Home
http://www.faz.net/-gsb-771sn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Reality-Fernsehen Die Klappe fällt, der Kandidat geht pleite

Das Reality-Fernsehen sucht ständig Protagonisten. Dass die komplizierten Verträge oft nicht in ihrem Interesse sind, merken viele zu spät. Manche Fälle landen vor Gericht.

© ddp images Vergrößern Hollywood ist das nicht, nur die Filmklappe haben sie übernommen.

Als Vox vor vier Jahren Kandidaten für seine neue Sendung „Mein Restaurant“ suchte, klang das nach einer großen Chance. Acht Wochen sollten die Teilnehmer Zeit haben, um mit Anschub vom Sender ihr eigenes Lokal zu eröffnen. Das Publikum durfte testessen und entscheiden, welches Team den Laden behält. Lena Katerbau und Martin Berg schafften es in die Sendung, machten ein Restaurant in Berlin auf - und nach ein paar Wochen gleich wieder zu, weil nicht genug Zuschauer für sie angerufen hatten. So waren die Spielregeln. Damit hätte die Sache erledigt sein können. Für den Sender ist sie das auch. Für die Kandidaten nicht.

Die Kölner Firma ITV Studios Deutschland, die „Mein Restaurant“ im Auftrag von Vox produzierte, hat Katerbau und Berg verklagt, weil sie ihren Vertrag nicht eingehalten hätten. Es geht um ein Auto, das sie während der Dreharbeiten geschenkt bekamen und angeblich nicht wie vereinbart versteuert haben. Jetzt müssen sie fast zehntausend Euro nachzahlen.

Dabei hatte alles eigentlich ganz gut angefangen: „Sich selbständig zu machen, und zwar im Grunde ohne eigenes finanzielles Risiko, war schon verlockend“, erklärt Berg, warum er und Lena Katerbau sich bei „Mein Restaurant“ beworben hatten. „Das Restaurant war durch die Sendung ja von Anfang an abends ausverkauft - so was schafft man allein niemals.“ Die Kandidaten verpflichteten sich, der Firma während der dreimonatigen Produktion zur Verfügung zu stehen. Das Honorar: viertausend Euro pro Person.

Mit dem SUV zum Restaurant

Das haben die Beteiligten vorher gewusst. Sie haben bloß nicht dran gedacht, dass es dem Fernsehen darauf ankommt, am Ende selbst als Gewinner dazustehen.

Katerbau und Berg erinnern sich, wie sie während des Drehs informiert wurden, dass sie ein Auto bekämen. Sie hätten eigentlich lieber ihren Kleinwagen behalten und den neuen SUV verkauft. Das ging aber zunächst nicht, weil ITV Studios das Geschenk mit einer Rechnung auslieferte: Die Kandidaten sollten erst die Steuer zahlen und dann den Kfz-Brief kriegen. Das funktionierte nicht, die Produktionsfirma musste später selbst ans Finanzamt zahlen - und forderte das Geld von den Kandidaten zurück. ITV Studios erklärt dazu: „Es gab zahlreiche Erinnerungsschreiben, bevor Klage eingereicht wurde. Für eine außergerichtliche Einigung gab es keine Grundlage, da die Forderung von der Gegenseite immer in toto abgelehnt wurde.“

Nicht ganz unwichtig ist, dass die Kandidaten sich von den Verantwortlichen der Show aufgefordert fühlten, den Wagen während der Dreharbeiten möglichst oft zu benutzen, weil dann die Chance größer sei, damit in die Sendung zu kommen. Das Auto kam von demselben Hersteller, der Gewinnspielpartner bei „Mein Restaurant“ war und - ähnlich wie ein Sponsor - vor den Werbepausen in Trailern auftauchte. Den damals geltenden Werberichtlinien zufolge war es verboten, Sponsoren in die Sendung zu integrieren. Bei „Mein Restaurant“ war der neue Wagen permanent im Bild.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Niggemeiers Tagebuch Alle Achtung!

Bei RTL regiert mit der achten Staffel von Schwiegertochter gesucht mal wieder die Alliteration. Mit blumigen Umschreibungen und Pseudolyrik stellt das vermeintliche Reality-Format seine Protagonisten bloß. Mehr Von Stefan Niggemeier

26.09.2014, 19:51 Uhr | Feuilleton
EU-Parlament für Juncker als neuen Kommissionschef

Die Sozialisten haben ihre Unterstützung für den Kandidaten der konservativen Fraktion EVP signalisiert. Der britische Premier David Cameron appellierte indes an seine EU-Kollegen, sich nicht vom Parlament unter Druck setzen zu lassen. Mehr

28.05.2014, 08:50 Uhr | Politik
Strassen Stars im HR Einfach, authentisch und ohne Gehässigkeit

Einfach gut: Beim HR läuft seit Jahr und Tag eine Ratesendung, die alles richtig macht. Bei den Strassen Stars gibt es nichts zu gewinnen, keine Blamagen, und trotzdem kann man nicht aufhören zu lachen. Mehr Von Lena Bopp

28.09.2014, 10:10 Uhr | Feuilleton
Clowns und Kommunistenjäger

Was haben Osama, Obama, Batman und Dengue gemeinsam? Sie alle treten bei den Wahlen in Brasilien an - mit ziemlich absurden Fernsehspots. Eine Auswahl der bizarrsten Kandidaten. Mehr Von David Klaubert

29.09.2014, 14:31 Uhr | Politik
Reinhold Beckmann im Gespräch Ich bin raus und gebe keine Ratschläge mehr

624 Ausgaben, rund 2000 Gäste - alle, die Rang und Namen haben, waren bei ihm zu Gast. Heute läuft seine Talkshow Beckmann zum letzten Mal. Ist es ein Abschied im Groll? Und was kommt dann? Mehr

23.09.2014, 17:23 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.02.2013, 17:00 Uhr

Schnöde Müllerin

Von Andreas Rossmann

In Wuppertal soll das Theater einen neuen Auftritt haben. Aber kann es mit einer biedermeiernden Aufbereitung von Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ seine Unverzichtbarkeit demonstrieren? Mehr