In diesen Tagen kann ein opulent in Szene gesetztes Historienspektakel, das „Rasputin“ heißt, eine französisch-russische Koproduktion ist und, dies vor allem, Gérard Depardieu in der Titelrolle präsentiert, naturgemäß erst in zweiter Linie der Anlass für eine Fernsehkritik sein.
In erster Linie ist das Ereignis eine Angelegenheit für den politzirzensischen und klatschgesellschaftlichen Boulevard. Also wissen wir dank der „Bild“-Zeitung, der wir in diesem Fall uneingeschränkt vertrauen, welches Rasputin-Gespräch sich entspann, als Wladimir Putin und der gerade von ihm mit einem druckfrischen Pass versehene Neu-Russe Gérard Depardieu am Abend des 5. Januar in der Präsidentenresidenz der Schwarzmeer- und Olympiastadt Sotschi zusammentrafen. Das Rencontre ist einfach zu schön, um unwahr zu sein.
O-Ton „Bild“: „,Gérard, bist du mit deiner Arbeit zufrieden?’, fragt Putin den per Charterflug angereisten Gast. ,Ja, Wladimir, nur leider hast du meinen Film Rasputin noch nicht gesehen’, erwidert Depardieu. Putin runzelt die Stirn. Alle Russen sollten den Film über den mysteriösen Zarenberater sehen, befindet er und blickt zu Oleg Dobrodejew, dem Chef der mächtigen Mediengesellschaft WGTRK. ,Spätestens im Mai läuft Rasputin landesweit im Staatsfernsehen’, verspricht Dobrodejew schnell.“
Alles nur ein Werbetrick?
Uns ereilt dieses Schicksal schon heute, am 18. Januar, Arte sendet den Film zur besten Abendzeit. Inszeniert hat ihn die auf Abenteuer-, Biopic- und Geschichtsdramen spezialisierte französische Regisseurin Josée Dayan. 1998 etwa drehte sie „Der Graf von Monte Christo“ als Vierteiler für das Fernsehen, im Jahr danach „Balzac - Ein Leben voller Leidenschaft“ als Zweiteiler und 2000 dann aufs Neue in vier Teilen „Les Misérables - Gefangene des Schicksals“.
Ob als falscher Monte-Christo-Graf Edmond Dantès, ob als Pariser Romanfürst oder als Ex-Sträfling Jean Valjean: immer war Depardieu dabei der Star - und so ist er es nun eben auch als Wanderprediger und Wunderheiler Grigori Jefimowitsch Rasputin, der nach einigen Marienerscheinungen und rastlosen Pilgerreisen 1907 aus der sibirischen Weite an den Zarenhof von St. Petersburg kam, dort dem dreijährigen, an der Bluter-Krankheit leidenden Zarewitsch durch Handauflegen und Fürbitten das Leben bewahrte und darüber Herz wie Verstand der aus Hessen stammenden Kaiserin Alexandra gewann.
In der „taz“ vom vergangenen Mittwoch hat der russisch-deutsche Schriftsteller und Schelmenromancier Wladimir Kaminer nun den Verdacht geäußert, die französische Flucht und die russische Einbürgerung des Schauspielers seien weniger den Querelen mit der Pariser Steuer- und Reichenpolitik von François Hollande geschuldet. Vielmehr glaubten viele Russen, „dass das alles ein Werbetrick für den Depardieufilm ist, in dem er den Rasputin spielt“.
Der tapsige russische Priesterbär
Gegen diesen Verdacht spricht zumindest nicht, dass, so „Bild“, die mächtige WGTRK - also die Allrussische staatliche Fernseh- und Radiogesellschaft - und deren Chef auf Putins Stirnrunzeln hin immerhin sofort mit einem Sendetermin herausrückten, wenn auch mit dem spätestmöglichen. Für den Verdacht spricht überdies, dass Depardieu für seine Darstellung Rasputins eines mit Gewissheit brauchen kann: Werbung.
Denn er, der einst so große Mime, ist in dieser Rolle nur noch ein Schatten seiner selbst, ein schwerfälliger, tapsiger russischer Priesterbär mit Rauschebart und Erlösermiene , der mit Ausnahme einiger weniger Szenen - etwa der prophetischen Ansprache an die Bauern seines sibirischen Dorfes - überaus statuarisch wirkt.
Alles, was ein Rasputin-Schauspieler verkörpern sollte - Dämonie wie Charme, Bonhomie wie Abgefeimtheit, tiefe Frömmigkeit wie lasterhafte Ausschweifung -, wirkt bei Gérard Depardieu bloß wie eine Behauptung, die von anderen Figuren der Handlung, Anhängern wie Feinden, über ihn in die Welt gesetzt wird.
Rasputin und Obelix
Dass der historische Rasputin ein hagerer Mann war, Depardieu inzwischen aber beträchtlich in die Weite ging, fällt im Wortsinn noch am wenigsten ins Gewicht. Viel schlimmer ist, dass man hinter seinem Rasputin immer die andere Kultfigur zu sehen wähnt, die er seit geraumer Zeit verkörpert - den gutmütigen, tapsigen Obelix aus den Asterix-Filmen.
