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Veröffentlicht: 12.03.2015, 13:02 Uhr

Reklamier-Forum im Internet Brüllt los, Ihr seid im Mekka des Meckerns!

Sie halten es nicht mehr aus und müssen Ihrem Ärger Luft machen? Über den Kellner, das Essen, das Hotel, das Auto, den Teppich, die Waschmaschine und das Leben an sich? Im Internet gibt es Hilfe: bei „de.reclabox.com“.

von Oliver Jungen
© ddp Images „Halbes Brot gekauft, für 2,93 Euro. Nachgewogen, 877 Gramm, zwölf Prozent zu wenig“: Bei solchen Problemen ärgert sich der unglaubliche Hulk nicht grün. Andere schon.

Dass Engländer bei Hotelbewertungen sehr viel gnädiger sind als Deutsche, hat sich ja schon herumgesprochen. Wo immer der Putz nicht direkt aufs Bett fällt, die quer durchs Zimmer führenden Gasleitungen halbwegs dicht halten und das Fensterglas massiver wirkt als Frischhaltefolie, wähnt sich der Engländer im Märchenschloss. Für den Deutschen braucht es sechzehn verschiedene Eierspeisen zum Frühstück. Alles auf einschlägigen Portalen nachzulesen. Wer sich davon überzeugen möchte, dass unsere merkantile Gegenwart tatsächlich bis ins Mark verkommen ist, oder wer gar sein Scherflein zu diesem Eindruck beitragen will – weil er, sagen wir, im Netz auf „Plueschwelt24“ hereingefallen ist –, der tippe „de.reclabox.com“ in seine Browserzeile.

Prompt landet er im letzten Königreich des Kunden. Diese Insel der übertölpelten Vertrauensseligen ist eine Art geheimes Deutschland: ein Mekka des Meckerns. Hier radikalisieren sich die Kämpfer gegen das Service-Nirwana. Hier heulen sie sich aus über falsch gelieferte Natursteine, nie angekommene Ofentürenfedern, undichte Fertiggaragen, inkompetente Kundendienste, fabrikdefekte Turbolader, patzige Kulanz-Verweigerungen, Single-Börsen-Knebelverträge oder kaputtgewaschene Blusen, die niemand ersetzen will, über versalzenes Bistro-Essen, sich auflösende Schuhsohlen, aufplatzende Nähte an Polstersitzecken, unterschlagene Cashback-Punkte, fehlende Zahnstocher, Knöllchen-Abzocke, überteuerte Friseurrechnungen oder die fehlende Bereitschaft zu Schmerzensgeldzahlungen bei der Bahn, in deren Zügen man ausgerutscht ist.

Die vom Aussterben bedrohten Pfennigfüchse

Man nehme nur dies: „Habe am 29.September 2014 bei“ – den Bäckereinamen streichen wir – „ein halbes Brot gekauft. Dafür wurden mir 2 Euro 93 Cent berechnet. Auf Nachfrage wegen des krummen Betrages erklärte die Verkäuferin, dies sei der halbe Preis für ein ganzes Brot. Meine Frage, ob sie das halbe Brot gewogen hätte, beantwortete die Verkäuferin mit Nein. In dieser Filiale gebe es keine Waage.“ Nachgewogen ergab sich: „877 Gramm...also rund 12 Prozent zu wenig“. Oder das: „Hallo ich habe am Montag dem 16.02.2015 gesehen, dass ihr Tierfellteppiche verkauft. Die standen online für 9,99 drin (nur im Markt erhältlich). Ich bin dann am Dienstag 17.02. da gewesen, und da kosten die auf einmal 12,99.“ Kurz: Es ist eine Verschwörung im Gange. Man will dem deutschen Pfennigfuchs ans Eingemachte.

Das ist durchaus fatal, denn für 51 Prozent der Deutschen, so hat gerade eine Umfrage im Auftrag von West-Lotto ergeben, ist das Schwimmen im Geld der größte Lebenstraum. Wie aber soll das bisschen Dagobert-Luxus je erreicht werden, wenn einen schon der Bäcker übers Ohr haut? Wenn man sich nicht einmal mehr gut germanisch ein Tierfell umhängen kann, ohne abgezockt zu werden? Wer sich auf Reclabox umsieht, merkt schnell: Nicht die Griechen sind unsere Finanzkatastrophe, sondern – der Einzelhandel.

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