virtuelle Kameraführung, die sich vor der Bildsprache der Western von John Ford, Sergio Leone, Quentin Tarantino und auch der Coen-Brüder verbeugt, ein tief im Kulturgedächtnis verankerter Soundtrack, auf dem neben der Musik auch die Quarzsand-Stimme des Protagonisten Arthur Morgan (gesprochen von Roger Clark) liegt, sowie eine von tausend echten Schauspielern via Ton und Motion-Capture-Verfahren eingespielte Erzählung, für die das abgedroschene Wort „episch“ doch wieder das einzig dienliche ist. Sie ist nicht nur der Rahmen für ein Schießbuden-Spektakel – obwohl „Red Dead Redemption 2“ natürlich auch das ist: rauchende Colts, bei vollem Galopp gezogene Schrotflinten, heißgeschossene Läufe.

          Die Story steht im Mittelpunkt und ist wie in einem Tarantino-Film in sechs große Kapitel nebst zwei Epiloge gegliedert, deren Überschriften in großen Lettern auf dem Bildschirm erscheinen. Fast vierzig Teil-Episoden sind es, bis die Geschichte sich ihrem ersten Höhepunkt genähert hat: eine brutale Schießerei an einer schlussendlich in Flammen aufgehenden Südstaatenvilla. Danach folgen noch weitere sechzig. Und dabei schert sich diese Story einen Dreck darum, ob der Spieler das schleichende Erzähltempo aushält oder nicht: Love me or leave me ist ihre Parole. Man kann das übergriffig finden, wo doch die wichtigste Währung heute die Zeit ist. Sicherlich ging es der Erfolgsschmiede „Rockstar Games“, die schon für die „Grand Theft Auto“-Reihe verantwortlich zeichnete, wie einem gefeierten Doktoranden, dessen Arbeit immer umfangreicher wurde, weil er ob der übersteigerten Erwartungen an sein Werk auf keine Idee verzichten zu können glaubt.

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