Karl Hieronymus Schröder ist nicht geflohen, als er nach Nordstrand ins nordfriesische Nichts zog, nein, er hat sich selbst aus dem Verkehr gezogen, sagt er. Privat lief es, kurz gesagt, nicht sonderlich. Jetzt ist er hier, will sich zwei Schafe kaufen, die ihm das Rasenmähen abnehmen, und vielleicht Romane schreiben.
So schreibt es in ihrem ersten Roman Doris Heinze, die als Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks einmal eine der Großen der deutschen Filmlandschaft war, nach schwerwiegenden Betrugsvorwürfen dort aber wohl keinen Fuß mehr fassen wird. Wenn nun jemand, dessen eigener Kriminalfall kurz vor dem Urteilsspruch steht, einen Krimi schreibt, dann ist das natürlich eine Einladung an all die Journalisten, Weggefährten und Neider, in diesen knapp dreihundert Seiten Fiktion Spuren der echten Doris Heinze zu suchen. Ein Schlüsselroman ist das Werk nicht, aber manch einen Verweis auf Heinzes Erfahrung der vergangenen Jahre glaubt man doch zu finden. Diesem Schröder etwa ist Doris Heinze in mancherlei Hinsicht gar nicht so unähnlich.
Auch sie ist nach Nordstrand gezogen, als ihr Fall in all seinen Ausmaßen bekannt wurde, sie zog sich aus Hamburg und aus ihrem Leben mit Blitzlichtgewitterauftritten an der Seite von Maria Furtwängler oder Veronica Ferres zurück. Dass Doris Heinze dies - wie ihre Romanfigur Schröder - vielleicht eher als Atempause denn als Flucht sieht, würde zu ihr passen. Sie tritt nicht auf wie eine, die sich versteckt. Ihr wird viel daran gelegen sein, ihren Sturz in der Rückschau wie ein Stolpern aussehen zu lassen. Mit Karl Hieronymus Schröders erstem Fall hat sie womöglich den Grundstein für eine neue Karriere gelegt. Mit ihrem Ermittler eint sie ein „Selbstbewusstsein bis knapp unterhalb der Grenze der Großspurigkeit“. Im Prozess gegen sie zeigte sich Doris Heinze über weite Strecken stolz und selbstbewusst lächelnd.
Sie steht vor Gericht, weil sie zu viel wollte. Auch das eint sie mit den Figuren aus ihrem Buch. Schröder, der Topprofiler, konnte sich ein Leben als ganz normaler Kommissar nicht vorstellen, die Ehe ging in die Brüche, es verschlug ihn nach Nordstrand. Dem Hauptverdächtigen geht es nicht anders: Ein indischer Computerspezialist begnügte sich nicht mit dem Auftrag, eine Computersoftware für gierige Spekulanten zu schreiben, er wollte sich auch an den zwielichtigen Geschäften beteiligen: „Wer es vorzog, nichts zu wagen, verpasste die Chance, reich zu werden.“
Vierzehn Straftaten
Doris Heinze wagte. Und verlor. Sie steht im Zentrum eines der größten Betrugsfälle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Als Fernsehspielchefin des NDR entschied sie darüber, welche Drehbücher verfilmt wurden. Ihr wird vorgeworfen, Drehbücher, die sie selbst und ihr Mann Claus Strobel unter den Pseudonymen Marie Funder und Niklas Becker verfasst hatten, beim NDR untergebracht zu haben. Daran beteiligt gewesen sein soll auch die Münchner Produzentin Heike Richter-Karst. Sie soll die Drehbücher ungelesen gekauft haben. Im Gegenzug habe Doris Heinze ihr garantiert, dass der NDR die Projekte umsetzt. Den drei Angeklagten werden vierzehn Straftaten zur Last gelegt, begangen in den Jahren 2003 bis 2007.
