21.07.2007 · Der Beschluss der Investoren, die Sendergruppe Pro Sieben Sat.1 von Programminhalten zu befreien, markiert das Ende einer Ära. Privatfernsehen verkommt zum reinen Kommerz. ARD und ZDF können sich freuen.
Von Michael HanfeldDie Eigentümer des Privatsenderkonzerns Pro Sieben Sat.1 haben in dieser Woche ein Kapitel der deutschen Rundfunkgeschichte beendet. Sie haben es begraben und das Ende dieser Ära noch nicht einmal mit einer Traueranzeige umflort. Es ist das Ende des Systemkampfs zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern auf inhaltlicher Ebene, denn von nun an sollen Pro Sieben und Sat.1 tatsächlich nur noch sein, was ARD und ZDF den Privatsendern seit je vorwerfen: Plattformen für den Kommerz, wobei es hier nicht einmal mehr um Kunden, sondern nur noch um Anleger geht.
Die Finanzinvestoren Permira und KKR, denen die Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe gehört, vernichten mit Sat.1 einen der führenden deutschen Fernsehsender, sie entlassen die Hälfte der Belegschaft und glauben noch, sie tun gut daran. Denn im Sinne des Finanzmarkts handeln sie mit der Zerschlagung scheinbar richtig, da sie jetzt vielleicht bessere Zinskonditionen zum Abbau der Schulden aushandeln können. Schulden, die die Sender nicht hatten, bevor sie von den Investoren zum Fabelpreis von 3,3 Milliarden Euro gekauft wurden. Sat.1, Pro Sieben und die kleineren Sender der Gruppe warfen eine Rendite von mehr als zwanzig Prozent ab, sie beherrschen knapp ein Drittel des Fernsehmarkts, sie machen ein erfolgreiches Programm. Allein, in den Augen ihrer neuen, gesichtlosen Eigentümer, auf die Franz Münteferings Diktum von den „Heuschrecken“ zu genau passt, zählt dies alles nicht.
Eine rundfunkhistorische Konsequenz
Es zählt nicht, dass Sat.1 der erste deutsche Privatsender überhaupt war und der - wenn man so will - öffentlich-rechtlichste unter den Privatsendern ist, der sich noch stets in den Spagat zwischen Quote und Qualität begab und den Wettbewerb um die Gunst des Publikums und der Anzeigenkunden und dann auch noch - ein wenig - der Kritiker in sämtlichen Genres aufnahm. Diejenigen, die Pro Sieben und Sat.1 nun in Händen haben, wissen mit all dem nichts anzufangen. Es ist sogar fraglich, ob ihnen überhaupt noch der „Rundfunk“ etwas sagt. Mit journalistischen Kategorien braucht man ihnen nicht zu kommen, haben sie doch beschlossen, das Informationsprogramm des Senders Sat.1 auf nahe null zu bringen. Diese Investoren kennen keine Werte, die sich nicht als Renditeerwartung ausweisen lassen, gesellschaftliche schon gar nicht. In ihrem kurzfristigen Gewinnstreben vernichten sie sogar das unternehmerische Kapital, das Pro Sieben Sat.1 in mehr als zwei Jahrzehnten aufgebaut hat.
Dass es dabei ausgerechnet Sat.1 erwischt - den Sender, dessen Minibelegschaft von rund 270 Mitarbeitern auf 170 schrumpfen soll -, hat sogar so etwas wie eine rundfunkhistorische Konsequenz. Der Sender war schon immer Avantgarde. Er ging als erster Privater am 1. Januar 1984 auf Sendung. Es war eine chaotische Angelegenheit, gab es doch nicht einen, sondern mehr als zwei Dutzend Eigentümer, von denen keiner so genau wusste, wie das Geschäft funktioniert. Man nannte es „Verlegerfernsehen“. Dann brachte Leo Kirch diesen und andere Sender unter seine Kontrolle und formte einen Konzern daraus, der erste echte Fernsehmogul deutscher Provenienz.
Tragischer Niedergang
Nach seinem Untergang kamen zum ersten Mal Finanzinvestoren im deutschen Fernsehen zum Zug: Der amerikanische Medienunternehmer Haim Saban und sechs Mitinvestoren übernahmen im Herbst 2003 Pro Sieben Sat.1 zum Schnäppchenpreis von nur 525 Millionen Euro. Hiesige Medienkonzerne wie die WAZ oder der Bauer Verlag zögerten oder wurden, wie Springer, von der Medienkontrolle ausgebootet. Sowohl das Bundeskartellamt als auch die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) bilden sich bis heute viel darauf ein, dass der bereits ausgehandelte Verkauf von Pro Sieben Sat.1 an Springer vor anderthalb Jahren nicht zustande kam. Man habe auf diese Weise überbordende Meinungsmacht verhindert. Dass sie damit international agierenden Investoren den Boden bereitet haben, deren Finanz- und Meinungsmacht jene Springers um ein Vielfaches übersteigt, geht über ihren Horizont.
