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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Radikaler Salafismus Allahs Freund, aller Welt Feind

 ·  Bonuspunkte fürs Paradies: Eine Dokumentation zeigt, mit welchen Mitteln radikale Salafisten Jugendliche von ihren Eltern entfremden.

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© dapd Zwischen Himmel und Hölle wählen: jugendlicher Teilnehmer einer Salafismus-Kundgebung in Köln

Das Muster der Entfremdung ist immer ähnlich, und es bleibt immer ein Mysterium zurück. Warum wird aus einem aufgeschlossenen westlichen Mädchen eine orthodoxe Muslima, die sich einen islamischen Vormund geben lässt und mit ihren Eltern bricht? Was macht einen jugendlichen Hip-Hopper zum Dschihadisten, der im Internet gegen die Ungläubigen hetzt, bevor er im heiligen Krieg gegen sie fällt? Er brauche seine innere Ruhe, hatte der junge Mann gesagt und war von zu Hause ausgezogen. Das letzte Lebenszeichen kam von der pakistanischen Grenze. Irgendwann dämmerte der Mutter, dass ihr Kind verloren ist. Der radikale Islam dringt in manche deutsche Familien als eine fremde, unangreifbare Macht.

In beiden Fällen gab es keine Anzeichen, dass es sich um besonders problematische Kinder handelte. Es muss also mit Strategie zu tun haben. Die Dokumentation „Im Netz von Salafisten“ von Eric Beres und Fritz Schmaldienst spürt die Lockmittel auf, mit denen Jugendliche in den Mahlstrom der radikalsalafistischen Szene gezogen werden. Sie muss das Bewusstsein für die salafistische Gefahr nicht mehr eigens schärfen. Ihre Gewalt und Unduldsamkeit hat man zuletzt in Timbuktu mitbekommen, wo Salafisten die Heiligtümer von sufistischen Muslimen zerstörten. Ihr Weltbild ist mit fast allem unvereinbar, was außerhalb ihrer frühislamistischen Wertordnung liegt.

Die radikalen Salafisten nehmen für sich in Anspruch, den wahren Islam zu predigen. Sie meinen damit einen Steinzeit-Islam, der ein Leben wie zu Zeiten Mohammeds und eine Gesellschaftsordnung nach dem Bild des siebten Jahrhunderts und streng nach den Gesetzen der Scharia anstrebt. Wer Allahs Freund sein will, muss der Demokratie Feind sein. Gegner werden als Hunde, Affen, Schweine beschimpft, an unliebsame Journalisten werden Todesdrohungen verschickt, im Juni lieferte die Messerattacke gegen Polizisten bei einer Bonner Demonstration den Nachweis der Militanz. Der Vorwurf trifft nicht alle Salafisten. Ungefähr viertausend von ihnen gibt es in Deutschland, wenige hundert sind gewalttätig. Die aber sind zu fürchten.

Verlockt vom falschen Paradies

Die Jugendlichen geraten in dieses Netz nicht einfach hinein. Die Schwellenangst mag ihnen die freundliche Kulisse bärtiger, dauernd lächelnder Männer nehmen, von denen vordergründig ein Gefühl der Überlegenheit ausgeht. Wo sie noch erreichbar sind, berichten die Konvertiten von zuvorkommender, warmherziger Aufnahme, während ein Aussteiger von der Gehirnwäsche spricht. Die Begründungen der Konversion sind jedoch insgesamt schmal. Es gelingt dem Film nicht, ein Bewusstsein für die spirituelle Leere, das Fremdheitsgefühl oder die Überforderung durch den modernen Wertepluralismus zu vermitteln, das die westlichen Adepten für das bizarre salafistische Weltbild aufgeschlossen macht.

Es gibt viele Anzeichen, dass die Entfremdung von den Eltern gezielt verläuft. Für die Hochzeit mit einer Konvertitin werden dem Salafisten etwa Bonuspunkte fürs Paradies in Aussicht gestellt. Das Transzendenzversprechen ist der entscheidende Argumentationsvorteil bei der Entfremdung vom Ursprungsmilieu. Auf ihm baut eine extrem simple, manichäische Weltsicht auf, die permanent das Schisma zwischen Hölle und Paradies, bösen Ungläubigen und guten Gläubigen beschwört, mit dem sich jedes Argument aus dem Weg räumen lässt. Der Ungläubige hat keinen Wert und ist nicht entscheidungsfähig. Die Eltern bekommen ihre Machtlosigkeit zu spüren, sobald ihre Kinder diese Logik akzeptiert haben.

Die Netzvideos der salafistischen Hassprediger im Internet berichten von der Vernichtungswut, die sich auf jeden richtet, der sich dieser Wertordnung verweigert. Der Film zeigt auch die offen ausgesprochene Bereitschaft zur Gewalt, die aus dem in diesem Glaubensverständnis notwendigen Gefühl der Umstelltheit und Fremdheit kommt. Bei der Koranverteilung in der Frankfurter Fußgängerzone fällt für einen Moment die freundliche Maske: „Sie werden in die Hölle kommen, wenn Sie den Islam nicht annehmen“, schreit ein Jugendlicher mit vom Fanatismus entstellten Gesichtszügen. Ansonsten erscheint der radikale Salafismus wie eine Black Box.

Die Dokumentation hat ihre stärksten Szenen, wenn die Eltern den direkten Kontakt zu jenen Männern suchen, die ihnen ihre Kinder entrissen haben. Die erwartbare Überlegenheit elterlicher Aufopferung ist aber auch hier nicht zu spüren. Aus der Konfrontation mit den Hasspredigern und Funktionären kann der Film dagegen keinen Gewinn ziehen. Er ist zu fest im eigenen Weltbild verankert, um den Konflikt zwischen religiösem und säkularem Weltbild zu vermitteln. Welche gesellschaftlichen und geistigen Umstände machen die Jugendlichen anfällig, der verzerrten Spiritualität der Salafisten zu folgen? Mit welchen kulturellen Mustern, etwa dem im Internet blühenden Pop-Dschihad, werden sie gelockt? Welche Bedeutung hat das Konzept des „Fremden“, der Ghuraba, im Islam? Kamera draufhalten, Grundgesetz hochhalten. Es ist damit nicht viel zu gewinnen.

Im Netz von Salafisten läuft am Montag um 22.45 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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