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Radio: „Der einsamste DJ der Welt“ Guten Heiligabend allerseits

24.12.2009 ·  Seit den neunziger Jahren geht Mike Litt an Heiligabend als „der einsamste DJ der Welt“ auf Sendung. Ohne dieses heilige Radioritual könnte Weihnachten für viele Hörer auch gleich ganz ausfallen.

Von Peter Richter
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Am kommenden Donnerstagnachmittag, wenn die Leute in ihre Kirchen gehen, um zu schauen, ob alles noch so aussieht wie im letzten Jahr, packt in Bochum ein Radiomoderator seine Plattenkisten in den Wagen. Wenn bei den anderen Bescherung ist, ist er auf dem Weg ins Funkhaus nach Köln. Und wenn die anderen sich an die Familientafel setzen, bei Karpfen oder Würstchen oder was eben jeweils so üblich ist an diesem Abend, dann wird Mike Litt in sein Mikrofon seufzen, er sei „der einsamste DJ der Welt“. Dann, dann erst, hat das begonnen, was die Welt als den Heiligen Abend kennt - und das Sendegebiet des WDR als ein heiliges Radioritual.

Irgendwas läuft ja immer, auch am Abend, und sogar an so einem, was nun wirklich nicht das ist, was man eine Primetime nennt, sondern eher einen undankbaren Job; und oft werden die Sendungen für diesen Abend deshalb einfach vorproduziert, denn auch Moderatoren haben ja Familie. Aber als Mitte der neunziger Jahre die Jugendwelle Eins Live auf Sendung ging, als Nachfolger von WDR1, dem zuletzt die Hörer weggeblieben waren, da ging es darum, alles ganz anders zu machen, so also auch dies. Der junge freie Mitarbeiter Mike Litt wurde damals kurzerhand zur Einsamkeit verdonnert. Dem passte das insofern, als er ohnehin gerade eine Trennung hinter sich hatte und dementsprechend sogar halbwegs authentisch in den Trailern herumjammern konnte, keiner wolle ihn, ganz alleine werde er Weihnachten im Studio hocken . . . Badewannen voller Selbstmitleid wurden da eingelassen. Und schon damals mussten praktisch die Türen des Funkhauses verbreitert werden, um die Berge an tröstenden Briefen hereinzutragen.

Zur Einsamkeit verdammt

Dreizehn Jahre später, Litt ist jetzt Anfang vierzig, läuft die Sendung immer noch so, und wenn jemand Trost bedürfte, dann am ehesten seine jetzige Freundin, die womöglich ja auch ganz gerne mal mit ihm Weihnachten feiern würde, aber das wäre für ungezählte Radiohörer so, wie wenn man Kindern erzählte, Weihnachten falle leider aus; das geht also nicht, Mike Litt ist gefälligst „der einsamste DJ der Welt“, der Erfolg verdammt ihn dazu.

Dabei hat, wer Litt an einem der restlichen Tage des Jahres begegnet, keineswegs das Gefühl, dass Einsamkeit ernsthaft ein Problem für ihn sein könnte. Er moderiert normalerweise eine der geselligsten, großartigsten und verdienstvollsten Sendungen im gesamten Rundfunk, nämlich „Eins Live Klubbing“: Autoren lesen vor einem jungen Livepublikum und werden von Litt klug und trotzdem zielgruppengerecht dazu befragt, dazwischen gibt es DJ-Sets und Getränke; seit dieser Sendung gehört das Hören von Literatur zu den habituellen Vorbereitungen des Ausgehens wie woanders das Schminken oder das Vorglühen. Was stimmt, ist, dass Mike Litt auch DJ ist; was er macht, ist elektronische Tanzmusik, eine eher ernsthafte, kompakte, aber keineswegs übertrieben melancholische, House für Erwachsene könnte man sagen; und einsam ist er dabei eigentlich nur insofern, wie man halt einsam ist, wenn einem in einem Club auf Ibiza tausend Arme zuwinken.

