11.09.2008 · Der Chef des Abo-Senders Premiere hat hingeschmissen, bei Pro Sieben Sat.1 sucht man schon seit längerem einen neuen Vorstandsvorsitzenden: Symptome einer Krise, in der sich das private Fernsehgeschäft befindet.
Von Michael HanfeldDer Chef des Abosenders Premiere, Michael Börnicke, hat es gemacht wie Kurt Beck bei der SPD: Er schmeißt die Klamotten kurzerhand hin. Zwar wurde seit längerem über Börnickes Abgang spekuliert, zudem haben ihm die Emissäre des seit Januar vertretenen Großaktionärs Rupert Murdoch das Leben schwergemacht, doch hat wohl am Mittwoch, als die Nachricht kam, auch im Unternehmen niemand damit gerechnet, dass Börnicke so schnell ginge.
Persönliche Gründe gibt er an, seinen Posten hat er nur für ein Jahr bekleidet, den langjährigen Premiere-Chef und Zampano der Branche, Georg Kofler, hatte er erst im September des vergangenen Jahres beerbt. Im Januar war Rupert Murdochs News Corporation mit einem Anteil von zunächst fünfzehn (später 25,1) Prozent bei Premiere eingestiegen. Das Unternehmen führt nun Mark Williams, der Finanzvorstand der News Corporation für Europa und Asien ist und in der Geschäftsführung des Satellitensenders Sky Italia sitzt, der ebenfalls Murdoch gehört.
Kein Übergangskandidat
Der Premiere-Sprecher Torsten Fricke muss zu dem schnellen Wechsel gleich ein Dementi loswerden: Williams sei kein Übergangskandidat. Er werde seinen Job erfolgreich machen, für wie lange, das sei noch völlig offen. Auch das klingt fast ähnlich wie bei der SPD, von der man nicht weiß, ob Franz Müntefering sie übergangsweise oder langfristig anführt. Dass es bei Premiere nicht so läuft, wie der Großaktionär Murdoch sich das vorstellt, kann man an den Zahlen ablesen. Der Sender hat im ersten Halbjahr 2008 netto einen Verlust von 66 Millionen Euro gemacht. Probleme bereiten dem Abosender die vielen Schwarzseher, und dass Premiere mehr als 3,5 Millionen voll zahlende Kunden habe, das glaubt in der Branche niemand so recht. Hartnäckig kämpft der Sender gegen Schwarzseher, die den Zugangscode zu den Programmbouqeuts geknackt haben. Mit der Idee, den Sender Sat.1 aus der Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe herauszulösen, ist der bisherige Premiere-Chef Börnicke auch nicht gelandet.
Und schließlich gewärtigt Premiere bei den wichtigen Fußballrechten eine Hängepartie. Das Bundeskartellamt hat mit seinem Veto zugunsten der „Sportschau“ der ARD den Plan durchkreuzt, die Bundesliga noch stärker an das Abofernsehen zu binden und die Ausstrahlung der Liga im sogenannten „freien“ – in Wahrheit aber durch Gebühren bezahlten – Fernsehen samstags erst zu einem späteren Zeitpunkt als derzeit und in kleinerem Rahmen laufenzulassen.
Begrenzte Möglichkeiten
An der dahinter stehenden Machtposition der öffentlich-rechtlichen Sender sind über die Jahre die hochfliegendsten Pläne des Privatfernsehens in Deutschland gescheitert. Leo Kirch ist mit seiner Vermarktungsfirma Sirius, die dem Ligaverband mit den Fernsehrechten im Jahr fünfhundert Millionen Euro einbringen wollte, aktuell geschädigt, sein Geschäftsführer Dejan Josic allerdings muss wohl aus anderen Gründen gehen, er soll sich nebenbei um Geschäfte gekümmert haben, von denen sein Arbeitgeber nichts wusste. Wie begrenzt aber die Möglichkeiten des Privatfernsehens in Deutschland generell sind, das hat Rupert Murdoch wiederum schon in den neunziger Jahren erfahren, an deren Ende er sein Engagement bei dem Sender Vox entnervt aufgab, auch bei Premiere war er schon einmal investiert. Sein neuer Statthalter Mark Williams dürfte schnell begreifen, wie begrenzt die Möglichkeiten auch heute sind.
Dass man auf diesem im Augenblick stagnierenden Markt, dessen wichtigste Protagonisten dabei sind, sich auf die Herausforderungen des Internets einzustellen, Wachstum nicht erzwingen kann, das erleben auch die Eigentümer von Pro Sieben Sat.1, die Finanzinvestoren Permira und KKR. Ihnen will es partout nicht gelingen, für den Vorstandsvorsitzenden Guillaume de Posch, der seinen Abgang zum Jahresende vor Wochen verkündet hat, einen Nachfolger zu finden. Lauter illustre Namen werden gespielt, vom einstigen Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, dem Bertelsmann-Finanzvorstand Thomas Rabe über den einstigen Premiere-Chef Kofler bis zum ehemaligen Sat.1-Chef Fred Kogel – doch stets versehen mit dem Hinweis, dass sie den Posten unter den gegebenen Bedingungen nicht haben wollten.
Patrick Tillieux, der Chef der mit Pro Sieben Sat.1 fusionierten Sendergruppe SBS, könnte sich angeblich eher dazu bereitfinden. Diese Bedigungen lauten, dass der durch die Fusion hochverschuldete Fernsehkonzern, der eine Rendite von mehr als zweiundzwanzig Prozent abwirft, eine Gewinnmarge von dreißig Prozent erreichen soll. Dieser Finanzinvestorenlogik aber können diejenigen, die etwas vom hiesigen Fernsehgeschäft verstehen, nicht folgen. Ihre zehnstelligen Budgets sicher – jetzt rund 7,3, bald acht Milliarden Euro pro Jahr – haben hierzulande nur ARD und ZDF.