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Veröffentlicht: 09.12.2014, 17:06 Uhr

Entführte Bloggerin Zeitouneh Sie ist eine Stimme der syrischen Opposition

Vor einem Jahr wurde die Bloggerin Razan Zeitouneh von Islamisten entführt - ihre Unterstützer hören nicht auf, ihre Freilassung zu fordern. Zum Jahrestag wird in den sozialen Medien verstärkt Druck gemacht. Und ihre Mutter äußert sich erstmals öffentlich.

von , Kairo
© Archiv Die Bloggerin Razan Zeitouneh

Süßigkeiten oder Schokolade habe sich ihre Tochter gewünscht, als sie das letzte Mal mit ihr sprach. Das erzählt die Mutter der Menschenrechtsaktivistin Razan Zeitouneh, Munira al Hamwi. Einen Tag später wurde ihre Tochter von der „Islamischen Armee“ entführt. Das war vor genau einem Jahr. Razan Zeitouneh, ihr Ehemann Wael Hamada, die Aktivistin Samira Khalil und der Rechtsanwalt Nazem Hamadi, die gegen das Assad-Regime eintreten, wurden verschleppt. Sie habe die Nachricht nicht glauben können, sagt Munira al Hamwi. „Ich fühlte einen furchtbaren Schmerz, der sich in meinem ganzen Körper ausbreitete.“

Immer wieder hatte sie ihre Tochter seit dem Beginn der Unruhen 2011 gedrängt, Syrien zu verlassen. Doch die Rechtsanwältin, die das Europaparlament mit dem Sacharow-Preis für Gedankenfreiheit ausgezeichnet hatte, wollte im Land bleiben. 2012 zog Razan Zeitouneh sogar in die Ost-Ghouta, jene Gebiete am Rande von Damaskus, die das Regime 2013 mit chemischen Waffen angriff. Mit ihren Blog- und Zeitungsbeiträgen fand Razan Zeitouneh international Beachtung. Sie gab der gemäßigten syrischen Opposition, die zwischen Assad und den Islamisten zerrieben wird, eine prominente Stimme.

Die Kontrolle in Duma übernommen

Dass Razan Zeitouneh vor einem Jahr ausgerechnet in einer von der Freien Syrischen Armee (FSA) befreiten Gegend entführt wurde, machte die Sache für die Mutter umso bitterer. Aufgabe der Aufständischen sei es gewesen, „Zivilisten überall und zu jeder Zeit zu schützen“. Doch dazu war die Armee der gemäßigten Opposition nicht in der Lage. Die extremistische „Islamische Armee“ hatte schon weitgehend die Kontrolle in Duma übernommen. Schon Monate vor dem Giftgaseinsatz im August 2013 hatten Assads Truppen die Gegend belagert, um die Regimegegner durch Aushungern zur Unterwerfung zu zwingen. Ein Jahr später starten die Angehörigen Razan Zeitounehs und der anderen drei Entführten eine Öffentlichkeits-Kampagne, um die „Islamische Armee“ zur Freilassung der Verschleppten zu bewegen. Internationaler Druck der „#Douma4“ betitelten Freilassungskampagne hat zwar dazu geführt, dass die islamistische Miliz inzwischen keine ausländische Unterstützung mehr erhält. Wo sich die Entführten befinden und wie es ihnen geht, ist aber weiterhin unbekannt.

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„Heute kennen wir die Namen derjenigen, die für die Entführung verantwortlich sind“, schreiben die Unterstützer von Razan Zeitouneh. Man habe lange überlegt, ob man die Verantwortlichen überhaupt öffentlich machen solle, weil man fürchtete, indirekt geführte Verhandlungen über die Freilassung der Menschenrechtsaktivisten zu gefährden. Doch geholfen habe das nicht. Deshalb soll zum Jahrestag der Entführung über Facebook und Twitter Druck auf die „Islamische Armee“ ausgeübt werden, um sie zur Freilassung der vier zu bewegen. Die Miliz soll nicht nur sie, sondern weitere Oppositionelle entführt, gefoltert und ausgehungert haben.

Im Sommer hatten sich Dutzende Organisationen einem Aufruf der Angehörigen angeschlossen, ohne Erfolg. Amnesty International fordert abermals, die Entführten sofort freizulassen. Sollte eine andere Gruppe für die Verschleppung verantwortlich sein, müsse die Miliz „ihren Einfluss nutzen“, um an Informationen über den Verbleib der vier zu gelangen und auf ihre Freilassung zu dringen. Das Medienbüro der „Islamischen Armee“ hatte im Juni wütend auf den Aufruf zur Freilassung der Entführten reagiert. Das sei ein Hinweis, dass man ins Schwarze getroffen habe, sagt Rami Nakhle, der die Bemühungen zur Freilassung vom türkischen Gaziantep aus koordiniert.

Der öffentliche Appell der Mutter Munira al Hamwi

Man hat mich gebeten, über meine Tochter zu schreiben, Razan Zeitouneh. Ich bin keine Journalistin, und auch keine Schriftstellerin, aber ich werde versuchen aufzuschreiben, was mir durch den Kopf geht. Dabei werde ich nicht über Razans Arbeit schreiben oder über ihre Leistungen, weil das schon so viele andere gemacht haben.