Doris Heinze war während des Prozesses darum bemüht, von sich das Bild der leidenschaftlichen Autorin zu zeichnen, die überzeugt von Stoffen war, Filme daraus machen wollte und sich des Unrechts nicht bewusst war. „Nicht als die Wahrheit“ werde seine Mandantin vor Gericht sagen, kündigte der Verteidiger Gerd Benoit zu Beginn des Prozesses an. Doch schon Heinzes anfängliche Beteuerungen, sie habe nicht gewusst, dass sie als NDR-Mitarbeiterin nur ein Drehbuch im Jahr schreiben dürfe und dass ihr dafür nur das halbe Honorar zustehe, fielen schnell in sich zusammen. Die Regeln hätten schon gegolten, bevor Heinze beim Sender anfing, sagte der NDR-Justitiar. Und auch Heinzes Arbeitsvertrag, den der Vorsitzende Richter Volker Bruns verlas, war deutlich.
Dass es Heinze bei ihrem mutmaßlichen Betrug nicht nur um ein Extrahonorar, sondern tatsächlich auch um die Stoffe ging, darf man ihr vielleicht sogar glauben. Als Fernsehspielchefin konnte sie das Programm prägen. Dass sie ihren Job verstand, stellte sie vielfach unter Beweis. Mit Klaus Borowski (Axel Milberg), Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) entwarf sie drei „Tatort“-Kommissare. In der Branche galt sie als kreativer Geist. Vor Gericht sagte sie einmal, dass sie einfach gern schreibe, schon seit sie zwölf Jahre alt sei, und dass sie damit nicht einfach so aufhören könne.
In der „Zeit“ erklärte Heinze einmal ihre Faszination für das Schreiben: „Das Beste daran ist, dass ich im Drehbuch mit diesen Figuren anstellen kann, was ich will. Wenn ich also jemanden nicht mehr leiden kann, dann ereilt ihn oft ein böses Schicksal.“ Spätestens mit ihrem Aufstieg an die Spitze des NDR-Filmgeschäfts kam zur Macht der Phantasie auch eine ganz reale Macht. Als Fernsehspielchefin brauchte sie nur den Daumen zu heben oder zu senken und konnte damit nicht nur über Drehbücher und Filme entscheiden, sondern über Autoren, Regisseure, Produzenten. Heike Richter-Karst sagte vor Gericht, Doris Heinze habe Karrieren gemacht, worin die Möglichkeit, Karrieren zu beenden, wohl eingeschlossen ist. Dass Doris Heinze ihre Macht zu nutzen wusste, war im Sender bekannt. Eine Redakteurin, die viele Jahre in der Filmabteilung arbeitete, bezeichnete sie als „autoritär und manipulativ“.
Doris Heinzes Krimi trägt den Titel „Höhere Gewalt“, und das lässt sich durchaus als Anspielung lesen. Die Aschewolke eines isländischen Vulkans zeigt Menschen, die es gewohnt sind, alles unter Kontrolle zu haben, ihre Grenzen auf. Auch Doris Heinze stieß auf eine höhere Gewalt: die Buchstaben des Gesetzes. Die Verantwortlichen bei NDR und ARD schickten sich an, den Fall allein ihr anzuheften. Vor „hoher krimineller Energie“ Einzelner könne man sich nicht schützen, sagte der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust. Doch es fällt schwer, in derlei Aussagen mehr als Schadensbegrenzung zu sehen. Wer den Fall Heinze betrachtet, kommt nicht umhin, Karl Hieronymus Schröder zu zitieren: „Es waren immer die Verbrechen, die den Zustand einer Gesellschaft entlarvten.“
Im konkreten Fall heißt die Gesellschaft öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Und dass dieses System seine Schwachstellen hat, zeigten vor Heinze schon andere. Der frühere Sportchef des Hessischen Rundfunks, Jürgen Emig, hat über Jahre hinweg von Sportveranstaltern Zuschüsse für Produktionskosten eingetrieben und einen beträchtlichen Teil davon am Sender vorbei in die eigenen Tasche geschleust. Gegen den früheren Unterhaltungschef des Mitteldeutschen Rundfunks ermittelt die Staatsanwaltschaft, weil er Produzenten zu dubiosen Zahlungen in fünf- und sechsstelliger Höhe veranlasste. Oder der ehemalige Herstellungsleiter des Kinderkanals: Er brachte seinen Sender mit Scheinrechnungen um mehrere Millionen Euro, die er ins Spielkasino trug. Diesen Fällen ist eines gemein: Leitende Redakteure betrügen im großen Stil ihren Sender und bleiben dabei über Jahre hinweg unentdeckt. Der Verband der Drehbuchautoren fasste das Problem treffend zusammen, als er von einem „zu stark hierarchisierten, zu wenig kontrollierten, von einigen Hauptabteilungsleitern und -leiterinnen beherrschten System“ sprach.
