28.10.2008 · Die heutige Fernsehproduktionswelt lässt vom Mythos des Regisseurs nicht viel übrig. Sie stellt ihn sich als austauschbaren Aufnahmeleiter vor, der fertige Konzepte abarbeitet. Ein Beitrag zur Qualitätsdebatte von dem Regisseur Rolf Silber.
Von Rolf SilberVielleicht hatte David Cameron ja seinem Film „Titanic“ diese Szene zugefügt, auch um uns, den minderen Regiekollegen dieser Welt, die mit kleineren Kähnen und Yachten die Meere des Cinematographischen erfahren zu suchen, ein wenig Trost und Verständnis zu spenden: der formidable alte Kapitän des Unglücksdampfers, dem vom Konstrukteur und vom Schiffseigner kategorisch erklärt wird, dass er aus Gründen der garantierten Unsinkbarkeit und des irrsinnigen Termindrucks das Schiff volldampf in das Eisfeld zu steuern habe. Konstrukteur und Reeder fehlen dann auf der Brücke, wenn es ums Absaufen geht. Und wir lernen: Wenn's schiefgeht, gehören Film wie Schiff Regisseur oder Kapitän ganz alleine.
Als ich mit meinem Beruf anfing, waren Regisseure, sicher nicht immer zu Recht, unumstrittene Halbgötter - selbst wenn sie „nur“ für das Fernsehen arbeiteten. Im Feuilleton besungen, war Film immer das Werk des Regisseurs. Basta. Und daraus leitete sich die „Steuerkompetenz“ des Regisseurs ab. Vor Jahren war es mir noch möglich, einen Schauspieler, der als Tragödiendarsteller gebrandmarkt war, über Nacht als Komödienhelden einzusetzen (wo er seitdem vielfach reüssiert hat), später einen Mann, der sich, frustriert von der Filmwelt, fünf Jahre ins Theater zurückgezogen hatte, mit einer Hauptrolle zu betrauen (von denen er inzwischen ebenfalls zwei Dutzend bewältigt hat), ohne dass das von Redaktion oder Produzent mit Einspruch belegt wurde. Man konnte sich als Regisseur noch ein vernünftig austariertes Ensemble zusammenstellen. Und sich ein entsprechendes Team suchen.
Austauschbare Aufnahmeleiter
Neuerdings aber scheinen manche Sendergewaltigen und Produzenten Regisseure öfter mal als austauschbare Aufnahmeleiter zu betrachten, die auf der Grundlage einer geschriebenen Simulation des späteren Films, des Drehbuchs, den Schauspielern durch „Bitte“- und „Danke“-Rufe anzeigen sollen, wann die Kamera läuft und wann nicht. Der Rest steht ja auf dem Papier. Regie kann inzwischen - so scheint die Vermutung mancher zu gehen - irgendwie eigentlich jeder, der über ein halbwegs funktionierendes Buch, genug Geld und ein aufgeplatztes Ego verfügt.
Vielleicht hat abnehmender Respekt vor der Regieleistung damit zu tun, dass die Arbeit des Regisseurs nur durch den fertigen Film selbst sich manifestiert - der Kameramann kann sich an einem beeindruckenden Gerät festhalten, die Ausstattung stattet Räume aus, Schauspieler tragen ihr Gesicht zu Markte, das ist konkret, fassbar, sichtbar. Die Arbeit des Regisseurs dagegen ist ein Mittelding aus Motivationstraining, Überzeugungsattacken, dem Versuch, Mensch, Maschine und Material, Farben und Zeit in eine sinnvolle, ästhetische, erzählerische und rhythmische Abfolge zu bringen, die dann - hoffentlich - einen Eindruck, eine Erkenntnis, eine Emotion, ein Erleben transportiert. Klingt abstrakt, ist aber für einen Regisseur ganz konkret.
Es sollte faktorierbar sein
Das sind Begriffe, die der neueren Medienwelt offenbar zu unklar, wuschig, theoretisch, intellektuell zu sein scheinen. Enthalten sie doch einen manche irritierenden Faktor der Unsicherheit, der schieren Unplanbarkeit. Ein Drehbuch kann man noch greifen, auf dem Schreibtisch hin und her schieben, damit tun oder gerade nicht tun, was Markus Stromiedel hier so gut beschrieben hat. Und das zu überschaubaren Kosten. Der Moment aber, wo dem Material das Leben eingehaucht wird, der soll komplett faktorierbar sein.
Die Urheber des Films kreuzen derzeit ein für sie höchst gefährliches Eisfeld. Ihre finanzielle Situation, die nicht eben gut ist und in keinem vernünftigen Verhältnis zu persönlichem Risiko, realem Arbeitsaufwand und den Gagen von Hauptdarstellern steht, wird schwieriger. So sehr, dass die HR-Fernsehspielchefin Liane Jessen unumwunden konstatiert, dass Regisseure im Verhältnis zu anderen Filmschaffenden deutlich zu schlecht bezahlt sind. „Ich habe mich immer gewundert, warum die am Ende der Kette stehen“, sagte sie.
