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Propagandabilder im Gaza-Konflikt Nichts spricht für einen israelischen Luftschlag

Eine Woche dauern die Kämpfe zwischen Israel und der Hamas nun an. Fotos sind dabei ein probates Mittel der Propaganda, wie ein sehr trostloser Fall beweist.

© REUTERS Vergrößern Ismail Hanija und Hilscham Kandil (links) am vergangenen Freitag mit dem getöteten Kind Mahmoud Sadallah

Eine Woche dauern die Kämpfe zwischen Israel und der Hamas nun an, über 800 Raketen feuerte die Hamas, 1400 Angriffe startete Israel. Am Sonntag starben mindestens neun zivile Palästinenser bei einem einzigen Luftschlag der Israelis. Ein Krieg ist das schon seit geraumer Zeit. Geändert hat sich nur die Frequenz der Luftschläge - und die der Raketen aus Gaza. Der Kampf wird, wie kein zweiter zuvor, auch online geführt, auf Twitter, in Blogs und auf Facebook, ein Krieg der Meinungen, ob mit 140 Zeichen oder in Full-HD. Und fast immer, wenn die Propagandisten beider Seiten nicht nur informieren, sondern überzeugen wollen, senden sie Bilder.

Eines dieser Bilder, es wurde am Freitag aufgenommen, zeigt die ganze Absurdität dieser Maschinerie. Da liegt ein vier Jahre altes Kind, tot, den Rücken und das Gesicht blutverschmiert, in den Armen zweier Männer: Ismail Hanija und Hischam Kandil, Hamas-Ministerpräsident der eine, ägyptischer Premier der andere. CNN, der Daily Mirror, der Telegraph, sie alle publizierten Schilderungen, Bilder, Videos vom diesem Ereignis. „Ein weiteres Opfer eines Luftangriffs“, spricht die Off-Stimme bei CNN über diese Bilder. Ägyptens Premier küsst das tote Kind auf die Stirn. Die Bilder zeigen, wie Kandil und Hanija danach in die Videokameras schauen, ihre Arme überkreuzen und Hanija ruft: „Das Blut klebt an unser beider Händen.“ Das war freilich noch doppeldeutiger, als er wissen konnte.

99 Raketen, viele Tote

Denn vermutlich starb das Kind Mahmoud Sadallah nicht durch eine israelische Attacke, sondern durch eine Waffe der Hamas, vielleicht eine Mörsergranate oder eine Kassam. Das Palestinian Centre for Human Rights (PCHR), eine Nichtregierungsorganisation, die akribisch jeden Angriff auf Gaza verzeichnet, jede Rakete und jeden Toten mit Namen und Alter, hat den Tatort inspiziert, berichtet Associated Press. Die Krater in der Hauswand, das ganze Panorama der Zerstörung: Nichts, sagen sie, deutet zwingend darauf hin, dass es ein israelischer Luftschlag war.

Im Gegenteil. Die Trümmerteile der Rakete haben die lokalen Behörden rasch entfernt. Die israelischen Streitkräfte streiten vehement ab, zu diesem Zeitpunkt einen Angriff geflogen zu haben; es galt schon die Waffenruhe für den Besuch von Kandil. Am Sonntag twitterte die Israeli Defence Force, dass bisher 99 Raketen aus dem Gazastreifen auch wieder dort einschlugen. Kassams sind keine Lenkwaffen. Wer sie abschießt, kann sie so gut oder so schlecht steuern wie eine große Silvesterrakete.

Begegnung im Krankenhaus

Der Fall weckt Erinnerungen an Mohammed al-Durah, eine „Ikone der Zweiten Intifada“, wie ihn Esther Schapira nannte (F.A.Z. vom 4. März 2009). Die Bilder aus dem Jahr 2000, die vorgeblich die Erschießung des Jungen zeigen, haben viele zum Hass angestachelt. Bis heute ist nicht völlig klar, was damals passierte. Letztlich, so der selbst involvierte Journalist Charles Enderlin, sah jeder in diesen Bildern, was er sehen wollte: „zionistischen Imperialismus“ hier, „Pallywood“, die palästinensische Form von Propagandafilmen, dort. Genau das ist die „zweite Front“, von der nun auch der israelische Finanzminister sprach. Eine Front des Hasses - und oft auch der Lügen.

Also alles Propaganda? Ja und nein. Im Nachhinein wurde Mahmoud Sadallah von der Hamas zum Opfer israelischer Aggression erklärt. Doch zur Anklage taugt der Vorfall nur bedingt. Denn an diesem Morgen, als die Delegation der Regierungschefs das Krankenhaus gerade betreten hatte, brachte man den wohl schon leblosen Körper Mahmoud Salladahs in die Shifa-Klinik, eben dorthin, wo auch Hamas-Chef Hanija und sein ägyptischer Kollege sich aufhielten. Ein Nachbar des kleinen Jungen trug ihn über die Flure, bahnte sich laut AP einen Weg durch den Kordon der Sicherheitsleute und stand schließlich vor den beiden Politikern.

Widersprüchliche Meldungen

Ob Kandil und Hanija davon wussten, dass der Junge vor ihnen durch den Beschuss aus Gaza getötet wurde? Vermutlich nicht. Wie sollten sie auch? Sie waren in einem Krankenhaus, umgeben von zivilen Opfern des Krieges. Und ganz gewiss haben sie nicht gefragt, ob die Schrapnell-Wunden am Körper von Mahmoud Sadallah von israelischen oder Hamas-Waffen stammen. Sie haben das tote Kind genommen, sich mit ihm fotografieren und filmen lassen.

Sie hätten viele andere auswählen können. Aber da stand dieser Mann mit dem toten Kind. Mahmoud Sadallah war jetzt ihr Symbol. Wie soll man das nennen? Nicht-intentionale Propaganda? Israelische Blogs stürzen sich auf die Bilder, reklamieren sie als Fälschung. Wer die Berichte über die Ereignisse liest, stößt ohnehin auf Widersprüche. Mal ist der Junge sechs Jahre alt, mal vier.

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Welch tragische Folgen es haben kann, wenn das Verlangen nach Bildern die Vernunft vernebelt, zeigen die Opfer von Kiryat Malachi. Immer wieder wurde und wird die israelische Kleinstadt beschossen, besonders stark am vergangenen Donnerstag. Doch statt auch dieses Mal in die Bunker zu hasten, gingen Medienberichten zufolge zwei Männer ans Fenster, um Fotos zu schießen, wie es Journalisten tun: vom Feuerwerk, das da kommt. Das Feuerwerk war eine Rakete aus Gaza. Sie mussten sterben.

Quelle: F.A.Z.

 
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