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Kritik an Gaza-Film : „Ich erwarte von Arte mehr Sorgfalt“

Mit Blick auf Israel und die Palästinenser, sagt Josef Schuster, werde mit zweierlei Maß gemessen. Zum Beispiel im Fall des Arte-Films „Gaza: Ist das ein Leben?“ Bild: epd

Mit der Aussage des Senders Arte, der umstrittene Gaza-Film, der Israel alle Schuld an der Lage dort zuweist, sei eine Reportage und daher subjektiv, gibt sich der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, nicht zufrieden. Im Interview mit der F.A.Z. fordert er Arte zum Handeln auf.

          Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, gibt sich im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit der Erklärung, die der deutsch-französische Kultursender Arte zu der umstrittenen Reportage „Gaza: Ist das ein Leben?“ abgegeben hat, nicht zufrieden. Es sei „auffällig, dass sich Arte stets auf sehr formale Begründungen bei der Beurteilung der Beiträge zurückzieht“, sagt Schuster.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Er spielt damit auf die Absetzung der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ an, die Arte wegen vermeintlicher Einseitigkeit nicht zeigte, und auf die jetzige Ausstrahlung des Gaza-Films. „Einer inhaltlichen Auseinandersetzung ist der Sender in beiden Fällen, also bei der Judenhass-Doku und der Gaza-Reportage, ausgewichen.“

          „Von Einseitigkeit geprägt“

          Der Zentralrat und weitere Organisationen hatten dem Sender in einem Offenen Brief vorgeworfen, die am 22. Juli gesendete Reportage sei „von Einseitigkeit geprägt“ und unterschlage wichtige Informationen zum Verständnis des Gaza-Konflikts. Israel werde „als Aggressor dargestellt“ und „allein für die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Lage im Gaza-Streifen verantwortlich gemacht“.

          Arte hatte entgegnet, der Film sei keine Dokumentation, sondern eine Reportage. Und Reportagen seien „per definitionem Ausdruck der persönlichen Erfahrungen und Begegnungen eines vor Ort befindlichen Journalisten“. Gerade darin bestehe „der journalistische Wert dieses Genres, da es persönliche Sichtweisen authentisch widerzuspiegeln vermag, ohne den Anspruch zu erheben, einen komplexen Sachverhalt vollständig und von allen Seiten gleichgewichtig zu beleuchten“. Die Reportage beschäftige sich bewusst „mit den Lebensumständen der Protagonisten aus deren Perspektive“.

          „Warum“, fragt Schuster im Interview mit der F.A.Z., „sollte es nicht möglich sein, die Perspektive eines Protagonisten durch ein, zwei einordnende Sätze zu ergänzen? Auch eine authentische Wiedergabe einer persönlichen Sichtweise sollte für Zuschauer verständlich sein. In dem Film wird aber nicht erklärt, warum sich der Protagonist in der Lage befindet, wie er sie schildert.“

          Machtkampf zwischen Fatah und Hamas

          Die Einseitigkeit und die Weglassungen ließen sich an vielen Punkten festmachen, so Schuster. So würden Militäraktionen Israels gegen Gaza erwähnt, es werde der israelischen Seite „aber nicht die Möglichkeit gegeben, aus ihrer Sicht darzustellen, warum sie militärisch gegen Gaza vorgegangen ist.“ Ebenso heiße es in den Film, Israel sei verantwortlich für die mangelnde Stromversorgung in Gaza. „Zur vollständigen Darstellung gehört aber, dass die palästinensische Autonomiebehörde Israel gebeten hatte, die Stromversorgung zu reduzieren. Hintergrund dieser Bitte ist Medienberichten zufolge ein Machtkampf zwischen der radikal-islamischen Hamas und der Fatah. Israel liefert zudem nur einen Teil des Stroms für Gaza.“

          Szene am Strand: Ausschnitt aus „Gaza: Ist das ein Leben?“
          Szene am Strand: Ausschnitt aus „Gaza: Ist das ein Leben?“ : Bild: Arte/Screenshots

          Auch mangele es an der „Ursachenbenennung des Gaza-Konflikts von 2014“, sagt Schuster im Gespräch mit der F.A.Z.: „Das waren die andauernden Raketenbeschüsse aus Gaza auf Israel. Dass das israelische Militär auch Wohnhäuser bombardiert hat, lag unter anderem daran, dass die Hamas sich bewusst bei Zivilisten einquartiert. Während Israel Bunker zum Schutz seiner Bevölkerung gebaut hat, werden in Gaza Menschen als Schutzschilde missbraucht. Eine weitere Auslassung sehen wir auch darin, dass der Einfluss der Hamas auf das Leben in Gaza nicht erwähnt wird. So beklagt am Ende des Films ein Mann, dass es keine Clubs oder Discos in Gaza gebe. Hier wäre der Hinweis angebracht gewesen, dass die Hamas häufig Einschränkungen macht bei öffentlichen Tanz- und Musikveranstaltungen wie 2015 zu Silvester.“

          „Entspricht dem Mainstream, vor allem in Frankreich“

          Man habe am Beispiel der Art und Weise, in welcher der WDR die ungeliebte Judenhass-Dokumentation behandelte, gesehen, so der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, „dass Sender auch recht kurzfristig in der Lage sind, einen Faktencheck zu erstellen. Auch Arte könnte die Reportage in der Mediathek mit einem Faktencheck verbinden. Unkommentiert sollte sie nicht im Netz stehenbleiben. Vor allem aber erwarte ich von Arte, dass künftig bei der Auswahl von Autoren und bei der Abnahme von Beiträgen mehr Sorgfalt waltet.“

          Straßenszene aus „Gaza: Ist das ein Leben?“
          Straßenszene aus „Gaza: Ist das ein Leben?“ : Bild: Arte/Screenshot

          Auf die Frage, warum sich der deutsch-französische Kultursender mit Blick auf Israel und die Palästinenser und die erst nach heftiger öffentlicher Kritik in veränderter Form gezeigte Dokumentation über Judenhass so verhalte, sagt Schuster: „Eine einseitige Kritik an Israel entspricht leider dem Mainstream, vor allem in Frankreich. Vielleicht erhofft sich Arte damit höhere Einschaltquoten als mit einem Film, in dem Judenfeindlichkeit auch in antizionistischen Kreisen dargestellt wird.“

          Er fügte hinzu: „Wir merken selbst, über muslimischen Antisemitismus zu sprechen, kommt einem Drahtseilakt gleich. Man erntet einerseits sehr schnell Applaus von sehr rechten politischen Kräften, die die Kritik nutzen, um Vorurteile gegen Muslime zu schüren. Andererseits wurde uns wegen solcher Äußerungen auch schon Rassismus vorgeworfen. Ich halte es dennoch für sehr wichtig, Probleme, die es nun mal gibt, nicht zu verschweigen. Hier würde ich mir manchmal mehr Mut von den öffentlich-rechtlichen Sendern wünschen.“

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          Das vollständige Interview, in dem der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland auch die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und den um sich greifenden Antisemitismus an sich anspricht, lesen sie in der Donnerstagsausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

          Quelle: FAZ.NET

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