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Veröffentlicht: 15.02.2015, 12:32 Uhr

Putins Medienfeldzug Agent in eigener Sache

Putin ist der König der Desinformation: Gezielt streut der russische Präsident Zweifel an jeglicher Berichterstattung des Westens. Die Opfer seiner Politik geraten dabei aus dem Blickfeld.

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© AP Was soll er noch sagen? Wladimir Putin lässt Taten sprechen.

Als Wladimir Putin in den achtziger Jahren KGB-Agent in der DDR war, hatte er einen Traum: Er wollte, getarnt als Korrespondent der russischen Agentur Tass, nach Bonn gehen und spionieren. Doch daraus wurde nichts. Putin galt dem Geheimdienst als unsicherer Kandidat – Typ Einzelkämpfer, dem Alkohol und den Frauen zugeneigt. So musste er am Schreibtisch in Dresden bleiben, von wo aus er sich um die Anwerbung anderer Agenten kümmerte. Rund dreißig Jahre später jedoch hat er als Präsident erreicht, was ihm damals im persönlichen Fronteinsatz versagt blieb. Er hat sich als Meister der Desinformation erwiesen, die insbesondere auf die Medien in diesem Land einwirkt. Das bewerkstelligt er selbst durch seine ausgewählten Auftritte und Audienzen, die er westlichen Journalisten gewährt. Und er lässt es ins Werk setzen von Helfershelfern, die vor allem im Internet pausenlos auf alles und jeden feuern, der die Dinge anders darstellt, als es dem Kremlchef frommt. Er hat mit der Annexion der Krim und der De-facto-Teilung der Ukraine nicht nur sein militärisches Ziel erreicht, sondern auch sein propagandistisches: die Zerstörung der Wahrheit.

Michael Hanfeld Folgen:

Von der KGB-Episode in der DDR, die von 1985 bis 1990 währte, werden wir in der kommenden Woche im ZDF in dem Film „Mensch Putin! Die Geheimnisse des russischen Präsidenten“ von Michael Renz erfahren. Renz hat sich vorgenommen, hinter die Fassade des Mannes zu blicken, der mal den Staatsmann gibt, mal den heldenhaften Rambo, nie aber als der erscheint, der er ist: ein Alleinherrscher, der den Staat auf sich einschwört, die Medien und freie Berichterstattung ausschaltet, Minderheiten unterdrückt, Andersdenkende kriminalisiert, auf Persönlichkeitskult setzt und seine Landsleute hinter sich schart, indem er sie für eine scheinbar historische Mission begeistert – ein starkes Russland, Amerika ebenbürtig, Europa überlegen, das an seinen gegenwärtigen Grenzen nicht haltmacht.

Hinter jede Feststellung ein Fragezeichen setzen

Die Desinformation, mit der Putin arbeitet, zeigt Wirkung. Sie wirkt so stark, dass Putin an dem Tag, an dem das Abkommen Minsk II geschlossen wird, sich in die Pose des Triumphators werfen kann. Angela Merkel und François Hollande erscheinen erstaunlicherweise als Geschlagene und werden von manchen Kommentatoren daheim auch so gesehen, die den entscheidenden Unterschied zwischen der Bundeskanzlerin, dem französischen Präsidenten und dem Mann aus dem Kreml vergessen: Merkel und Hollande betrachten den Krieg nicht als legitimes Mittel der Politik, als Option, Interessen durchzusetzen, Putin schon.

Er führt einen Krieg und vermag es zugleich, als legitim Handelnder zu erscheinen, weil es ihm gelungen ist, hinter jede Feststellung unabhängiger Beobachter, vor allem aber westlicher Journalisten, ein Fragezeichen zu setzen. Einmarsch auf der Krim? Ein Zivilflugzeug, abgeschossen von den mit Russland verbündeten Separatisten? Raketenangriffe auf ukrainische Städte weit entfernt von der Front? Kann alles nicht wahr sein, ist gar nicht wahr, wird uns in Talkshows erklärt, in denen gerne auch Ivan Rodionov sitzt, der den Sender „RT deutsch“ leitet und von dem man lernen kann, was Desinformation und Verschwörungstheorien bewirken. Sie zerlöchern die Wahrnehmung, stiften Verwirrung und setzen den Nebel, hinter dem die Opfer verschwinden – etwa die Passagiere des Flugs MH17 – und die real existierenden Truppen Putins vorrücken. Gestern die Krim, heute der Osten der Ukraine, und was kommt morgen? Europa hat von Putin noch einiges zu erwarten. Was, das ahnen vor allem die Polen und die Balten.

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In den Fernsehnachrichten macht sich die Verunsicherung besonders bemerkbar. Die „Tagesschau“ wird wegen Detailfehlern so lange und so übertrieben kritisiert, bis ein kleiner Fehler so groß erscheint, dass er einen Schatten auf die gesamte Berichterstattung zur Krise in der Ukraine wirft. ARD und ZDF werden von der „Ständigen Publikumskonferenz“ mit Programmbeschwerden eingedeckt, die sich ausgiebig mit der Ukraine beschäftigen und dabei in der suggestiven Fragestellung an Einseitigkeit nicht zu überbieten sind. Schon der Name „Publikumskonferenz“ ist eine Anmaßung, dahinter steckt die früher bei der Linkspartei verortete Aktivistin Maren Müller, die anfangs mit der Petition für Aufsehen sorgte, das ZDF müsse den Moderator Markus Lanz entlassen (Anlass war dessen Umgang mit Sahra Wagenknecht in seiner Sendung). Was als kritisches Korrektiv daherkommt, wie es alle Medien, die öffentlich-rechtlichen zumal, gut gebrauchen können, ist in Wahrheit der Versuch, die Medien auf eine Linie zu trimmen, die dem Fragesteller ins Weltbild passt.

Putin hat Deutungshoheit

Das Bild der Regierungschefs, die im Januar bei der Kundgebung für die Opfer der Anschläge von Paris eine Zeitlang mitmarschierten, und sie so zeigte, dass der Eindruck entstehen konnte, sie hätten den Gedenkzug stundenlang angeführt, gehört auch in diesen Kontext eines nur scheinbar kritischen Apparats: In die Irre konnte sich nur geführt sehen, wer die dazugehörigen Berichte bloß in Auszügen gesehen, die Kommentare nicht gehört und die Zeitungsartikel nicht gelesen hatte. Ausgerechnet die „Tagesschau“ im Ersten für vollständig betriebsblind oder propagandistisch verlogen zu halten, kann nur annehmen, wer sieht, was er sehen will, und nicht sieht, was er nicht wahrzunehmen gewillt ist.

Wladimir Putin indes hat nicht nur die Krim ganz und den Osten der Ukraine schon halb gewonnen. Er hat die Deutungshoheit erlangt. Für Journalisten, die nicht auf knackige Oberkörperbilder in der Taiga stehen, sollte das ein Ansporn sein, nach dem zu fragen, was am kommenden Dienstag um 20.15 Uhr im ZDF Thema sein soll: Wer ist dieser Mann? Was hat er vor? Was richtet er an?

Quelle: F.A.Z.

 

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