Ich werde nie vergessen, wie sie nach Beginn des Aufstands in Syrien versucht hat, sich unsichtbar zu machen für die Öffentlichkeit, um einer Verhaftung zu entgehen. Sie verließ das Haus nur bei Nacht und in Verkleidung. Immer wenn ich sie vermisst habe, habe ich versucht, sie im Geheimen zu treffen. Mehrfach habe ich ihr geraten, das Land zu verlassen wie manche ihrer Freunde auch. Sie lächelte dann nur und schüttelte den Kopf und sagte: ,Ich werde mein Land nicht verlassen.' Dann kam ich wieder traurig nach Hause zurück und betete verzweifelt zu Gott, dass er sie retten und beschützen möge – in aufgeregter Erwartung, sie bald wiederzusehen.

Ich war schockiert, als sie mir sagte, dass sie in die Ost-Ghouta ziehen würde. Als ich sie fragte, warum, sagte sie: ,Mutter, glaub‘ mir, es ist eine sichere Gegend …Dort werde ich in Sicherheit leben und mich frei bewegen können, und niemand wird mich bedrohen.'

Trotz meines Schmerzes und meiner Trauer über ihre Entscheidung, die bedeutete, dass ich sie von da an nicht mehr sehen würde, wünschte ich mir für ihr Leben Stabilität und Sicherheit. Deshalb stimmte ich ihrer Entscheidung zu.

Nach ihrem Umzug hielten wir über Skype Kontakt. Sie versuchte mir immer das Gefühl zu geben, dass es ihr gut ginge, aber mein Herz sagte das Gegenteil. Ich erzählte ihrem Vater oft von meinen Ängsten, aber wie immer sagte sie nichts dazu, um uns keine Sorgen zu bereiten.
Als die Belagerung der Ost-Ghouta sich intensivierte, und es kein Brot und auch keine anderen Nahrungsmittel mehr gab, hatte ich ununterbrochen Angst um sie. Ich fragte sie, ob sie Brot hatte oder etwas anderes zum Essen. Sie aber antwortete nur: ,Mach Dir keine Sorgen, Liebste.' Als ich auf einer Antwort beharrte, lachte sie nur und sagte zum Schluss: ,Was ich mir wünschte, wären Süßigkeiten oder Schokolade. Weder ich noch die Kinder in unserer Nachbarschaft haben seit sehr langer Zeit welche gegessen.'

Am nächsten Tag ging ich schnell zum Markt und kaufte alle Arten von Schokolade. Ich kaufte sehr viel, weil ich wusste, dass sie sie nicht allein essen, sondern das meiste davon an andere geben würde. Ich kaufte ihr auch Medizin, weil sie über Ausschläge an den Händen klagte. Ich kaufte auch Medizin für ihren Mann Wael, weil er Magenschmerzen hatte, und ein paar andere Dinge, um die ihre Freundin Samira mich gebeten hatte.

Natürlich kaufte ich all diese Sachen im Wunsch und in der Hoffnung zu Gott, dass ich jemanden finden würde, der sie ihr auch bringen könnte. Die Gegend war weiter belagert, die waren Straßen gesperrt, und eigentlich gab es weder einen Weg hinein noch hinaus. Aber mir wurde immer wieder versprochen, dass sich jemand Vertrauenswürdiges finden würde, der es durchschaffen würde.

Am nächsten Morgen, vor genau einem Jahr, wachte ich auf, nur um die Nachricht zu hören, dass meine Tochter gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden Freunden, Samira und Nazem, entführt worden war. Ich konnte nicht glauben, was ich hörte. Ich dachte, es handele sich um eine Verwechslung, aber leider stimmte die Nachricht. Es fühlte sich an, als ob sich die Welt vor meinen Augen verschließe. Ich konnte nicht weinen; mein Herz weinte, aber aus meinen Augen kamen keine Tränen. Ich fühlte einen furchtbaren Schmerz, der sich in meinem ganzen Körper ausbreitete.

Seitdem sind Tage und Monate vergangenen, an denen ich vergeblich gewartet habe. Jede Nacht gehe ich ins Bett in der Hoffnung mit einer guten Nachricht aufzuwachen, aber bislang vergebens. Meine Hoffnungen lösen sich auf, und die bittere Wirklichkeit bleibt. Ich habe meine Tochter in der befreiten Gegend verloren, in der die Freie Syrische Armee überall hätte präsent sein sollen, wo ich gehofft hatte, dass sie sicher sein würde, weil es ihre Aufgabe ist, Zivilisten überall und zu jeder Zeit zu schützen. Und jetzt habe ich keine Lösung mehr für meine Situation und keine Hoffnung mehr außer meinem Glauben, dass Gott sie, ihren Mann Wael und ihre Freunde Samira und Nazem in Sicherheit zurückbringen wird.

Möge ihnen Freiheit geschenkt werden, so wie alle frei kommen sollen, die irgendwo vermisst werden, entführt wurden oder festgehalten werden. 

Aus dem Englischen übersetzt von Markus Bickel.

Glosse

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Bei der Architekturbiennale in Venedig fungiert Marianne Birthler als Kuratorin. Das Motto lautet „Freespace“. Was wird die ehemalige Chefin der Behörde für Stasi-Unterlagen dazu beitragen? Mehr 0

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