Weit spannender und interessanter als Depardieus Spiel ist der Blick, den die Drehbuchautoren Vincent Fargeat und Philippe Besson auf Rasputin werfen. Sowohl für die Bolschewiken um Lenin und Trotzki als auch für die inneradlige Zaren-Opposition um den Großfürsten Nikolai und den späteren Attentäter, den Fürsten Jussupow, war Rasputin einst der Inbegriff des Obskuranten, des Scharlatans, des Betrügers und Verbrechers, ja des Bösen schlechthin - nicht zuletzt sahen auch die Repräsentanten der Orthodoxen Kirche in ihm eine permanente Bedrohung und Gefahr.
Seit dem Ende des Kommunismus und der Sowjetunion aber hat sich dieses Bild erheblich gewandelt - und das Drehbuch vollzieht diesen Wandel nun mit. Gleich zu Beginn des Films und in der Folge dann sehr explizit wird jetzt auf den Friedensapostel Rasputin gesetzt: Mehrfach beschwört er Zar Nikolaus II. vor dem Eintritt Russlands in den Ersten Weltkrieg, mehrfach prophezeit er den Untergang der Monarchie, wenn seiner Mahnung zuwidergehandelt werde.
Ra-Ra-Rasputin, Lover of the Russian Queen
Auch moralisch ist dieser Mann nun ein wahres Gotteslamm. Bereits 1901 hatte der Bischof von Tobolsk Rasputin beschuldigt, Mitglied der Chlysten-Sekte zu sein und wie sie seine Gottesdienste in sexuelle Orgien ausufern zu lassen. In Josée Dayans Film bleibt davon eine einzige, im Weichzeichner eingefangene Szene, in der man Depardieu mit einigen nackten Schönen zwar pittoresk drapiert, aber rein passiv im großen Bett besichtigen kann.
Einer völligen Revision unterworfen wird schließlich das für die Zeitgenossen in allerhöchstem Maße skandalträchtige Verhältnis zwischen Rasputin und der Zarin Alexandra - noch in der Pop-Variante der endsiebziger Jahre, im „Ra-Ra-Rasputin“-Refrain von Boney M, ist die sibirische Sexmaschine ganz selbstverständlich auch der „Lover of the Russian Queen“.
Nun aber begegnet Depardieus sonderbarer Volksheiliger seiner Gönnerin ausschließlich in keuscher Zurückhaltung und Scheu. Nicht ein einziges Mal berühren sich die beiden, am nächsten kommen sie sich, wenn sie der von Wladimir Mashkow fast ätherisch gespielte Zar als leidenschaftlicher Amateurfotograf zusammen mit allen Kindern der Romanows ablichtet. Und die Wunderheilung des Zarewitsch Alexei (Igor Boudkevitch), später auch der Hofdame Anna Wyrubova (Anna Mikhalkova)? Für die Regisseurin Dayan werden daraus psychosomatische Kabinettstücke eines Profis in Sachen Redekur.
Das Filmpaar Ardant und Depardieu
Die erste, schonungslose Szene des Films gilt der Exekution der Zarenfamilie in Jekaterinburg während der Nacht zum 17. Juli 1918. Die letzte, nicht minder schonungslose Szene zeigt in einer langen Einstellung die Ermordung Rasputins im Petersburger Stadtpalais des Fürsten Jussupow (Filipp Jankowskij) während der Nacht zum 17. Dezember 1916. Hier folgt das Drehbuch erstaunlicherweise Jussupows späterer Rechtfertigungsschrift, die das Ganze mystifizierend als einen zunächst vergeblichen Giftanschlag auf den offenbar vollkommen resistenten Rasputin schildert - und kein Wort über die recht bestialische Folterung verliert, deren Spuren bei der Obduktion des Leichnams festgestellt wurden.
Die Zarin spielt Fanny Ardant. Und damit ist das Traumpaar des französischen Films wieder einmal zusammen vor der Kamera. Etwa zehnmal haben Ardant und Depardieu in den vergangenen gut drei Jahrzehnten miteinander agiert, gleich der erste gemeinsame Auftritt in François Truffauts „Die Frau nebenan“ (1981) war eine Sternstunde des Liebes- wie des Autorenfilms. Auch das Liebes- und Lebenspaar, das die beiden in Josée Dayans Balzac-Film waren, bleibt nachdrücklich in Erinnerung.
Nun aber, in „Rasputin“, kann von einem Zusammenspiel kaum noch die Rede sein. Zwei Stars spielen vielmehr nebeneinanderher: Fanny Ardant mit immer noch großer Aura, Depardieu hingegen als etwas beschädigtes Denkmal seiner selbst. Dazu opulente Kostüme, Petersburger Schauplätze in Blattgold und große sibirische Landschafts-Panoramen. Ob der Neu-Russe Gérard Depardieu und sein Präsidenten-Freund Wladimir Putin wirklich zufrieden sein können?