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Rainer Erler zum Achtzigsten : Gefährliches Wissen aus Fleisch und Blut

Wissenschaft, Technik, Politik und andere Grotesken: Rainer Erler ist ein Meister plausibler Fernsehfiktion Bild: dpa

Er führte das Lese-, Film- und Fernsehpublikumsbewusstsein an noch heute aktuelle technische und soziale Wandlungen heran, als die gegenwärtigen Goldkinder des „Techno-Thrillers“ noch zur Schule gingen. Rainer Erler zum Achtzigsten

          Vor drei bis vier Jahrzehnten bereits dachte sich dieser Erzähler, Szenarist und Regisseur eine Welt von morgen aus, die immer noch nicht von gestern ist. Nach wie vor muss das Gegebene sich abstrampeln, zu Rainer Erlers Visionen aufzuschließen. Immerhin versäumt die Gegenwart nicht länger, ihn lernwillig wiederzuentdecken: Seine besten Fernsehfilme sind als DVD-Editionen erhältlich - seit kurzem endlich auch der nahezu perfekte Fünfteiler „Das Blaue Palais“. Der kleine, bewegliche Berliner Verlag Shayol macht die Romanfassungen seiner Drehbücher wieder zugänglich. Und die literarische Zeitschrift für Phantastik „Nova“ stellt ihn den Jüngeren als Klassiker der deutschen Science-Fiction-Kurzgeschichte vor.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Als die gegenwärtigen Goldkinder des Genres „Techno-Thriller“, das Erler „Science-Thriller“ nannte, also Leute wie Daniel Suarez oder Cory Doctorow, noch zur Schule gingen, führte Erler - wie zur selben Zeit sein amerikanischer Geistesverwandter Michael Crichton - das Lese-, Film- und Fernsehpublikumsbewusstsein an technische und soziale Wandlungen heran, die noch 2013 alles andere als abgeschlossen sind.

          Dringlich genug

          Seit Industrie, Dienstleistungen, Alltagskultur, Kunst und Politik den heftigsten Verwissenschaftlichungsschub seit der industriellen Revolution erleben, stehen die dramatischen Künste in der Pflicht, allerlei hochabstrakte Tatbestände in Konstellationen ebenso emblematischer wie plausibler Figuren zu überführen. Erler gehört zu den wenigen Deutschen, denen das gelang - auch weil er stets ein Auge dafür hatte, wer ihm dabei als Schauspielerin, Musiker oder Produktionsdesigner die Arbeit erleichtern konnte. Dass etwa im Gemüt aller Wissenschaftler, die etwas taugen, stets ein fortschrittlicher Faust und ein nihilistischer Mephisto einander belauern, sah man in der Mimik Silvano Tranquilis im „Blauen Palais“ auf den ersten Blick, weil Erler wusste, wie man so ein Gesicht als ikonische Maske des betreffenden Konflikts ins richtige Licht setzt. Und dass Robert Atzorn - unser Lehrer Doktor Specht - in „Das schöne Ende dieser Welt“ von 1984 als zweifelnder Handlanger eines Großkonzerns szenenweise auf einem Niveau agierte, für das heute der Name Christoph Waltz steht (etwas schmaler, etwas luftgetrockneter freilich), liegt zweifellos daran, dass Erler die Kühnheit hatte, diesem Hauptdarsteller zuzutrauen und zuzumuten, in Wort und Geste für verwickelte Gewissensnöte zu stehen, die aufzuschreiben dicke Wälzer füllen müsste.

          An den Aufgaben wachsen die Menschen - und die ästhetisch-politischen Aufgaben, in die sich Erler seinerzeit warf, sind ja dringlich genug geblieben: „Plutonium“ (1978) wirkt mitten im War on Terror so aktuell wie „Das schöne Ende dieser Welt“ unter Bedingungen gentechnisch aufgerüsteter Agrarbiochemie. Dass Big Pharma in einer Welt, die das Patentieren von Kreaturen zulässt, verantwortungsvoller mit dem Lebendigen umgeht als in den Tagen von „Fleisch“ (1979), wird niemand behaupten wollen. Diese thematische Aktualität ist das Eine. Das Andere ist, dass Erlers Arbeiten immer mehr waren als visuelle Leitartikel: Für Stoffe wie die genannten fand er vor allem jederzeit das rechte dramaturgische Tempo; nie ließ er sich von ihnen dazu nötigen, die intendierte Aufklärung in mundgerechte Happen zu pressen, wie das auf unseren Infografik-Müllhalden täglich geschieht. Stattdessen passte er sein gefährliches Wissen in schlüssige Dialoge ein, in den Widerstreit, ins Drama. Wenn Götz George in „Das schöne Ende dieser Welt“ als Öko-Aktivist dem unsicheren Atzorn einen Monolog über Aluminiumverarbeitung um die Ohren haut, ist das daher lebendiger als manche Schimanski-Schimpfkaskade aus demselben Mund.

          Weil Erler sich für Szenen, in denen jemand jemandem erklärt, was auf dem Spiel steht, stets alle nötige Zeit nimmt, wirken seine Action-Sequenzen im Kontrast umso rasanter - Sorgfalt bei der Exposition wird eben belohnt. Und weil seine Stoffe über ihre Anlässe hinaus wirkliche Epochenprobleme sind, werden Neugierige das noch lange genießen und davon noch lange lernen können. An diesem Montag wird Rainer Erler achtzig Jahre alt.

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