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„Polizeiruf 110“ im Ersten : Im Nahkampf werden die Kollegen kenntlich

  • -Aktualisiert am

Lars Eidinger (rechts) spielt im neuen „Polizeiruf 110“ eine Transsexuelle, auf deren Aussage Kommissar von Meuffels (Matthias Brandt) angewiesen ist Bild: Kerstin Stelter

Seelen-Krimi: Ein überzeugender „Polizeiruf 110“ aus München, der vor allem im Innern der Figuren spielt - und überdies ein grandioses Finale zu bieten hat.

          In München hat unlängst ein Polizist einer gefesselten, zierlichen Frau einen Faustschlag ins Gesicht versetzt und ihr das Nasenbein gebrochen. In Berlin wurde vor einigen Tagen ein nackter, schizophrener Mann erschossen, der sich zuvor lediglich selbst verletzt hatte. In beiden Fällen mag Überforderung der Grund gewesen sein, nicht schiere Neigung zur Gewalt wie im Fall jenes Rosenheimer Polizisten, der vor zwei Jahren einen Jugendlichen so stark gegen eine Wand schlug, dass ein Zahn durchbrach, und der nun - nach bereits erfolgter Verurteilung - aus dem Polizeidienst entlassen werden soll. Dennoch fällt auf, dass sich in allen Fällen andere Beamte gleich schützend vor ihre Kollegen stellten.

          „Gefahrgemeinschaftssyndrom, wenn es um den Schutz des kollegialen Nahraums geht“, nennt das Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm), denn sie und ihr Vorgesetzter, Hanns von Meuffels (Matthias Brandt), sollen herausbekommen, warum in der Münchner Polizeiinspektion 25 eine Transsexuelle mysteriös zu Tode gekommen ist: gefesselt in einer Ausnüchterungszelle. Zufälligerweise war die Überwachungskamera in just diesem Trakt defekt. Die Anweisung von oben kommt dem Kriminalhauptkommissar nicht eben gelegen: „Wenn ich auf was keine Lust hab’, dann interne Ermittlungen.“

          Emotional und kompliziert gestrickt

          Nach dem guten München-“Tatort“ zum Thema Polizeigewalt vor drei Monaten zieht nun also der Münchner „Polizeiruf 110“ nach - und das in ebenfalls herausragender Weise. Dass im Machtbereich der Polizei etwas Unrechtes geschehen ist, steht diesmal gar nicht zur Debatte. Es geht allein um die Folgen dieses Geschehens, um die Risse im Gefüge, die immer weiter auseinanderklaffen. Und das geschieht so stimmig wie selten: Die etwas assoziative Bildgestaltung von Nikolai von Graevenitz (Kamera) fasst Räume allegorisch auf, bildet also subtil Innenräume ab. Die überzeugenden - und überzeugend gespielten - Figuren von Günter Schütter (Drehbuch) sind allesamt gebrochene, lebensnahe Charaktere, nicht einfach gut oder böse.

          Am stärksten aber hat wohl Jan Bonny, einer der spannenderen jungen Regisseure, der Folge „Der Tod macht Engel aus uns allen“ seinen Stempel aufgedrückt. Bereits in seinem Abschlussfilm an der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM), dem ungewöhnlich düsteren Beziehungsdrama „Gegenüber“ (2007), konnte man Matthias Brandt bestaunen, der bravourös einen stoisch und duckmäuserisch die Gewaltausbrüche seiner Ehefrau ertragenden Kleinbürger spielte. Der Matthias Brandt des „Polizeirufs“ ergreift zwar die Initiative, scheint emotional aber ähnlich kompliziert gestrickt zu sein.

          Überpsychologisierung wirkt stellenweise gekünstelt

          Vielleicht wird in der Summe überhaupt ein bisschen viel psychologisiert. Affekte, wohin man sieht. Dass die Lebensgefährtin der Verstorbenen, die (oder der) Transsexuelle Almandine Winter (Lars Eidinger), vollkommen außer sich wütet oder wimmert, ist freilich kein Fauxpas, wirken doch die Angehörigen der Toten, deren Leben in diesem Moment zerbricht, im Fernsehkrimi meist allzu gefasst. Aber dass von Meuffels neunzig Minuten lang übererregt ist, ständig aufbraust und an der Lage verzweifelt, macht die Sache ein wenig anstrengend. Seine unwirschen Befehle führen schließlich auch noch zu einem psychischen Zusammenbruch der quirligen Anna Burnhauser. Man erkennt die Parallele (der Beamte, der die Taten überforderter Polizisten aufklären soll, überfordert selbst seine Mitarbeiter) - aber in diesem Fall wirkt es doch etwas gekünstelt.

          Mit zwei Strategien begegnet Bonny der möglichen Ermüdung all jener Zuschauer, die sich womöglich auf leichte Kost eingestellt haben: Wenn besonders viel geschrien wurde, erscheint meist (und zwar einfach so) eine nackte Frau. Außerdem gibt es viel hintergründigen Humor, der funktioniert, weil Matthias Brandt ein so hervorragender Schauspieler ist, der kleinste Nuancen wie die Andeutung eines Lächelns beherrscht. Zu Beginn sitzt er gar bei einer Polizeipsychologin und lügt ihr mit betretenem Gesicht eine schwere Traumatisierung vor, was im Grunde den ganzen Film ironisiert. Letztlich ist es aber die Gesamtqualität, die niemanden umschalten lassen wird, so wenig Sonntagskrimiklamauk man auch geboten bekommt. Und es lohnt sich bis zum Schluss, denn das Finale ist grandios gewagt.

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