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„Polizeiruf 110“ im Ersten : Mit Leidenschaft ermitteln

  • -Aktualisiert am

Schnaps ist Schnaps: Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner trinken aus Bild: NDR

Kenner des „Polizeirufs“ haben es geahnt: Es bilden sich neue Paarungen in Rostocks Ermittlerkreisen. Und auch in dem neuen Mordfall geht es um verblasstes Familienglück.

          Das ist die Krux langjähriger Paarbeziehungen mit Nachwuchs: Laut allseits anerkannter Maxime brauchen Kinder größtmögliche Sicherheit und Kontinuität ihrer Lebensumstände, um zu gedeihen. Wer aber, ob Vater oder Mutter, nur fürs Solide steht, wird für den Partner vorhersehbar und unattraktiv. Der Anfang der Aufzucht wird vielfach als das Ende der romantischen Liebe gesehen. Auch ohne Nachwuchs ist es für zwei, die einst ohne einander nicht konnten, schwer genug, sagt man. Wenn das Haus gebaut und der Apfelbaum gepflanzt ist, scheint fast zwangsläufig die große Unzufriedenheit anzufangen. Bleiben oder aufbrechen? Ein bisschen bleiben, Langeweile aussitzen und heimlich aufbrechen? Laut Scheidungsstatistik werden mehr Anträge von Frauen als Männern eingereicht. Weil Frauen schlechter verdrängen können? Weil sie heute oft ihr eigenes Geld, also nichts zu verlieren haben?

          Der „Polizeiruf 110“ aus Rostock „Zwischen den Welten“ umspielt das Thema Nestbau und -zerstörung doppelt. Es prägt die Aufklärung des verhandelten Todesfalls, der zunächst gänzlich krimikonventionell daherkommt, genauso wie das Privatleben des Kommissars Sascha Bukow (Charly Hübner), der über seinem Ermittlungsdrang nicht nur die Fürsorge für die Söhne vergisst, sondern nicht bemerkt, dass sich zwischen seiner Frau Vivian (Fanny Staffa) und dem Kollegen Thiesler (Josef Heynert) eine leidenschaftliche Affäre anbahnt.

          Horizontales Gewerbe kann jeder

          Die Tote, auf die der urlaubende Bukow beim Angelausflug mit den Kindern stößt, war glücklich verheiratet, bildschön, vorbildliche Mutter einer kleinen Tochter, begabte Jurastudentin, ernährte als Kanzleimitarbeiterin die Familie und war bei alldem noch eine gute Nachbarin. Lisa (Alice Dwyer), Freundin und Mitstudentin, zeichnet auf Druck Bukows, der froh zu sein scheint, Urlaub vom Urlaub machen zu können, ein anderes Bild der Toten: Gelangweilt und gefangen in der Ehe mit einem Mann, der beruflich nichts auf die Reihe kriegt, emotional überfordert mit der Sorge für ein Kind, das zu früh kam, suchte sie Abwechslung und Einkünfte, während Stefan Wenning (Philipp Hauß), der Gatte, am Traum des versprochenen Glücks festhielt.

          So wie die Nachbarn Freese (Aurel Manthei und Winnie Böwe), die des modernen Spießers Bild perfekt geben: In der Einfahrt des Eigenheims steht der Jeep mit Stoßstangen zur Elefantenabwehr, der Garten ist von Zelten belegt, die bloß auf Regendichte getestet werden, neben den rückenschonenden Terrassenmöbeln ragt ein importierter Totempfahl. Beide betreiben ein Geschäft für hochwertigen Outdoor-Bedarf. Der letzte Ausweg des heutigen Biedermeiers. Wo der Funke erloschen ist, kauft man sich für viel Geld die Abenteuerausrüstung, für ein Abenteuer, das folglich keins mehr ist, zusammen. Hier ist das Drehbuch (Michael B. Müller, Jens Köster und Thomas Stiller) am Schmerzpunkt. Gern hätte man mehr gesehen vom Psychogramm dieser Ehe, ihrer Bindungs- und Fliehkräfte. Leider lenkt der Film sich und den Zuschauer - tote Frau (zu) schön, nimmt viel Geld ein - sogleich in die Halbwelt des horizontalen Gewerbes ab (Regie: René Heisig). Geschenkt! Das kann doch jeder deutsche Fernsehkrimi.

          Auch eine Lösung

          Oder eher verschenkt. Wenn man sich nach sieben Fällen des unkonventionellen Rostocker Duos, die jeder für sich ebenso außergewöhnlich waren, bei diesem „Polizeiruf“ nun auf die genreüblichen Doppelleben-Eifersuchtsgeschichten einlässt, hätte man eigentlich mehr oder Präziseres abliefern können. Dafür bekommt der Zuschauer zum ersten Mal Bukows Privatleben und vor allem Katrin Königs (Anneke Kim Sarnau) bislang angedeutete Vorgeschichte satt ausgemalt (Kamera: Peter Nix). Und hier findet dieser „Polizeiruf“ doch noch seine Form. Vor allem Anneke Kim Sarnau, die ihrer Kommissarin König bei aller Sprödigkeit mehr und mehr berührende Empfindsamkeit gibt, rettet „Zwischen den Welten“ vor der Banalität. In einer Szene wischt König Bukow Marmelade von der Wange. Freundschaft als Ausweg aus dem Beziehungsdilemma. Auch eine Lösung.

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