Hochamt der romantischen Selbsterfahrung

Der Name, dieser wirklich geniale Name war schon da, bevor Mike Litt den Job bekam; sein damaliger Chef hatte ihn erfunden; und dass das ganz offenbar auch sonst ein ungewöhnlich gescheiter Mensch gewesen sein muss, sieht man schon daran, dass er die eigentümliche Stimmungslage dieses speziellen Abends genau erkannt hat. Denn Weihnachten ist zwar dem Namen und dem Anlass nach ein Jubelfest der Christenheit, so wie es tatsächlich gefeiert wird, ist es aber eher ein Hochamt der romantischen Selbsterfahrung, also ein Bewältigungsversuch der Moderne. Mehr „Stille Nacht“ als „O, du fröhliche“.

Und so klingt das bei Mike Litt dann auch, denn der wiederum weiß, dass das Radio an diesem Abend ganz anders sein müsste als das Fernsehen, das öffentlich-rechtliche zumal, wo Heiligabend nach jedem halbwegs erträglichen Knabenchor zur Sicherheit sofort ein grinsender Schlagerhannes durch das Lametta gejagt wird. Typisch, so Litt, ist dann die Mail des Vierzehnjährigen, der froh ist, endlich wieder allein in seinem Zimmer am Computer hocken zu dürfen, nachdem er fast erstickt ist an der ganzen Carolinereiberhaftigkeit der Atmosphäre im elterlichen Wohnzimmer.

Geschriebene Hopper-Gemälde

Man muss aus dieser zwischen Gruppenwärme und kühlender Einsamkeit hin- und herschwingenden Sehnsucht keine große Sache und erst recht kein philosophisches Seminar machen, um zu wissen, dass der Weihnachtsabend der Zeitpunkt ist, wo sie am heftigsten aufblüht. Und deshalb haben die Zuschriften, die Mike Litt an diesem Abend bekommt, auch weniger mit der echten, der schlimmen, der zerstörerischen Einsamkeit von Alten oder Kranken oder Mittellosen zu tun, der Radiosendungen ohnehin nicht beikommen können, sondern allenfalls eine Gesellschaft, die ihren Namen verdient. Was bei Litt im Studio ankommt, sind eher geschriebene Hopper-Gemälde: Da sind die, die alleine im Auto unterwegs sind, und die, die in einer Tankstelle die Nachtschicht haben. Der Forscher in seiner Polarstation. Der Katholik, der in Peking vergeblich eine Messe sucht. Nordrhein-Westfalen gibt es überall (das haben sie irgendwie mit den Sachsen gemeinsam), und gutes Radio (das haben sie den Sachsen voraus) schafft Heimat, dank dem Internet sogar weltweit.

Sie alle schreiben, per Brief, Fax oder E-Mail (Anrufen geht nicht, Litt ist ja nicht Domian), dass der einsame DJ gar nicht so einsam sei, sie seien schließlich auch noch da, und dann erzählen sie ein bisschen was von sich und wünschen schöne Weihnachten, und dann spielt Mike Litt ihnen „Let It Snow“ von Dean Martin, Nick Caves „Ship Song“ oder „Hurt“ von Johnny Cash, denn in so einer Nacht legt Litt natürlich nicht kühle Elektrobeats auf, sondern wärmende Whiskey-Trinker-Balladen. Klar, auch „Last Christmas“, wenn die Leute unbedingt wollen. Und 24 Uhr singt Sinéad O'Connor „Silent Night“, immer, jedes Jahr, und warum denn auch nicht. Um eins ist dann Schluss, dann lädt er die Techniker und den Pförtner noch zu einem kleinen Buffet. Er trinkt mit ihnen vielleicht noch ein Bierchen. Mehr aber nicht. Er muss ja danach noch fahren, wieder nach Hause, alleine durch die Nacht. Ein Weihnachtsmann auf seinem Schlitten.

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