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„Polizeiruf 110: Schuld“ im Ersten : Es liegt was in der Luft

  • -Aktualisiert am

Handgemenge: Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt, links) und der vermeintliche Täter (Daniel Christensen) Bild: dapd

Der dritte „Polizeiruf“ mit Matthias Brandt in der Rolle des Kommissars von Meuffels schildert ein Verbrechen, das ein Dorf spaltet. Also geht es in tiefe bayerische Provinz.

          Für Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) und den mutmaßlichen Mörder wird es eine lange Nacht. In „Schuld“, dem dritten „Polizeiruf“ aus München seit seinem vielgepriesenen Neustart, belagert ein ganzes gewaltbereites, bayerisches Dorf mit Traktoren den Hof von Xaver Edlinger (Daniel Christensen), der vor zwölf Jahren vom Münchner Gericht vom Vorwurf des Mordes an Anton Filser (Martin Liema) freigesprochen wurde.

          In den Gehöften am Rand der Alpen aber mochte das Gericht zwar formaljuristisch Recht gesprochen haben, der Verdacht und das Gerücht aber sind mehr als ein Jahrzehnt lebendig geblieben.

          Freigesprochen worden war Xaver nur, weil sein Schwager Max (Michael Grimm) ihm in letzter Minute ein Alibi gegeben hatte. Max’ Frau Rosa (Sarah Lavinia Schmidbauer) hatte damals Anton erschlagen auf einer Wiese gefunden, die Tatwaffe, eine Bierflasche, lag wenige hundert Meter entfernt. Seit zwölf Jahren liegt sie als Asservat im Archiv der Münchner Kriminalpolizei.

          Genauso lang ist das Dorf gespalten in die Gruppe derjenigen, die Xaver für unschuldig halten, und jene, die mit Antons Vater (Andreas Giebel) die Justiz für unfähig befinden. Nun bewacht der Kommissar den Mörder, um ihn vor der Selbstjustiz des Mobs zu schützen. Die Zwickmühle: Nur wenn Xaver noch gesteht, kann von Meuffels ihn verhaften und nach München in Sicherheit bringen. Ansonsten gilt, trotz neuer erdrückender Beweise, der Grundsatz der Rechtsprechung: „Ne bis in idem“ (Nicht zweimal in derselben Sache).

          Stille und Verlangsamung

          Hans Steinbichler hat mit „Schuld“ für den BR den zweiten außergewöhnlichen „Polizeiruf“ in Folge gedreht, nachdem Dominik Graf mit „Cassandras Warnung“ in der Auftaktfolge zeigen konnte, was exzellentes Fernsehen von gutem unterscheidet. Steinbichlers erster Beitrag, „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, war in einer Art vorauseilender Selbstzensur des Senders aus Jugendschutzgründen wegen, so hieß es, ausufernder Gewaltdarstellung ohne entspannende Momente erst nach 22 Uhr gesendet worden. Unter Filmschaffenden und Kritikern sorgte das gleichermaßen für Empörung.

          Xaver Edlinger (Daniel Christensen) wird von den Dörflern verprügelt
          Xaver Edlinger (Daniel Christensen) wird von den Dörflern verprügelt : Bild: BR

          In „Schuld“ ist die Darstellung der Gewalt der Geschichte gemäß zwar weniger explizit, dafür liegt sie in fast jeder Einstellung in der Luft. Besonders bemerkenswert ist der Umgang des Regisseurs mit Stille und Verlangsamung. Zu sehen ist bisweilen ein Bergbauernidyll, ganz zurückhaltend der Musikeinsatz (Hans Wiedemann), gelegentlich scheint die Sommerluft zwischen den Höfen und auf den Feldern zu stehen, die Vögel zwitschern, und die Fliegen summen vernehmlich (Kamera: Christian Rein).

          Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Wie aus dem Nichts bricht Aggressivität aus, die sich nicht nur bei der Verlobungsfeier von Kati (Barbara Bauer) und Xaver in einer Wirtshausschlägerei Bahn bricht. Ob das für den Betrachter entspannender ist, sei dahingestellt.

          Dass Steinbichler studierter Jurist ist, merkt man „Schuld“ aufs beste an. Verhandelt werden beispielsweise rechtssystematische Fragen nach dem Verhältnis von Recht, Rechtsempfinden und Gerechtigkeit. Die Schrecken eines gesellschaftlichen Urzustandes, in dem Selbstjustiz herrscht, führt Steinbichler anschaulich vor Augen.

          Direkt in die Magengrube

          Zugleich erzählt das Buch von Stefan Kolditz dem preußischen Baron und Außenseiter von Meuffels - der im Dorf angesichts der dialektsprechenden Bewohner andauernd „versteh ich nicht“ sagt, was nicht nur buchstäblich, sondern auch im übertragenen Sinn zu gelten hat - und dem Zuschauer eine zutiefst archaische, nur scheinbar einfache Heimatgeschichte über in ihrer Landschaft und ihrer geschlossenen Gesellschaft tiefverwurzelte Menschen. Ohne ästhetische Verrenkungen, sozusagen direkt in die Magengrube.

          Mit diesem Menschenschlag, mit Sturheit und fragwürdiger Kompromisslosigkeit, die aus Gründen des Familienzusammenhalts sogar das Selbstopfer einschließt, kann der Baron, eher unfreiwilliger Erbe und Vertreter seiner genetischen Linie (“Die Hälfte verblödet; die Hälfte verarmt. Genetischer Sondermüll, pflegte meine Großmutter zu sagen.“) nichts anfangen.

          Seine Assistentin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) aber, die selbst aus dem Dorf stammt und nun, von Xavers Schuld überzeugt, gegen alle Vorschriften den Fall neu untersucht, um ihre Schwester Kati von der Verlobung abzuhalten, ist in ihrer Dickköpfigkeit das Bindeglied zwischen Bauernstubendorfhölle und Großstadtbindungslosigkeit, zwischen drinnen und draußen.

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