http://www.faz.net/-gqz-8jkct
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 04.08.2016, 16:58 Uhr

Zur Zukunft des Digitalradios In sieben Jahren schalten wir einfach ab

Die Politik sollte sich nicht von den Privatsendern kirre machen lassen. Es ist sinnvoll, auf das Digitalradio zu setzen. Man muss es nur wollen und notfalls erzwingen.

von Jürgen Bischoff
© dpa Wie bleiben wir auf Empfang? Für Radiogenuss ohne Hörfunk stehen der digitale Übertragungsstandard DAB und das Internet bereit.

Die Geschichte des Digitalradios in Deutschland ist keine Geschichte von Pleiten, Pech und Pannen, sondern eine von Murks und Unvermögen, ein an sich sinnvolles System in den Markt zu bringen. Die Geschichte wäre ein Objekt für eine Dissertation im Fach Marketing unter dem Rubrum: Viele (ahnungslose) Köche verderben den Brei. Und doch: DAB wäre von Vorteil, und zwar für die Rundfunkveranstalter wegen der geringeren Verbreitungskosten und für die Hörer wegen größerer Programmauswahl. Doch jedes Mal, wenn das zarte Pflänzchen einen neuen Trieb bekommt, findet sich jemand, der die Überlebensfähigkeit der Pflanze in Frage stellt.

Die Auslöser der aktuellen Debatte, Jürgen Brautmeier, Chef der Landesmedienanstalt in Düsseldorf, und der Staatssekretär Marc Jan Eumann, sind zu euphorisch in der Einschätzung des Internets als alternatives digitales Verbreitungsmedium für Hörfunk. Die vermeintliche Vielfalt der Audioangebote im Netz entpuppt sich nämlich als entweder zu unübersichtlich für die wirklich Interessierten oder als Vielfalt in der Einfalt: Wer mir den neuesten Hit von Adele oder Sido anbietet, ist letztlich einerlei. Warum dann nicht gleich zu Spotify und Konsorten? Dort kann ich mir die Playlist individuell zusammenstellen, ohne fröhlich-belangloses Geplauder.

Anwendbar nur nach europäischer Regelung

Studien zur Nutzung von Radiogeräten mit UKW-, DAB+- und Internet-Empfang, vorgestellt auf der letzten Internationalen Funkausstellung IFA, zeigen: Nach anfänglicher Experimentierphase mit Internetradio wenden die Nutzer sich nach ein paar Wochen DAB+ zu. Jetzt medienpolitisch auf die Vielfalt des Internetradios zu setzen und dem Digitalradio nur den Status einer Zwischentechnologie zuzubilligen ist fatal. Mehr noch: Es läuft auf längere Sicht darauf hinaus, sich von der Mediengattung Hörfunk mit redaktionell gestaltetem Programm gänzlich zu verabschieden.

Vollkommen vernachlässigt wird in der Debatte um das Digitalradio die Schlüsselrolle Europas. Europa muss für gleiche Standards in den Mitgliedsländern sorgen, Europa muss sich um die Frequenznutzung kümmern, und nur Europa kann die Voraussetzungen schaffen für eine Mandatierung von digitalen Empfangschips. Entscheidend für die weitere Entwicklung eines Marktes für Digitalradio wird sein, dass der Industrie vorgeschrieben wird, alle künftig in Verkehr gebrachten Hörfunkempfänger mit einem digitalen Decoder auszustatten. Diese Vorschrift liegt nicht im Belieben der deutschen Bundesregierung, sondern ist erst nach einer europäischen Regelung anwendbar.

In vier Jahren ohne UKW-Empfang im Stau stehen?

Traditionell ist die EU in Sachen technischer Regulierung ziemlich zurückhaltend, hat sie doch mit der damaligen Festlegung auf den HDTV-Standard MAC lange Jahre die Fortentwicklung des Fernsehmarktes massiv behindert. Und auch bei der Festlegung auf einen Standard für das mobile Fernsehen vor einigen Jahren hat sie sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Jetzt dominiert die Angst vor Fehlentscheidungen. Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn man in Brüssel endlich einsähe, dass nicht alles dem Markt überlassen werden darf. Gerade bei Netztechnologien ist eine Normensetzung unabdingbar.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach Bitcoin-Diebstahl Anleger verlieren rund ein Drittel ihrer Einlagen

Bitcoins im Wert von mehr als 50 Millionen Euro haben Unbekannte vergangene Woche an der Hongkonger Börse für die digitale Währung erbeutet. Jetzt geht die Plattform wieder online. Für den Verlust sollen alle Anleger aufkommen. Mehr

08.08.2016, 15:31 Uhr | Wirtschaft
Gebäude in New York Mann klettert Trump Tower mit Saugnäpfen hoch

Ein 20 Jahre alter Mann ist mit Saugnäpfen ausgerüstet die Fassade des Trump Towers in New York hochgeklettert. Der aus dem amerikanischen Bundesstaat Virginia stammende Mann wurde hoch oben von Polizisten in Empfang genommen. Er habe mit Trump sprechen wollen, so der Kletterer. Mehr

11.08.2016, 17:36 Uhr | Gesellschaft
Android Sicherheitslücke in 900 Millionen Handys

Die neuesten und beliebtesten Smartphones sind betroffen: Eine Sicherheitslücke kann Kriminellen erlauben, Kontrolle über das Handy zu bekommen – wenn die Nutzer nicht aufpassen. Mehr

08.08.2016, 12:33 Uhr | Wirtschaft
#Catcontent Katze erschreckt sich vor Gurke

Eine Katze erschrickt vor einer Gurke. Mehr

08.08.2016, 11:37 Uhr | Feuilleton
Zukunft der Menschheit Das große Rennen um die künstliche Intelligenz

Tesla-Chef Musk warnt, dass künstliche Intelligenz vermutlich größte Gefahr für unsere Existenz ist. Nicht alle sind so pessimistisch. Und zum Glück hat auch Deutschland auf diesem Gebiet einiges zu bieten. Mehr Von Carsten Knop

11.08.2016, 11:34 Uhr | Wirtschaft
Glosse

Nessies Fluch

Von Thomas Thiel

Auch in diesem Jahr trifft das Sommerloch deutsche Medien überraschend. Da kommt eine Meldung aus China zupass, die man dringend aufpolieren sollte. Mehr 1