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Pro Sieben Sat.1 Es kann nur einen geben

19.09.2007 ·  Eine Privatsendergruppe im Umbruch: Pro Sieben soll so groß werden wie RTL, Sat.1 so klein wie RTL 2. Riskant ist der Strategiewechsel auch für Pro Sieben, das sich breiter aufstellen soll - und sein jugendliches Image einbüßen könnte.

Von Peer Schader
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An Donnerstagen können die Sat.1-Mitarbeiter in Berlin zuletzt nur mit Bauchschmerzen in den Fahrstuhl gestiegen sein. Regelmäßig hängen dort die Quoten vom Vortag aus, und mittwochs ist der Sender mit dem Kai-Pflaume-Quiz „Rich List“ und den darauf folgenden Doku-Soaps gerade ziemlich untergegangen. Dass RTL in der vergangenen Woche mit „Super-Nanny“ und „Raus aus den Schulden“ trotz Fußball im Ersten den dreifachen Marktanteil holte - geschenkt. Aber von Vox, RTL 2 und Kabel 1 überholt zu werden, das wird die Programmverantwortlichen schmerzen. Jetzt zeigt Sat.1 mittwochs die Champions League und die „Hit-Giganten“. Das verspricht stabile Quoten.

Der Mittwoch scheint also gerettet. Dennoch gibt es Gründe, sich Sorgen um Sat.1 zu machen. Nicht nur, weil man in Berlin längst den Anspruch aufgegeben hat, mit einer eigenen Nachrichtenredaktion, wie sie die anderen großen Sender haben, in der ersten Liga mitzuhalten. Viel schlimmer ist, dass Sat.1 auch das Gespür für Unterhaltung verloren hat.

Da ist nichts dabei

Erfolge wie „Schillerstraße“ und „Verliebt in Berlin“ gehören der Vergangenheit an. Das Revival der Castingshows hat Sat.1 schlichtweg verschlafen, Showhöhepunkten wie „Deutschland sucht den Superstar“ bei RTL und „Germany's Next Topmodel“ bei Pro Sieben weiß man nichts entgegenzusetzen. In Sachen Comedy führt Pro Sieben. Und was amerikanische Serien betrifft, liegen RTL und Vox uneinholbar vorn. Wenn wochenends Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen Prominente zum Minigolfen zwingen oder Schiffe versenken spielen, ist das die Hauptattraktion der Woche. Und wer einen Blick auf die Ankündigungen neuer Sendungen für den Herbst wirft, der sieht austauschbare Dokusoaps und ahnt: Da ist nichts dabei, das man auf keinen Fall verpassen sollte.

Video: Pro Sieben Sat.1 will 180 Stellen kürzen

Umso spannender ist der Blick auf Pro Sieben, das im Konzern längst die Hauptrolle spielt. Einen Marktanteil von 11,9 Prozent bei den vierzehn bis neunundvierzig Jahre alten Zuschauern holten die Münchner im ersten Halbjahr 2007, Sat.1 kam auf 10,5 Prozent. Freilich hat auch der Schwestersender seine Problemchen: Ständige Wechsel zwischen Mysteryserien und Comedy am Montag haben die Zuschauer irritiert, und „Popstars“, das 2006 Rekordquoten holte, macht man gerade kaputt, indem das Programm ohne Pause läuft. Immerhin aber erwarten die Zuschauer von Pro Sieben noch Besonderheiten, nicht bloß durchformatierte Quizshows und Ermittlersoaps. Deshalb ist es erstaunlich, wie der Sender sich gerade neu aufstellt und mit Programmen experimentiert, die man dort noch vor ein oder zwei Jahren kaum vermutet hätte.

Erstmals Fußball bei Pro Sieben

An diesem Donnerstag zeigt Pro Sieben erstmals Live-Fußball und überträgt von 18.40 Uhr an das Spiel Bayern München gegen Belenenses Lissabon in der Hinrunde des Uefa-Cups. Die Trailer dazu sind geschnitten wie die Ankündigung eines Kinoerfolgs, mit hervorgehobenen Namen der Spieler, die im Rampenlicht stehen wie Schauspieler. Seit Anfang des Jahres experimentiert Senderchef Andreas Bartl außerdem mit Boxen und müht sich, in den „Fight Nights“ mit Protagonisten wie Susi Kentikian junge Boxstars zu etablieren. Noch in diesem Jahr soll mit dem „Legends Masters“-Turnier Tennis übertragen werden.

