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„Popstars“-Debatte Der Skandal, der keiner ist

17.10.2008 ·  Eine „Popstars“-Kandidatin erfährt während der Show-Aufzeichnung vom Tod ihrer Mutter. „Bild“ und selbst ernannte Medienexperten schreien schon: Skandal! Dabei ist die Szene vom Sender höchst zurückhaltend begleitet worden. Der eigentliche Skandal geschah vor zwei Jahren.

Von Peer Schader
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Die Welt der „Bild“-Zeitung besteht aus Superlativen und Übertreibungen. Den „traurigsten Moment der TV-Casting-Geschichte“ nutzte das Blatt am Mittwoch, um die Frage zu stellen: „Wie weit darf das Fernsehen gehen?“ Anlass war, dass die sechzehnjährige Kandidatin Victoria während der Aufnahmen zur Pro-Sieben-Show „Popstars“ erfuhr, dass ihre Mutter gestorben ist.

Dazu hatte „Bild“ noch eine ganze Menge andere Fragen: „Sind solche Szenen wirklich noch Unterhaltung?“ und „Darf man so etwas zeigen?“

Die Antworten allerdings, die „Bild“ bereits durch die Aufmachung des Textes vorweg genommen hatte, lieferten andere. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sagte laut „Bild“: „Die Verwahrlosung in manchen TV-Sendungen macht mich fassungslos. Einem 16-jährigen Mädchen im Rahmen einer TV-Show mitzuteilen, dass seine Mutter verstorben sei, ist zynisch.“ Medienwissenschaftler Jo Groebel erklärte: „Dieser Fall grenzt an das Ausbeuten eines privaten Lebensfalls.“

Fitness bis die Tränen fließen

Nachdem die Sendung am Donnerstagabend gelaufen ist, lässt sich nun sagen: Das ist absoluter Quatsch. Bereits am Mittwochmittag wehrte Pro Sieben sich per Pressemitteilung und stellte klar, weder Pofalla noch Groebel hätten die Sendung vorab gesehen oder auch nur „versucht, die Folge bei Pro Sieben anzufordern“. Dann hätten beide tatsächlich sehen können, dass Pro Sieben die Szene mit äußerster Zurückhaltung zeigte.

Der Unglücksanruf kam während des Workshops im ägyptischen Sharm El Sheikh, wo die Mädchen von Tanzcoach Detlev D! Soost und dessen Kollegen auf Erfolg und Durchhaltevermögen getrimmt werden sollen, bis regelmäßig die Tränen fließen. „Fangt an zu kämpfen, heult nicht rum“, schreit Soost die Mädchen bei Fitnessübungen am Strand an, und: „Wir sind nicht im Ferienlager“. Die übertriebene Härte, mit der die jungen Frauen, die sich ihren Traum vom Singen erfüllen wollen, von einer Ecke in die nächste gehetzt werden, gehört zum Konzept. „Rennen, rennen, rennen, rennen“, fordert Soost, und wenn alle rennen: „Schneller, schneller, schneller, schneller.“

Von Ausbeutung oder Zynismus kann keine Rede sein

Im Moment, als Kandidatin Victoria den Anruf entgegen nehmen soll, ist er aber selbst den Tränen nahe. Die Mädchen warten auf ihren täglichen Trainingsbeginn, als Soost zu ihnen kommt und Viktoria bittet, im oberen Stockwerk ans Telefon zu gehen. Dann erzählt er den anderen jungen Frauen, was passiert ist, die Kamera zeigt entsetzte Gesichter, Soost sagt aber sofort danach mit heiserer Stimme: „Und jetzt machen wir die Kamera bitte aus.“ Dieser Satz steht nicht in der „Bild“-Zeitung. Zu keiner Zeit wird Victoria gezeigt, wie sie auf die Nachricht reagiert, lediglich einige Bilder aus vorigen Folgen werden eingeblendet, dahinter ein abhebendes Flugzeug, um zu erklären, dass sie gleich nachhause zu ihrer Familie geflogen ist.

Ganz ohne Erklärung wäre es auch schlecht gegangen: Den Zuschauern den Grund zu verheimlichen, weshalb eine Kandidatin von einem Moment auf den nächsten nicht mehr dabei ist, hätte wenig Sinn gehabt. Von Ausbeutung oder Zynismus kann keine Rede sein, die selbst ernannten Experten haben sich mit ihrem Urteil selbst disqualifiziert - aber neu ist das nicht, dass „Experten“ sich entrüstet über Sendungen äußern, die sie nie gesehen haben. Wenn „Bild“ anruft, scheint die Empörung ansteckend zu sein.

Vor zwei Jahren blieb die Kamera an

Zwei Jahre zuvor hätte das noch anders ausgesehen - nur hat sich die „Bild“-Zeitung damals noch nicht für „Popstars“ interessiert. Im Oktober 2006 gab es in der Pro Sieben-Show nämlich eine ganz ähnliche Situation. Damals erfuhr Kandidatin Vanessa am Telefon, dass ihr Vater gestorben ist, während sie mit ihren Kolleginnen im „Bandhaus“ trainierte. Damals hat keiner gesagt, dass bitte schön die Kamera ausgemacht werden soll, im Gegenteil: Pro Sieben hat schön weiterfilmen lassen und im Hintergrund Musik von Enya laufen lassen, weil die so schön traurig ist.

Als die damals Neunzehnjährige sich nach der Schocknachricht entschied, nicht etwa nachhause zu ihrer Familie zu fahren, sondern bei „Popstars“ weiterzumachen, war da auch keiner, der ihr erklärte, dass das eher keine gute Idee sei. Soost sagte: „Wir als Jury haben darüber nachgedacht: Schicken wir sie jetzt nachhause, damit sie diesen Verlust verarbeiten kann? Oder machen wir das, was sie gerne möchte: dass sie hier bleiben kann. Wir haben uns dafür entschieden, dass sie hier bleiben kann, damit sie zumindest diesen Traum nicht auch noch verliert.“

Dann ging das Training für die Tanzchoreographie weiter, und als Vanessa nicht mithalten konnte, war Soost wieder ganz der alte: „Im Augenblick sieht‘s wirklich so aus wie in Magdeburg in ‘nem Tabledance-Laden.“ Da ist Vanessa in Tränen ausgebrochen. Ein paar Shows danach hat die Jury sie dann doch nachhause geschickt, weil sie bei ihren Auftritten so „angestrengt“ gewirkt hat, wie die junge Frau zum Schluss mitgeteilt bekam. Die Medienexperten Groebel und Pofalla scheinen auch damals schon nicht zugesehen zu haben.

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