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„Polizeiruf 110“ im Ersten Die Kommissarin bleibt die Ruhe selbst

Der neue „Polizeiruf 110“ besticht als Milieustudie über Abiturienten aus wohlhabenden Kreisen. Hier haben sich Eltern und Kinder wenig zu sagen. Das hat fatale Folgen.

© rbb/Oliver Feist Vergrößern Der Modedrogenflug wird zur Höllenfahrt: Hanna (Lotte Flack, links) und Kristina (Sarah Horváth) im „Polizeiruf 110“

Es verwundert nicht, dass so gut wie alle Religionen Hoffnungen auf eine paradiesische Welt jenseits der unseren schüren: Ein besserer Hebel findet sich nicht. Doch selbst da, wo die Frömmigkeit sich in Luft aufgelöst hat, blieb der Fluchtimpuls erhalten.

Mit „Heinrich von Ofterdingen“ begann eine romantische Verschwörung im Namen der blauen Blume: „es ist, als hätt’ ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert“.Und er dauert an, dieser verklärte Gegenwartsdefätismus, bis in Antony Hegartys Hymne „Another World“ oder den Attac-Kampfruf „Eine andere Welt ist möglich“.

Eine altbekannte, bewusstseinsvernebelnde Abkürzung ins Traumreich steht am Beginn dieses hervorragenden „Polizeirufs 110“, wobei sich der Modedrogenflug zweier junger Diskothekbesucherinnen als Höllenfahrt entpuppt. Kristina, eine bildhübsche Fleischermeistertochter, liegt am nächsten Morgen tot auf dem Schrottplatz. Ihre Freundin Hanna kann sich an nichts erinnern, aber vergewaltigt wurde auch sie.

Dabei gibt es gar keinen Grund, einer Welt entfliehen zu wollen, in der Polizeihauptmeister Horst Krause (Horst Krause) und die gerade aus der Babypause zurückkehrende Hauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) die Ordnung aufrechterhalten.

Im Innern rumort die Furcht

An Gemütlichkeit, Einfühlungsvermögen und Charme jedenfalls wird das Paradies kaum mithalten können, an schauspielerischem Talent schon gar nicht. Gegen Ende mag manches dick aufgetragen anmuten, und eine allzu augenfällige Parallele hätte man sich sparen können,

Polizeiruf 110: Eine andere Welt © rbb/Oliver Feist Vergrößern Schöne Aussichten: Hauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) macht in Sachen Multitasking niemand etwas vor.

insgesamt jedoch zeichnet diese Episode unter der Regie von Nicolai Rohde (Drehbuch Clemens Murath) eine wohltuende Zurückhaltung aus. Denn eben weil sich die Milieustudie über Abiturienten aus mittelständischen und wohlhabenden Familien so nah an die Realität hält, ist sie so stark, wirkt die Verzweiflung auf allen Seiten so echt.

Dass die Klassenkameraden Jan und Dietrich nicht unschuldig sind am Schicksal der Mädchen, steht früh fest. Auch diese beiden sind absolut überzeugend dargestellt in ihrer schnöseligen Überheblichkeit, die von einer im Innern rumorenden Furcht konterkariert wird.

Schmerzhafte Entfremdung

Die Ermittler müssen freilich erfahren, dass die schönsten Indizien vor versierten Juristen - Dietrichs Vater ist ein gefragter Anwalt - keinen Bestand haben. Da es sich bei dem wichtigsten Zeugen ausgerechnet um einen weiteren Klassenkameraden handelt, wird es nötig, das soziale Gefüge der Teenager genauer zu durchleuchten. Es versteht sich, dass allerlei Spuren hinzukommen.

Derweil tritt der Fall selbst mit der Zeit ein wenig zurück hinter die Darstellung einer auf den ersten Blick höchst erfolgreichen, aber doch tragisch zerbrochenen Gesellschaft, in der Eltern keine Vorstellung mehr davon haben, was ihre Kinder treiben und denken. Umgekehrt gilt das nicht minder.

Sicherlich war das Verhältnis von Eltern und Kindern selten einfach. Neben dem In-die-Fußstapfen-Treten darf brutale Abnabelung wohl als natürliches Beziehungsmuster gelten. Doch diesmal gibt es keinen Bruch, nur schmerzhafte Entfremdung. Sprachlosigkeit ist die Folge, die hier auf so vielen Ebenen herrscht, dass man schon froh ist, wenn es zur echten Konfrontation kommt.

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Dem Film haftet dabei nichts Therapeutisches oder Anklagendes an, denn über ein konsterniertes Konstatieren gehen Krause und Lenski nicht hinaus. Immer deutlicher wird indes, dass Eskapismus nur eine Lesart des Titels „Eine andere Welt“ ist. Man kann ihn durchaus auf die Gegenwart beziehen, in der zwei Generationen derselben Schicht in verschiedenen Welten, verschiedenen Netzwerken, verschiedenen Quasireligionen leben.

Blaue Blumen wachsen hier wie dort durchaus. Aber sie brechen so leicht, und dann gibt es kein Außen mehr und keinen Trost. Ein perfektes Antidot zur großen Weihnachts-Autosuggestion der Generation Vierzigplus, die Familie existiere doch (während der Nachwuchs sich gerade in die neuen Handys hineinbeamt).

„Polizeiruf 110. Eine andere Welt“ läuft am Sonntag, 23. Dezember, um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.

 
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