29.06.2010 · Das schönste Geburtstagsgeschenk für Ray Harryhausen: Der Kölner Trickfilmer Carsten Sommer, bekannt durch „Käpt'n Blaubär“, beschert dem amerikanischen Special-Effects-Pionier einen aufwendig animierten Gruß zum Neunzigsten. Exklusiv auf FAZ.NET.
Von Andreas PlatthausDer 29. Juni 2010 ist ein Jubeltag des Kinos. Denn dieses Datum bezeichnet Ray Harryhausens neunzigsten Geburtstag.
Der amerikanische Trickspezialist hat in seiner vier Jahrzehnte umspannenden Karriere nur an zwei Dutzend Filmen mitgearbeitet, doch seine mit Puppen im Stop-Motion-Verfahren gedrehten Special Effects für Fantasywerke wie „Sindbads siebente Reise“ (1958); „Jason und die Argonauten“ (1963) oder „Kampf der Titanen“ (das Original von 1981, nicht die klägliche 3D-Version von 2010, die einmal mehr Sehnsucht nach Harryhausens Understatement aufkommen lässt) haben sich ins Gedächtnis jedes Filmfans eingebrannt, der diese kunterbunte Unterhaltungsware im Kino oder - wahrscheinlicher - als Kind in den Sonntagsnachmittagsprogrammen diverser Fernsehsender erleben durfte.
Und sie haben das Verständnis davon verändert, was Trickfilm ist - nämlich nicht nur Zeichentrick, wie Walt Disney und all seine Erben ihn so erfolgreich etabliert haben. Stop Motion heißt, jedes Einzelbild einer animierten Sequenz mit Puppen in sorgsam gebauten Dekors zu arrangieren und aufzunehmen. Also eine unendlich mühsame Prozedur, die aber lange Zeit gegenüber dem gezeichneten Trickfilm eine größere Lebendigkeit dadurch beanspruchen konnte, dass hier dreidimensionale Szenen fotografiert wurden.
Harryhausen war der Meister, und alle, aber wirklich alle heutigen Stop-Motion-Spezialisten, allen voran die berühmtesten von Aardman, dem Studio, das „Wallace und Gromit“ oder „Chicken Run“ produziert hat, sind Harryhausens Schüler.
Fünftausend Einzelaufnahmen
Auch Carsten Sommer. Der Trickfilmer betreibt in Köln-Bickendorf ein eigenes kleines Studio. Die geringe Größe des Ortes aber sollte nicht darüber hinwegtäuschen, was für grandiose Filme hier entstanden sind: allen voran die „Käpt'n Blaubär“-Episoden für die „Sendung mit der Maus“. Dadurch ergab sich ein enger Kontakt zu Walter Moers, dem Blaubär-Schöpfer, der immer wieder um Carsten Sommers Hilfe bat, wenn es darum geht, zamonische Wunderwesen ins Leben zu bringen. Und natürlich ist Moers ein Riesenfan von Harryhausen, was seine Würdigung beweist, die er für die F.A.Z. übers ein Idol geschrieben hat (siehe Bilder und Zeiten vom 26. Juni).
Da wollte Carsten Sommer nicht nachstehen, aber warum sollte sich ein Special-Effects-Spezialist aufs Schreiben verlegen? Er machte, was er am besten kann: einen Trickfilm. Fünf Minuten lang, also (bei 24 Aufnahmen pro Sekunde) rund sechstausend Arrangements. O.k., Vor- und Abspann ziehen wir jetzt mal ab, aber fünftausend bleiben allemal. Das Haus, das Harryhausen in London bewohnt, wurde originalgetreu verkleinert nachgebaut, eine fliegende Untertasse, wie Harryhausen sie in „Earth vs. Th Flying Saucers“ 1956 animiert hat, gebaut, Außerirdische wurden gestaltet - aber mehr soll hier nicht verraten sein, denn das Ganze ist eine Überraschung. Für Ray Harryhausen, der den Film zum Geburtstag präsentiert bekam, und für die Nutzer von FAZ.NET, denen Carsten Sommer seine Hommage zur Verfügung stellt. Wie viel Mühe, Zeit und Geld darin steckt, kann man nur ahnen. Sommer ist es egal, denn das Werk ist sein Tribut an den großen Lehrer, ohne dessen Einfluss die Stop-Motion-Technik ihre Renaissance der letzten zwei Jahrzehnte nie und nimmer erlebt hätte.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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