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Psychothriller „Unter Nachbarn“ Wenn der Nachbar zweimal klingelt

 ·  Die Verteidigung des Lebensglücks kennt keine Höflichkeitsgebote: Charly Hübner brilliert in einem Psychodrama über eine Freundschaft, die zur Obsession wird.

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© dapd Robert (Charly Hübner) blickt dem entschwindenden Lebenstraum hinterher

Der Journalist David (Maxim Mehmet) ist neu in Karlsruhe, und er will über die Stadt berichten. Das macht er gut, er findet im Kollegenkreis schnell Anerkennung. Er ist etwas allein, doch er weiß, wie man sich dem anderen Geschlecht nähert. Im Club sagt sie: „Du bist nicht so oft hier?“ Und er sagt: „Schickes Armband, Janine!“ Man will sich wiedersehen.

Es braucht offensichtlich auch jemanden, diesen Film vor dem Ertrinken in Worthülsen zu retten. Es gibt ihn glücklicherweise. Er wohnt um die Ecke und ist der Nachbar, ein fürsorglicher Krankenpfleger mit leichtem Bauchansatz, aufrechter Statur und treuherzigem Blick. Robert heißt er, ist sehr oft allein und in seinem Werben um Freundschaft so rührend unbeholfen und gleichzeitig so bestimmt, als habe er jahrelang nur auf den Moment gewartet, seinen mit der Akkuratesse eines badischen Hausmanns geführten Haushalt nicht mehr allein mit seiner Sehnsucht bewohnen zu müssen. Das Nest ist gut vorgewärmt, als der neue Nachbar klingelt und nach dem Schraubenzieher fragt.

Es ist selten, dass ein Film nach einer Reihe holpriger Anfangsszenen noch zu einem atmosphärisch dichten und mitreißenden Psychodrama wird. Stephan Ricks Spielfilmdebüt „Unter Nachbarn“ schafft dieses Kunststück. Und er verdankt es in erster Linie einem großartigen Charly Hübner, der die Rolle des Bindungsneurotikers mit atemberaubender Sicherheit Stufe für Stufe ins Dämonische steigert und mit seinem charismatischen Spiel auch einige Falten des Drehbuchs glattbügelt. Maxim Mehmet fällt hier zunächst etwas zurück, findet aber mit der Zeit den Anschluss. Er hat es mit seiner Filmfigur nicht leicht, von der obsessiven Freundschaft nicht verschlungen zu werden. Die Regie setzt ihre Mittel so gekonnt ein, dass auch klischeeverdächtige Motive wie der Waldsee als Trieb- und Seelenmetapher nicht zu offensichtlich wirken, sondern den Sog der Handlung verstärken.

Die libidinösen und bedrohlichen Züge in Roberts Freundschaftswerben werden bald erkennbar. Gierig lutscht er das Blut vom Daumen des Freundes, als der sich beim Angeln verletzt, seufzt sehnsüchtig in die Telefonmuschel vor dem gemeinsamen Grillabend und setzt gekonnt zum Klammergriff an, als der Freund bei der Rückkehr vom gemeinsamen Clubbesuch in einem Moment der Unkonzentriertheit seine Diskobekanntschaft zu Tode fährt. Robert drängt zur Fahrerflucht, und das Flackern in seinen Augenwinkeln lässt schon erkennen, dass es ihm nur darum geht, die Freundschaft zur Komplizenschaft auszuweiten. Von nun an ist das Verhältnis erpresserisch und obsessiv. Der Blick ist selig beim gemeinsamen Kochen und schlägt jäh um, wenn der Umworbene sich dem Einfluss entzieht.

Fürsorge aus Selbstsucht

Ein enger Begriff von Freundschaft ist im Facebook-Zeitalter nicht mehr so gewöhnlich. Der Film verzichtet ganz darauf, die übersteigerte Verbindlichkeit ins Verhältnis zu seiner Gegenwart zu setzen, und handelt sich dadurch einen leicht altmodischen Akzent ein. Doch er lässt sich auch von einigen Unwahrscheinlichkeiten wie dem erstaunlichen strategischen Bewusstsein im Unfallmoment und dem späten Erwachen des Umworbenen nicht aus der Kurve tragen.

Der Traum vom gemeinsamen Lebensglück, der hinter allen Plänen steht, ist lange gar nicht ausgesprochen. Während der Fahrerflüchtige im Gewissenszweifel versinkt, übernimmt sein Mitwisser Schritt für Schritt die Regie über dessen Leben, räumt sorgfältig die Indizien beiseite, präpariert das Alibi und plant den gemeinsamen Urlaub. Als sein Idealpartner sich auf eine Liaison mit der Schwester der Toten einlässt, die bei ihm nichtsahnend Trost und Nähe sucht, stellt Robert längst exklusive Besitzansprüche, verfolgt das Paar und treibt es mit perfider Komik in die Verzweiflung.

Charly Hübner ist hier ganz auf der Höhe seiner Möglichkeiten. Als er stoisch die Zinnfiguren enthauptet, mit denen er seinen zerbrochenen Lebensplan durchgespielt hatte, wird die ganze Selbstsucht und Fehlschaltung seiner Fürsorge deutlich. Es spricht für den Film, dass er seine Hauptfigur auch in deren verzerrtesten Zügen nicht bloßstellt. Wie unberechenbar die Mechanik zurückgewiesener Gefühle ist und welche Gnadenlosigkeit beim verzweifelten Kampf um entgleitendes Lebensglück durchbrechen kann, wird hier mit Konsequenz und Können zu Ende gespielt.

„Unter Nachbarn“ läuft am Mittwoch, 30. Mai, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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