Springer wurde verhindert, dafür gingen die Sender von einer Investorengruppe zur nächsten über. Angesichts des Kaufpreises von 3,3 Milliarden Euro und der Tatsache, dass die neuen Eigentümer Pro Sieben Sat.1 mit der skandinavischen Sendergruppe SBS fusionieren und dafür auch noch die deutschen Sender zur Kasse bitten würden, war Insidern klar, dass es von nun an nur noch ums Geldverdienen um jeden Preis gehen würde, um das Gesetz des Rentenkapitalismus, um eine Rendite von dreißig Prozent und um sonst gar nichts.
Das Tragische ist, dass Sat.1 und Pro Sieben in all den Jahren - begünstigt sogar durch die unsicheren Eigentumsverhältnisse - das ansehnlichste und vielfältigste deutsche Privatsenderprogramm produziert haben. Hier gab es nicht die Dschungelshow, hier gab es den international prämierten Zweiteiler „Der Tunnel“; es gab nicht die Endemol-Perversionen à la „Big Brother“, sondern selbstproduzierte Serien und vor allem Fernsehfilme, die sich der Branchenführer RTL schon seit Jahren nicht mehr leistet, es gab Harald Schmidt und es gibt Stefan Raab. Stattdessen läuft bei Sat.1 nun, eines der ersten Signale der neuen Linie, die Übertragung der Doping-Tour de France, die die Öffentlich-Rechtlichen mit gutem Grund beendet haben.
Grund zum Jubeln bei ARD und ZDF
Es gab Geschäftsführer wie Martin Hoffmann, Roger Schawinski und jetzt Matthias Alberti, die sich fürs Programm verwenden und ihren Erfolg zwar auch auf der Bilanzpressekonferenz in nackten Zahlen vorweisen, aber zunächst das Publikum und die werbetreibende Wirtschaft für sich gewinnen wollen. Mit einem Programm, das kreativer, witziger und jünger ist als das der Öffentlich-Rechtlichen, zudem mit einem journalistischen Aushängeschild wie dem Nachrichtenmoderator Thomas Kausch, den der vorletzte Sat.1-Geschäftsführer Schawinski vom ZDF abwarb und den die neuen Eigentümer, beziehungsweise ihr Homunculus, der Pro-Sieben-Sat.1-Vorstandsvorsitzende Guillaume de Posch, aus dem Sortiment nehmen wie vergammelte Ware.
Künftig wird es einerlei sein, was bei Sat.1 unter dem Titel Nachrichten läuft, und auch die Produktion fiktionaler Programme kann man auslagern beziehungsweise ganz sein lassen. Denn schließlich kosten sie Geld, die Übernahme von Programmen der SBS-Sender, die jetzt zu Pro Sieben Sat.1 gehören, ist allemal billiger. Was das für das Image des Senders, für die Zusammenarbeit mit den Kreativen der Branche, für den unternehmerischen Erfolg der Sender und am Ende für den Rundfunk- und Produktionsstandort Deutschland mit seinen qualifizierten Arbeitsplätzen bedeutet, scheint die Investoren nicht zu kümmern.
Ein Grund zum Jubeln ist das allein für ARD und ZDF. Ihre merkwürdige Art der Selbsterklärung, die darin besteht zu behaupten, dass nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine freie und unabhängige Meinungsbildung zu garantieren in der Lage sei (weshalb er pro Jahr 7,3 Milliarden Euro und bald noch mehr Gebühren pro Jahr kosten muss), erhält durch das Gebaren der neuen Herren des Privatfernsehens eine Bestätigung, auf welche die Intendanten händeringend gewartet haben.
Die blinden Augen der Investoren
Denn für wie wichtig man bei Permira und KKR und im Vorstand von Pro Sieben Sat.1 das Informations- und Nachrichtenprogramm nimmt, zeigt sich dieser Tage deutlich: Es wird auf Anraten von McKinsey so gut wie eingestellt. Dabei spielt nicht einmal eine Rolle, dass die damit verbundenen „eingesparten“ Personalkosten von weniger als zehn Millionen Euro „Peanuts“ sind im Vergleich zu den willkürlich angehäuften Schulden von rund vier Milliarden Euro. Es geht allein um billige Finanzkosmetik. Das Programm an sich stellt in den blinden Augen der Investoren keinen Wert dar.
Auf die allfälligen Wertediskussionen, die in ermüdender Gleichförmigkeit die Medienpodien dieser Republik seit Jahren beherrschen, brauchen wir nicht länger zu zählen. Die neuen Herren des Privatfernsehen werden dort nicht erscheinen, weil sie zum Thema nichts zu sagen haben. In der Verlagsbranche stehen, wenn wir auf das Raumgreifen eines David Montgomery blicken, dieselben Figuren nicht nur ante portas: Die Finanzvernichter der Presse haben schon beide Füße in der Tür.