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Prorussische Kommentare im Internet : Wo die Meinung gemacht wird

Blick auf die Basilius-Kathedrale nahe der Kreml-Mauer. Die Spuren gezielter Meinungsmanipulation im Internet führen nach Moskau Bild: AFP

Erstmals belegen Dokumente, dass Russland in erheblichem Umfang in westlichen Onlinemedien Meinung macht. Ein Sankt Petersburger Unternehmen beschäftigt dafür Hunderte sogenannte Trolle. Die Spur soll in den Kreml führen.

          Neun Accounts eröffnet. Insgesamt 305 Tweets abgesetzt.“ So gibt Anna Bogatschewa am 22. April ihrem Vorgesetzten Denis Osadschi per E-Mail Rapport darüber, was sie in einer Woche geleistet hat. Das Niveau der Zensur auf Twitter sei minimal, schreibt Anna Bogatschewa, „das gestattet es, Inhalte heftigerer Art unterzubringen“. Ihre Nachricht wurde wie Tausende weitere Mails auf dem russischen Blog b0ltai.wordpress.com veröffentlicht, dessen Betreiber sich einer Gruppe namens „Anonymous International“ zuordnet – offenbar in Anlehnung an die Hacker-Bewegung „Anonymous“. Mittlerweile sind die Dokumente über die dort angegebenen Links nicht mehr abrufbar. Der Cloud-Anbieter verweist auf „mehrfache Verstöße“ gegen die Nutzungsbedingungen.

          Julian  Staib

          Redakteur in der Politik.

          Die Dokumente – drei Ordner von insgesamt knapp einem Gigabyte Datengröße – belegen erstmals russische Versuche, mit einem in Sankt Petersburg ansässigen Unternehmen namens „Agentur zur Untersuchung des Internets“ in westlichen Onlinemedien und sozialen Netzwerken die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Betroffen sind den E-Mails zufolge vor allem die Onlineauftritte der „Huffington Post“, von „Politico“ und „WorldNetDaily“.

          Haus der Trolle

          Seit Beginn der Krise in der Ukraine sind prorussische Wortmeldungen in sozialen Netzwerken und in den Kommentarspalten von Onlinemedien auch in Deutschland immer sichtbarer geworden: der Umsturz auf dem Majdan ein Werk von „Faschisten“, Russlands Präsident Wladimir Putin als „Beschützer“ der unterdrückten Bewohner der Krim und der Ostukraine, Europa als Geisel des amerikanischen Imperialismus – so der Tenor der Kommentare. Unter den meisten Artikeln zur Ukraine sind die prorussischen Äußerungen in der deutlichen Überzahl, was im Widerspruch zu den Umfragewerten steht. In Russland wiederum wird - wie von FAZ.NET berichtet - häufig auf diese „Unterstützung“ verwiesen.

          Die oppositionelle russische Zeitung „Nowaja Gazeta“ hatte schon im September 2013 von einem „Haus von Trollen“ in Sankt Petersburg berichtet, von dem aus Meinung im Internet gemacht werde („Wo die Trolle leben. Und wer sie füttert“) – allerdings nur in Bezug auf das russischsprachige Internet. Als FAZ.NET – ebenso wie der „Guardian“ – im Frühjahr über den Verdacht berichtet, dass ein Teil der Kommentare von Russland gesteuert sein könnte, führte auch dieser Bericht zu Hunderten prorussischen Kommentare.

          Beweise russischer Einflussnahme fanden sich jedoch nicht. Bis unlängst die „Moscow Times“ und amerikanische Websites wie „BuzzFeed“ über die nun geleakten E-Mails russischer Internettrolle berichteten.

          Verbindung zum Kreml?

          Veröffentlicht wurden mehrere tausend unsortierte E-Mails aus dem Zeitraum vom Herbst des vergangenen Jahres bis Ende April dieses Jahres, von denen viele an die allein aus einer Zahlenreihenfolge bestehende „Gmail“-Adresse eines Projektleiters der „Agentur zur Untersuchung des Internets“ namens Denis Osadschi gerichtet sind. Osadschi erklärte nach Angaben von „BuzzFeed“, nie für die genannte Agentur gearbeitet zu haben. Die Dokumente, inklusive desjenigen, das belegen soll, dass er ein Gehalt von 35000 Dollar bezieht, seien allesamt Fälschungen. Bei der Veröffentlichung handele es sich um eine „erfolglose Provokation“.

          In den veröffentlichten Nachrichten an ihn finden sich zwischen Berichten über Aktivitäten in sozialen Netzwerken, Abrechnungen, Strategiepapieren und Scans von Pässen der betroffenen Mitarbeiter unzählige Werbemails, etwa Reise- und Kaufempfehlungen, also massenweise Spam. Wenn das gefälscht wurde, dann sehr raffiniert. Doch nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ bestätigte später Michail Burtschik, der Geschäftsführer der „Agentur zur Untersuchung des Internets“, am Telefon die Authentizität der Dokumente. Weitergehend habe er sich jedoch nicht äußern wollen.

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