Kreative im Hintertreffen
Überall hängt die Drohung im Raum, man könne einen widerborstigen Regisseur durch einen aus der Flut der Newcomer ersetzen, welche die Filmakademien jährlich ausspucken. Die rechtliche Situation entspricht dem: Die urheberrechtlichen Strukturen entwickeln sich so, dass die Urheber selbst als Einzelunternehmer an allen Fronten ins Hintertreffen geraten, während die Filmverwerter und die Geräteindustrie Urheberrecht unter die Kuratel ihrer Allgemeinen Geschäftsbedingungen stellen.
Autoren, Komponisten, Regisseure - ja selbst Produzenten - eint in der Krise mehr, als sie trennt: Die Idee eines freien Kreativen, der selbstverantwortlich und risikoversessen Projekte realisiert, dafür dann aber auch an den Einkünften aus seiner kreativen Leistung partizipieren kann, scheint nicht mehr à la mode zu sein. Schlimmer: Wir, die Kapitäne auf dem Filmdampfer, geraten unter Druck seitens der Mannschaften, die unter dem objektiven Zeitdruck stöhnen. Als hätten die Kapitäne die Fahrpläne gemacht.
Überzogene Drehpläne
Auch von Seiten gewerkschaftlicher Kreise, die der Idee freier Kreativer traditionell nicht gerade nahestehen, kommen Vorwürfe, abgehobene, neurotische Käpten Queegs oder diktatorische Blighs steuerten ihre „Caines“ und „Bountys“ auf dem Schweiß der Mannschaften in die Düsternis. Ich erlebe das, von Ausnahmen abgesehen, am Drehort anders. Und das aus einem ausnahmsweise mal guten Grund.
Tatsächlich arbeiten wir inzwischen auf einem so hervorragenden Standart, ist der „Production Value“ unserer Filme so hoch, dass Kollegen aus den Vereinigten Staaten sich regelmäßig die Augen reiben darüber, was wir mit unseren Etats so hinkriegen. Der Druck entsteht, wenn man von uns mehr als das Unmögliche verlangt und uns in Drehschemen einsperrt, um Filme zu generieren, die faktisch unterfinanziert sind, aber nicht so aussehen sollen. Jeder vernunftbegabte Regisseur arbeitet lieber mit zufriedenen, gutbezahlten, hochmotivierten Leuten und nicht mit Galeerensklaven unter der Knute überzogener Drehpläne.
Vom Kino lernen
Im Kino feiert der deutsche Film, der vor Jahren noch umherkriselte, Erfolge - kommerziell und künstlerisch. Und die kommen zu einem nicht geringen Teil aus der überraschenden, widerborstigen, künstlerischen Arbeit freier Kreativer. Aber auch daher, dass man Filme neuerdings finanziell besser ausgestattet hat.
Auch im Fernsehen entsteht nach wie vor immer wieder Exzeptionelles. Würde man dem „Input“ derjenigen trauen, welche die eigentlichen „Ideenproduzenten“ sind, würde sich dem Risiko stellen, eigene, originäre erzählerische und filmische Konzepte zu entwickeln - wir könnten im Fernsehen vielleicht weniger Wiederaufgüsse des Gleichen oder zwangseingemeindete Formate aus anderen Ländern bewundern und das tun, was wir am liebsten machen: Unsere Zuschauer überraschen. Die Devise also derzeit: Vom Kinofilm lernen heißt siegen lernen.
Schutzzonen vor der Verwertungskette
Wenn Reeder, Konstrukteur, Schiffsversicherer, Passagiere und Mannschaften aber dem Kapitän ins Steuer (und in die Tasche) greifen, wird der es schwer haben, einen sinnvollen Kurs zu fahren. Dass der Drehbuchautor Markus Stromiedel gelegentlich mit Regisseuren hadert, sei ihm unbenommen. Hadern gehört zum Filmhandwerk. Ich hadere, gerade eben, auch mit meinem Drehbuchautor, dessen Stoff ich verfilme. Ich darf den sogar am Drehort wegen Szenen, die so nur auf dem Papier funktionieren, lauthals und ohne juristische Folgen beschimpfen: Der Drehbuchautor bin ich nämlich selbst.
Regisseure sind nicht so naiv zu glauben, dass es unter ihnen nicht auch mal das Äquivalent zum Kapitän der „Exxon Valdez“ gäbe, der seinen Pott stinkbesoffen gegen ein Riff steuerte. Gegen Nicht-können, Dummheit oder Unverantwortlichkeit gibt es keine Rückversicherung. Aber wenn dieses Land glaubt, die Träger und Schöpfer, die Urheber von künstlerischen wie kommerziellen Ideen seien unentbehrlicher Teil seiner Zukunft, dann wäre es Zeit, diese Personen in ihren Rechten zu beschützen oder sie wieder in diese einzusetzen. Und dazu gehört nicht nur eine Qualitätsdebatte, sondern der Diskurs über die Stellung der freien Kreativen angesichts übermächtiger Verwertungsketten. Ein Diskurs, der auch die freien Produzenten auf unsere Seite bringen sollte. Weil die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.
Input...
Gerhard Finsterbusch (bahlsen)
- 29.10.2008, 11:04 Uhr