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Polizeiruf 110 „Kinderparadies“ : Damit überführen wir Bruno, das Beißerchen

Die Mutter ist tot, der Vater sitzt in U-Haft - so wird Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) in der neuen „Polizeiruf“-Folge zum Babysitter Bild: EIKON Süd GmbH/Barbara Bauriedl

Im neuen „Polizeiruf“ aus München wiegen sich Supereltern mit Kinderliedern in ihre Lebenslügen. Die Erzählmittel sind verwirrend, Regisseur Leander Haußmann dringt trotzdem tief in unsere Zeit ein.

          Drei Eindrücke aus diesem neuen Münchner „Polizeiruf“ werden sich dem Zuschauer tief einprägen. Erstens die Einsicht, dass sich Erwachsene, die miteinander Kinderlieder singen, verdächtig machen. Zweitens die Bestätigung des Vorurteils, dass die unter wohlhabenden Eltern verbreiteten Sport- und Nutzfahrzeuge nicht nur Statussymbole, sondern auch sehr unangenehme Tötungswerkzeuge sein können. Und drittens das ungute Gefühl, dass die Sprengkraft des DNA-Abgleichs für unser gesellschaftliches Zusammenleben noch nicht ausreichend erkannt wurde.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit Kinderliedern beginnt dieser „Polizeiruf“, den man übrigens nur in einem abgedunkelten Raum anschauen sollte, weil man sonst in den ersten zehn Minuten zu wenig von der lichtarmen Handlung erkennt. Ungewöhnlich für einen deutschen Fernsehkrimi, wird schon vor dem ersten Bewegtbild eine Art Leitthese eingeblendet: „Wir singen oft Wiegenlieder für unsere Kinder, damit wir selbst schlafen können!“ Wobei dieser Aphorismus des Dichters Khalil Gibran zugleich der Schlüssel zur Haupthandlung ist, die größtenteils in einer privaten Kita spielt. Dort wird gerade der wöchentliche (sic!) Elternabend abgehalten, und die Kinderlieder der folgenden Woche werden angesungen, um die Texte auf ihren pädagogischen Nutzwert hin zu prüfen. Alle haben dabei einen übertrieben glucksenden Spaß, bis einer der Väter einwendet, das Kriegsgerät in der Zeile „Wir werfen mit Zitronen, mit Erbsen und Kanonen“, sei wohl doch ein bisschen zu hart. Man einigt sich ersatzweise auf die friedfertigen „Melonen“. Dabei ist die Gewalt schon längst in das elitäre „Kinderparadies“ mit seinem einsprachigen Chinesisch-Unterricht und seinem Shakespeare-Puppentheater für Zweijährige eingezogen. Es rumort in der Elternschaft, weil der Sohn der Kita-Leiterin Valeska (großartig: Annika Kuhl) die anderen Kinder beißt. Die aufkommende Diskussion über das Problemkind „Bruno“ wird aber nur verdruckst geführt, schließlich gehört es zu den Gründungsmythen der Einrichtung, dass der freien Entfaltung der Kinder oberste Priorität einzuräumen sei - ein Interessenkonflikt, den die sonst so einfühlsame Leiterin einfach abwürgt.

          Stühlchenkreis und Gewalt-Sex

          Man vertagt sich, und der Zuschauer kann für ein paar Sekunden der Frage nachgehen, warum das Spiel der Akteure in der Anfangsphase so ungemein artifiziell wirkte, als habe Regisseur Leander Haußmann die Schauspieler munter improvisieren lassen, dabei aber vergessen, einen gewissen Naturalismus von ihnen einzufordern. Natürlich soll das Ganze auch eine Satire auf die neuen Helikopter-Eltern sein, doch die Art der Darstellung erinnert mehr noch an das Horrorfilm-Genre, in dem der Realitätssinn durch ein psychologisch unstimmiges Agieren der Schauspieler ausgehebelt werden soll.

          Wird das eigene Kind kritisiert, erteilt sie Redeverbot beim Elternabend: Kita-Leiterin Valeska (Annika Kuhl)

          Echte Horrorelemente enthält dann die Parallelhandlung rund um das Wohnhaus des wohlhabenden Kita-Gründers Joachim (Johannes Zeiler). Hinter blickoffenen Fenstern werden bei ihm zu Hause, während er im Stühlchenkreis sitzt, ziemlich handfeste Sex-Spiele praktiziert, die allerdings kurz vor ihrem Höhepunkt von Kinderschreien durch ein Babyphon unterbrochen werden. Ella (Lisa Wagner) springt auf, und wenig später hören wir, wie die beim Liebesspiel nicht gerade zimperliche Frau einen Zweijährigen mit den Worten anherrscht: „Bruno, hast du es wieder gemacht? Hast du die Lara schon wieder gebissen?“ Damit hat sich der zentrale Personenkreis geschlossen, denn Bruno kennen wir ja schon, er ist der Sohn der Kita-Leitern Valeska, und der offenbar leicht sadistisch veranlagte Liebhaber Ellas muss folglich Valeskas Mann Tobias (Markus Brandl) sein. Wobei Ella wiederum mit Joachim, dem Gründer der Kita, zusammen ist und ihren Liebhaber Tobias kurzerhand rausschmeißt. Wenig später ist sie tot, brutal überfahren.

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