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Reality-TV : Der Horror des Alltags

  • -Aktualisiert am

Das Leben als Film: Jim Carrey in der Mediensatire „The Truman Show” Bild: AP

Jeden Tag verspricht uns das Fernsehen, das „echte Leben“ zu zeigen: Reality-Dokus wie „Mitten im Leben“ oder „We are Family“ haben Hochkonjunktur. Doch sind diese Alltagsdramen wirklich normal? Wenn ja, sollten wir nicht mehr so oft vor die Tür gehen.

          Sarah hat Streit mit ihrer Mutter Nicole, weil die sich nicht mehr ums Kochen kümmert, sondern den ganzen Tag ihre eigene Radiosendung im Internet moderiert. „Der Kühlschrank ist leer! Warum geht keiner einkaufen?“, brüllt Sarah. Und die Mutter brüllt zurück: „Geh in die Kühltruhe, da sind Pizzen drin!“ - „Soll ich die Pizza etwa lutschen?“, ätzt die Zwanzigjährige. Dann packt sie ihre Sachen und zieht zu einer Freundin, weil sie die Familie nicht mehr erträgt.

          Rührend sorgt sich derweil die 16-jährige Miriam um ihre Mama Michaela, die kürzlich einen Schlaganfall hatte, aber nicht mit dem Rauchen aufhören will und literweise Cola in sich hineinkippt, anstatt auf ihre Gesundheit zu achten. Michaela hat Wichtigeres zu tun: Mit einer Gruppe gleichaltriger Damen bastelt sie Geschenke für die Boyband US5, deren größter Fan sie ist. Mit 39 Jahren. Sie reist von Konzert zu Konzert, schaut sich abends in ihrem Zimmer Live-Auftritte der Jungs auf Video an und hält die Sorgen ihrer Tochter für übertrieben: „Du meinst: einmal Schlaganfall, immer Schlaganfall.“

          Alle Gedanken kreisen ums Geld

          Bei Familie Pilz in Freising geht es friedvoller zu. Nur einmal regt sich Vater Peter auf, weil ihm die Bank jetzt das Konto gesperrt hat und er nicht so recht weiß, wie er von seinem Gehalt als Sperrmülllader die 300 000 Euro Schulden zurückzahlen soll, die sich nach der Anschaffung des neuen Autos, den Steuerverbindlichkeiten und dem Blindkauf der nie gesehenen Wohnung in Mannheim angehäuft haben. „Gedanken mach'mer uns scho übers Geld“, sagt Ehefrau Andrea, „aber wenn's da ist, ist's auch wieder weg.“

          „Mitten im Leben“, „We are Family - So lebt Deutschland“ und „Lebe deinen Traum“ heißen die Dokusoaps, in denen diese Situationen zu sehen sind, aus denen derzeit das halbe Nachmittagsprogramm bei RTL und Pro Sieben besteht. Die Sendungen behaupten, den Alltag in Deutschland zu zeigen.

          Aber wer länger als zehn Minuten zusieht, kriegt Angst, nachher auf die Straße zu gehen, und kommt zu dem Schluss: Entweder hat dieses Land ein schier unerschöpfliches Reservoir an begabten Laienschauspielern - oder ein ernsthaftes Problem. Denn das, was uns das Fernsehen als Durchschnitt präsentiert, ist der pure Horror.

          Im „echten“ Leben, wie RTL und Pro Sieben es zeigen, sind alle Menschen zu unzufrieden, zu verschuldet, zu zerstritten, zu deprimiert, zu alleinerziehend, zu verantwortungslos und zu unfähig, mit ihrem Leben fertig zu werden. Teenager werden erst schwanger und dann sitzengelassen, Eltern kommunizieren mit ihren Kindern nicht unter 120 Dezibel, und alle rauchen sie dabei Kette. Das schlägt aufs Gemüt. Und nicht bloß, weil gerade Dezember ist.

          Ins Bordell für den neuen Busen

          Zum Beispiel die Sache mit den Brust-OPs: Despina, 27, aus Castrop-Rauxel hat einen Hängebusen und will sich den straff machen lassen, damit sie wieder Sex haben kann, ohne die Kleider anbehalten zu müssen. Dominique, 24, aus Essen ist der festen Überzeugung, größere Brüste zu benötigen, um endlich einen Freund abzukriegen.

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