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Reaktionen von Betroffenen : Die Odenwaldschule ist unser aller Geschichte

  • Aktualisiert am

Der Originalschauplatz erzeugt eine besondere Atmosphäre Bild: dpa

Ist in dem Odenwaldschule-Film, der heute Abend im Ersten ausgestrahlt wird, eine angemessene Darstellung des Missbrauchsskandals gelungen? Das sagen Betroffene über „Die Auserwählten“.

          Der Film „Die Auserwählten“ handelt vom Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule. Gibt er die Verhältnisse, die dort vor Jahren herrschten, Ihres Erachtens - in fiktionalisierter Form - zutreffend wieder?

          Ja, das tut er auf jeden Fall. Es gibt viele Szenen, in denen ich mich wiedergefunden habe. Ich habe mit den Filmemachern selbst gesprochen und sie bei einem Rundgang in der Odenwaldschule auch darauf gebracht, den Film an der Schule zu drehen. Viele Örtlichkeiten entsprechen fast unverändert den Gegebenheiten der achtziger Jahre, in denen der Film spielt. Ich habe mich auch im Trägerverein der Schule dafür eingesetzt, dass der Film hier gedreht werden konnte.

          Dieter Grah (Schüler an der Odenwaldschule von 1974 bis 1976)

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          Der Film ist ein Meisterwerk. Er schildert genau die damalige Situation an der Odenwaldschule in einigen Familien. Nicht in allen war es so! Es gab auch LehrerInnen zu dieser Zeit, die sich rollenklar und angemessen distanziert gegenüber den Schülern und Schülerinnen verhalten haben. Das herauszustellen ist wichtig, denn nicht alle, die an der Odenwaldschule damals gearbeitet haben, waren Täter oder Schützer von diesen, und auch nicht alle Schüler waren Opfer.

          Boris Avenarius (ehemaliger Schüler an der Odenwaldschule)

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          Es gab drei Gruppen von Akteuren: die Täter, die Opfer, das Umfeld: Lehrer, die angeblich „nichts wussten“, und die Eltern. Das System hätte nicht ohne das Zutun jeder dieser Gruppen funktioniert. Über die Rolle der Täter wissen wir inzwischen einiges - über die beiden anderen Gruppen noch viel zu wenig. Ich habe als Opfer selbst, aus Feigheit und aus Eigennutz, geschwiegen - ich hatte Angst, wieder in mein Elternhaus zurückzumüssen. Ich habe die Schreie gehört und genau gewusst, was sie bedeuten - und habe den Mund gehalten. Ich habe eine „Entschädigung“ für meinen Missbrauch erwartet: Schutz vor dem Mobbing der „Kameraden“ und Lehrer sowie Rehabilitation durch die Erwachsenen. Beides habe ich nicht erhalten. Es war ein bitter-süßes Korruptionssystem. Bei dem wir bislang überwiegend die Bestecher beleuchtet haben und nicht die Bestochenen als Bestandteile des Systems. Ohne die hätte das nie so lange funktioniert und wäre nie so lange geheim geblieben. Der Film von Christoph Röhl setzt für mich eine Wegmarke. Der Aufklärungsprozess ist nicht zu Ende. Es muss zur nächsten, steinigeren Etappe weitergehen. Der Film „Die Auserwählten“ ist die Startfahne und kein Ziel, das man nach fünfzehn Jahren endlich erreicht hätte. Das ist wohl mit die Wichtigste der Segnungen, die das Werk für das Publikum bedeuten wird.

          Gerhard Roese (Schüler an der Odenwaldschule von 1975 bis 1982)

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          Sehen Sie Anlass zu Kritik? Ein ehemaliger Schüler sieht seine Persönlichkeitsrechte durch den Film verletzt.

          Das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Der Hase zum Beispiel, den sie im Film sehen, ist durch einen Hinweis von mir in den Film gekommen. Das war mein Kuschelhase, den ich immer bei mir hatte. Es gibt eine Szene, in welcher der Lehrer im Bademantel abends am Bett eines Jungen sitzt und ihm übers Gesicht streicht. Ich habe Ähnliches erlebt. Bei mir war es aber etwas brutaler. Wie wir uns verhielten - das ist in dem Film gut getroffen. Draußen tobten wir uns aus und waren frei. Wir spielten laut Musik ab, wie wir es im Film sehen. Aber hinter den Mauern der Schule kam immer wieder das andere. Die Geschichten, die wir in dem Film sehen, spiegeln sich in allen Aussagen von Betroffenen wider.

          Dieter Grah

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          Nicht die betroffenen Kinder stehen im Vordergrund, sondern die Erwachsenen, die Täter, die Dulder, die nicht Wahr-haben-Wollenden, diese pappige Masse der Lehrer. Der Missbrauch war auch wesentlich größer. Zweihundert Opfer kennen wir bis zum heutigen Tag, siebzehn Täter über mindestens vier Jahrzehnte. Viele von uns erkennen in dem Film ihre Geschichte wieder, nicht nur ein Betroffener. Der Missbrauch wiederholt sich immer wieder auf die gleiche Weise. Dieser Film erzählt also unser aller Geschichte. Wir brauchen diesen Film, wenn wir etwas an unseren Schulen verbessern wollen.

          Jochen Weidenbusch (Schüler der Odenwaldschule von 1973 bis 1980)

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          Es war nicht das Ziel, eine Einzelbiographie eines einzelnen Betroffenen zu verfilmen, sondern eben das Missbrauchssystem exemplarisch zu thematisieren. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich Betroffene hier mit ihrer damaligen Situation wiedererkennen. Ich auch. Aber wer kennt schon mein Kinderbild heute, der nicht zu Familie oder engen Freunden gehört?

          Boris Avenarius

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          Lesen Sie hier unsere Filmbesprechung zu „Die Auserwählten“

          Lesen Sie hier mehr über die Entstehungsgeschichte des Films

          Quelle: F.A.Z.

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