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Politkowskaja-Porträt im Ersten Laut wurde sie nur gegenüber ihren Vorgesetzten

20.02.2008 ·  Was trieb Anna Politkowskaja an, sich immer wieder in Gefahr zu begeben? Was für ein Wesen steckte hinter dieser starken, gleichzeitig so verletzlich wirkenden und eleganten Frau? In „Ein Artikel zu viel“ porträtiert Regisseur Eric Bergkraut die ermordete russische Journalistin.

Von Karen Krüger
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Am 7. Oktober 2006, dem Tag, an dem die russische Journalistin Anna Politkowskaja in Moskau erschossen wurde, feierte Wladimir Putin gerade seinen vierundfünfzigsten Geburtstag. Anna Politkowskaja war im Supermarkt gewesen, ein Großeinkauf für die ganze Familie: für ihre kranke Mutter, die sie im Hospital pflegte, für Tochter Vera, deren Schwangerschaft es zu feiern galt, und für ihre Schwester Elena, die sie an diesem Tag besuchte. Der Täter lauerte im Treppenhaus. Er fühlte sich so sicher, dass er sein Gesicht nur mit einer Schirmmütze verbarg. Als Anna Politkowskaja den Aufzug betrat, streckte er sie mit zwei Schüssen nieder.

Wer die Frau war, die für ihre Suche nach Wahrheit sterben musste, fragt der Dokumentarfilm „Ein Artikel zu viel“, der in der vergangenen Woche im Beisein von Anna Politkowskajas Familie auf der Berlinale Premiere feierte. In Westeuropa wurde die Journalistin vielen Menschen erst durch ihren gewaltsamen Tod bekannt: Als eine mutige Frau, die mit ihren Artikeln über Folter in Tschetschenien und die Willkür und Korruption der russischen Justiz die Mächtigen in Bedrängnis brachte. Doch allein darauf lässt es der Regisseur Eric Bergkraut nicht beruhen. Was trieb Anna Politkowskaja an, sich immer wieder in Gefahr zu begeben? Was für ein Wesen steckte hinter dieser starken, gleichzeitig so verletzlich wirkenden und eleganten Frau? Viermal hat der Regisseur die Russin getroffen. Grundlage seines Films bilden rund vier Stunden Filmmaterial, das er für eine Dokumentation über den Tschetschenienkrieg mit ihr drehte. Nach ihrem Tod suchte Bergkraut Freunde und Familienangehörige der Journalistin auf, auch ihre Feinde hat er befragt. Gelungen ist ihm ein eindrucksvolles Porträt, das die Protagonistin in der Spiegelung ihrer Umgebung zeigt.

„Ein Wunder, das ich noch lebe“, sagt sie zweieinhalb Jahre vor dem Mord

Zu Opfern sei sie immer liebenswürdig gewesen, dagegen schnell laut gegenüber ihren Vorgesetzten, erinnert sich der Chefredakteur der Zeitung „Nowaja Gaseta“, für die Anna bis zu ihrem Tod arbeitete. „Anja“ wurde die Reporterin zärtlich von ihren Freunden und der Familie genannt; das wichtigste, das ihre Mutter sie gelehrt habe, sei Wahrhaftigkeit, erzählt Tochter Vera. Wenige Tage vor deren Tod hatte sie noch mit der Mutter über einen Namen für ihr ungeborenes Kind nachgedacht - als das Kind schließlich geboren wurde, nannte Vera ihre Tochter Anna Viktoria. Besessen von ihrer Arbeit sei sie gewesen, so sehr, dass sie dafür sogar ihre Ehe aufs Spiel setzte, deutet ihr Exmann Alexander Politkowski an. Während der Perestroika war er ein Starjournalist - seit Putin regiert, hat er keinen Vertrag mehr erhalten.

Vielen, das legt der Film nah, galt Anna Politkowskaja als einzige Hoffnung dafür, dass Unrecht und Menschenrechtsverletzungen nicht ungehört bleiben. Aus allen Provinzen des Landes reisten Menschen nach Moskau, um der Reporterin ihr Leid zu klagen. Oft verkauften sie dafür ihr letztes Hab und Gut: Anna Politkowskaja habe sich verpflichtet gefühlt, diesen Menschen beizustehen und zu helfen, erzählt ihre Schwester Elena, auch deshalb habe sie sich geweigert, aus Russland fortzugehen - die Journalistin war sich bewusst, dass sie bedroht war. „Ja, es ist ein Wunder, das ich noch lebe“, sagt sie in einem Interview mit dem Regisseur im März 2004. Wie nahe sie der Gefahr da schon war, musste sie wenige Monate später erfahren: Auf dem Weg nach Beslan, wo sie mit den tschetschenischen Terroristen verhandeln wollte, die eine Grundschule in ihre Gewalt genommen hatten, erhielt sie im Flugzeug einen vergifteten Tee.

Die Anerkennung, die ihr Zeit ihres Lebens in Russland verwehrt worden ist

Bis heute sind die Mörder von Anna Politkowskaja nicht gefasst. Der Kreml beschuldigt im Ausland lebende russische Dissidenten der Tat; sie hätten einen Killer mit dem Mord beauftragt, um die Regierung Putins in Misskredit zu bringen. An ihrem ersten Todestag gedachten in ganz Europa Tausende von Menschen der Journalistin (siehe auch: Ein Jahr nach dem Tod von Anna Politkowskaja: Inseln der Pressefreiheit). Zur gleichen Zeit zog in Moskau Putins Jugendorganisation „Naschi“ durch die Straßen und gratulierte dem Präsidenten lärmend zum Geburtstag. Die wenigen Russen, die sich zur selben Zeit vor dem Haus der Ermordeten versammelt hatten, wurden dagegen von der Polizei bedrängt.

In ihrem letzten Artikel, den Anna Politkowskaja nicht mehr vollenden konnte, klagte sie die systematische Folter in den tschetschenischen Militäreinheiten an. Ob es diese Arbeit war, die Anna Politkowskajas Tod besiegelte, kann der Film freilich nicht beantworten. Eric Bergkraut zeichnet das Porträt einer Frau, die in ihrem Gestus, den Schwachen helfen zu müssen, beinahe unzeitgemäß wirkt - genauso wie ihre Interpretation des Journalistenberufs, den sie nicht einfach als Dienstleistung auffasste. Er verleiht ihr mit seinem Film die Anerkennung, die ihr Zeit ihres Lebens in Russland verwehrt worden ist.

„Ein Artikel zu viel läuft“ heute um 23.30 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z., 20.02.2008, Nr. 43 / Seite 40
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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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