Früher war Pro Sieben der Sender mit den Blockbustern aus Hollywood, den amerikanischen Serien und Stefan Raab; ein Programm, das es zugleich besser als jeder Konkurrent verstand, eigene Stars aufzubauen, die untrennbar mit Pro Sieben verbunden sind - neben Raab waren das Michael „Bully“ Herbig und Oliver Pocher. Auch das ändert sich. Herbig macht inzwischen lieber Kinofilme, Pocher hat sich von Harald Schmidt ins Erste locken lassen, und statt konsequent neue Shows an junge Moderatoren zu geben, sind plötzlich Jürgen von der Lippe, Mike Krüger und Hans Werner Olm auf Sendung. Im Herbst startet Boris Becker mit einer Show, in der er Berühmtheiten porträtiert, außerdem darf sich Löffelverbieger Uri Geller einen Zauberlehrling suchen, und Claude Oliver-Rudolph wandert mit Charlotte Engelhardt, Oliver Petszokat und Ingo Naujoks fürs „Promi-Pilgern“ den Jakobsweg entlang.

Ob der Zuschauer es versteht?

Das alles passt auf den ersten Blick so gar nicht zu Pro Sieben und seinen jungen Zuschauern, zu der Positionierung, mit der man sich bisher so deutlich von Sat.1 unterschied. Man hat den Eindruck, als werde das nun aufs Spiel gesetzt - auch wenn der Senderchef Andreas Bartl verspricht, die Unverwechselbarkeit der Herangehensweise von Pro Sieben, die immer etwas frecher und moderner war als die von RTL oder Sat.1, gehe nicht verloren. Ob das auch die Zuschauer verstehen? „Extreme Activity“ mit Jürgen von der Lippe ist ein Jahr nach dem Start gerade abgesetzt worden, weil die Quoten rapide gesunken waren. Mike Krügers Late-Night-Parodie „Krügers Woche“ holt nicht unbedingt Spitzenwerte, selbst wenn Krüger sich ständig über die Jugendfixierung seines neuen Arbeitgebers lustig machen darf.

Auch die „Fight Nights“ sind bisher kein Erfolg gewesen, außer wenn Stefan Raab in den Ring gestiegen ist. Vor zwei Wochen hatte Kentikians Kampf am späten Freitagabend acht Prozent Marktanteil bei den jüngeren Zuschauern und blieb damit deutlich unter dem Pro-Sieben-Schnitt. Die Reality-Show „Survivor“, deren deutsche Erstadaption „Inselduell“ vor sieben Jahren bei Sat.1 lief, ist in den späten Abend verschoben worden, weil der Erfolg um 20.15 Uhr ausblieb.

Noch führt RTL deutlich

Mit der neuen Ausrichtung entfernt sich Pro Sieben von einer Verlässlichkeit, die den Erfolg des Senders ausgemacht hat, und erinnert an ein jüngeres, aber eben genauso breit aufgestelltes Sat.1. Es gibt Spekulationen, dass Pro Sieben unter den neuen Eigentümern KKR und Permira zum ernstzunehmenden RTL-Konkurrenten aufgebaut werden soll und dafür Sat.1 zurechtgestutzt wird. Aber das wird in München vehement dementiert. Nach wie vor liegt RTL in der jungen Zielgruppe deutlich vorn. Ganz so unrealistisch wäre ein starkes Pro Sieben, das RTL angreift, nicht. Dafür brauchte man in München jedoch nicht nur junge „Popstars“-Fans. Es müssten auch „ältere“ junge Zuschauer von RTL abgezogen werden - vielleicht ja mit Sport oder ehemaligen RTL-Gesichtern wie Mike Krüger? In jedem Fall aber trifft es Sat.1.

Dass Pro Sieben dabei die Nachwuchsarbeit vernachlässigt, könnte dem Sender noch schwer schaden. Pocher hat man ziehen lassen müssen, aber Ersatz für ihn, der bei Pro Sieben viel mehr Platz hätte einnehmen können, ist nicht in Sicht. Und sich dauerhaft nur auf Raab zu verlassen ist heikel. Sat.1 hat denselben Fehler gemacht und jetzt nur Kai Pflaume. Die Zahlen im Fahrstuhl werden auf Dauer nicht besser aussehen.

Quelle: F.A.Z., 20.09.2007, Nr. 219 / Seite 42
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