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Polizeiruf 110: „Rosis Baby“ : Na sauber, ein Mongo

  • -Aktualisiert am

Finden einen Draht zueinander: Komissar Tauber (Edgar Selge) und Rosi (Juliana Götze) Bild: BR/Claussen

Juliana Götze feiert am Sonntag beim „Polizeiruf 110“ ihr Kameradebüt. Es ist eine sensationelle Premiere der 22-Jährigen: Unendlich still, unendlich heiter. Das Ende vom Lied stimmt nicht froh, aber Rosis Geschichte geht weiter.

          Jürgen Tauber ist der Schmerzensmann unter den deutschen Fernsehkommissaren. Er leidet an sich, am Wetter, an der Welt, vor allem an seiner Kollegin Jo Obermaier, irgend etwas findet sich, das seine wunde Seele piesackt. Diesmal lässt ihn der erste Anblick einer Zeugin gequält aufstöhnen: „Na sauber - ein Mongo!“

          Rosi (Juliana Götze) lebt mit einem Downsyndrom. Ihre Mutter wurde auf dem Parkplatz einer Raststätte brutal niedergeschlagen und fällt ins Koma. Kurz zuvor hatten Mutter und Tochter in der Raststätte erbittert gestritten, worüber erfahren wir zunächst nicht. Die Kommissare Tauber (Edgar Selge) und Obermaier (Michaela May) müssen schnell begreifen, dass sie diesen Fall nicht lösen, wenn sie ihre üblichen Maßstäbe anlegen. Sie müssen sich auf Rosis Welt einlassen und ihre Perspektive akzeptieren. Vor allem Tauber tut sich schwer. Er ist mitleidsvoll und hochmütig zugleich, grob wie die Axt im Walde, wenn es darum geht, die Innenwelt des Mädchens zu erkunden. Die Ermittlungen gestalten sich mühsam: Rosi ist im dritten Monat schwanger.

          Wird Rosi ihr Baby behalten können?

          Offenbar wollte die Mutter ihre Tochter drängen, das Kind abzutreiben. Kommt Rosi deshalb als Täterin in Frage? Oder war es der Vater des Kindes, den Rosi nicht nennen will? Welche Rolle spielt Rosis Vater, der ihre Mutter schon lange verlassen hat?

          Die Suche nach dem Täter und dem Vater des Kindes schürt die Spannung. Aber der Krimi vollbringt das Kunststück, diese Suche zeitweilig völlig vergessen zu lassen. Gebannt folgen wir Rosi in ihre Welten folgt und sehen, wie Tauber sein Herz an sie verliert. Dabei ist der Film ungemein dezent, nie hat man das Gefühl, hier werde uns Rührung billig abgeluchst. Und schließlich bangt man bis zum Schluss: Wird Rosi ihr Baby behalten können?

          Der Film hat viele Geschichten in petto. Dank Andreas Kleinerts zudringlicher Regie kommt ihm die Gradlinigkeit aber nicht abhanden. Plötzlich befinden wir uns in einem Liebesdrama, denn Rosis Freund Claus (Sven Hönig) hält Tauber für einen Rivalen. Dabei kommt es zwischen Tauber und Rosi zu einer Liebesszene, die in ihrer Intensität, emotionalen Kraft und komödiantisch-melancholischen Doppelbödigkeit ihresgleichen sucht. Der intellektuelle Schauspieler Edgar Selge und seine intuitive Kollegin Juliana Götze finden zu einer symbiotischen Präsenz.

          Ein sensationelles Kameradebüt

          Es ist auch dem Drehbuch von Matthias Pacht und Alex Buresch zu verdanken, dass dieses Liebespaar derart überzeugend zusammenfindet. Die Autoren loten nicht nur die Sprache der Liebe aus, sie stellen auch unsere Semantik in Frage. Sind vielleicht wir die „Fehler“ und die anderen sind „richtig“? Sind wir, die Nichtbehinderten, nicht vielmehr die verhinderten Menschen? Sind nicht wir diejenigen, die Rosis Hilfe brauchen? Der Film gibt keine plakativen Antworten, aber er hilft, Barrieren zu überwinden.

          Juliana Götze ist zweiundzwanzig Jahre alt und lebt in Berlin bei ihren Eltern. Ihre Ausbildung hat sie in dem Berliner Theater Rambazamba absolviert, das seit vielen Jahren mit Menschen arbeitet, die wir „hindert“ nennen. Es ist Julianas Götzes Kameradebüt, und es ist ein sensationelles Debüt. Unendlich still, unendlich heiter. Das Ende vom Lied stimmt nicht froh, aber Rosis Geschichte geht weiter. Und dieser Film hat uns für neunzig Minuten unserer Normalität enthoben.

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