Unrechtsbewusstsein?
Aber nicht nur davon, auch von den windigen Verhältnissen im Filmgeschäft erzählt der Fall Heinze. Häufig sind Klagen darüber zu hören, dass sich ein Kartell aus Regisseuren, Autoren, Produzenten und Redakteuren gegenseitig Aufträge zuschiebt. Nur öffentlich will das keiner sagen, käme es doch beruflichem Selbstmord gleich.
Wie selbstverständlich Praktiken am Rande der Legalität in der Branche sind, zeigte der Mangel an Unrechtsbewusstsein, den die Angeklagten an den Tag legten. Auf die Anschuldigung, er habe kriminell gehandelt, indem er unter Pseudonym für den Sender seiner Frau schrieb, reagierte Claus Strobel verwirrt: „Ich fand nichts Ehrenrühriges oder Verbotenes dabei. Ich bin damit spielerisch umgegangen.“ Frei von Skrupel blieb er offenbar sogar, als er sich für die Pressemappe des NDR eine Biographie für Niklas Becker einfallen lassen musste, ihn ohne Telefon in Montreal und Amsterdam leben ließ, möglichst unerreichbar. „Ich fand es faszinierend, eine Vita für ihn zu entwickeln.“
Neben den unter Pseudonym geschriebenen und verfilmten Drehbüchern ging es in dem Prozess viel um halbgare Verträge und Abmachungen. Es ging um Ideenpapiere, die nie zum Drehbuch, aber fürstlich entlohnt wurden, um Drehbücher, die nicht verfilmt, womöglich nie abgegeben wurden, für die aber gezahlt wurde, und immer wieder um eine sehr mangelhafte Dokumentation von Abmachungen. Die Anklage will darin einen Betrug erkennen, die Angeklagten verwiesen dagegen auf die Gepflogenheiten der Branche. Im Filmgeschäft sei es eben üblich, dass Drehbuchautoren in letzter Minute die Verantwortung für ihre Stoffe entrissen werde, dass mündliche Vereinbarungen unter Vertrauten manchmal schon reichten, damit die Arbeit an einem Projekt mit einem Budget von mehr als einer Million Euro beginnen könne. Auch Zeugen, die keine Nachteile durch ihre Aussage fürchten mussten, bestätigten das Bild des Filmgeschäfts als Günstlingswirtschaft.
Als Richter Bruns den allgegenwärtigen Satz „das ist in der Branche ganz normal“ offensichtlich nicht mehr hören konnte, erwiderte er, es sei vor seiner Kammer durchaus schon vorgekommen, dass sich vermeintlich normale Branchenpraktiken als illegal herausgestellt hätten. Wie es sich im konkreten Fall verhält, dazu will Bruns an diesem Donnerstag sein Urteil sprechen - sofern alles nach Plan verläuft, sprich: Plädoyers und Urteil tatsächlich an einem Tag zu schaffen sind. Mag sein, dass Bruns, wenn er über seinem Urteil brütet, an Karl Hieronymus Schröder denkt. Dieser zeigt sich als recht gnädiger Verbrecherjäger. Er weiß, dass er, indem er ein paar gierigen Spekulanten das Handwerk legt, die Schwachstellen des Systems nicht reparieren wird.
Der Zwangssteuersumpf
kilian foerster (kakadu123)
- 20.09.2012, 21:54 Uhr
Das Elend der Vetternwirtschaft
Paul Poste (PauloPost)
- 20.09.2012, 17:14 Uhr
Links reden und rechts leben: Das Motto der öffentlich-rechtlichen Journalisten
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- 20.09.2012, 12:05 Uhr