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Warum Wähler abwandern : Die da oben machen einfach alles falsch

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Was ist hier los? Nachdem die AfD bei der Landtagswahl mehr als achtzehn Prozent holte, fragen Politiker wie Jürgen Vogt (rechts) sich und die Haßlocher nach den Gründen. Bild: ARD

In Haßloch, dem deutschen Durchschnitts-Ort schlechthin, laufen die Wähler den Volksparteien davon. Zwei Lokalpolitiker von SPD und CDU verstehen die Welt nicht mehr – und suchen nach dem Grund.

          An einem Samstagvormittag spaziert die große Koalition von Haßloch durch ein bürgerliches Viertel am Stadtrand. Von Haus zu Haus. Für die einen sind es Dieter Schuhmacher, SPD-Vorsitzender, und sein Amtskollege von der CDU, Jürgen Vogt. Für die anderen sind es „die da oben“. Jeder ist für sich unterwegs, im selben Viertel, mit derselben Frage: Wie konnte das passieren?

          Haßloch in der Pfalz ist der Ort, in dem das Verhältnis von Arm und Reich, Jung und Alt dem deutschen Durchschnitt am nächsten kommt. Die Industrie testet hier deshalb neue Produkte. Was in Haßloch ankommt, hat bundesweit Erfolg. Bis zur letzten Wahl war der politische Alltag hier gut geregelt: Mal regierte die SPD, mal die CDU, zurzeit beide. In den Grundzielen war man sich immer einig. Doch dann, bei der vergangenen Landtagswahl, wählten 18,8 Prozent die AfD. Dabei hat die nicht mal einen Ortsverein in Haßloch.

          Schuhmacher von der SPD und CDU-Mann Vogt gehen auf ihrer Tour vorbei an Mittelklassewagen, hohen Hoftoren, getrimmten Buchsbäumen in Kugelform. Ausgerechnet hier, wo die vielbeschworene Mitte der Gesellschaft wohnt, haben fast dreißig Prozent AfD gewählt, die Partei der Systemgegner, der Unzufriedenen und Wutbürger. „Irgendwas müssen wir falsch gemacht haben“, hat CDU-Mann Vogt nach der Wahl gesagt. Er hat das Ergebnis geradezu persönlich genommen.

          In seiner Partei schätzen sie den Mann mit dem blauen Jackett und den getönten Brillengläsern als Organisator. Doch Vogt, der sonst immer weiterweiß, steht jetzt vor einem Rätsel. Warum wenden Stammwähler sich ab? Die Hausbesuche im Viertel der Unzufriedenen waren seine Idee. Sein Kollege von der SPD war sofort überzeugt.

          „Was machen wir denn falsch?“

          Schuhmacher, seit zwölf Jahren in der Politik, weißer Schnurrbart, weißer Haarkranz, randlose Brille, steuert das erste Einfamilienhaus an. Er drückt den Klingelknopf, wartet, tritt ein paar Schritte zurück, schaut nach oben. Zwei Stockwerke über ihm hat sich ein Fenster geöffnet: „Ja?“ „Schuhmacher mein Name, von der SPD.“ Er blinzelt, die Sonne blendet. „Was ist?“ Ein weißhaariger Mann mit braungebrannten Armen lehnt sich aus dem Fenster. „Ich würde gerne herausfinden, warum in dieser Gegend so viele Leute die AfD gewählt haben“, sagt Schuhmacher. „Die werden ihren Grund haben!“ Der Mann bleibt oben am Fenster, Schuhmacher legt den Kopf schräg. „Was denn für einen Grund?“ „Ja, sind wir denn zufrieden mit denen auf dem Rathaus? Ich glaub nicht“, tönt es von oben. „Was machen wir denn falsch?“, fragt Schuhmacher. „O Jesus, da müsste ich ein ganzes Buch schreiben!“ Schuhmacher lässt die Schultern hängen. Ein ganzes Buch? Er fragt noch ein paar Mal nach: „Was genau denn?“ Aber es kommen keine konkreten Antworten. Dann verabschiedet er sich, höflich, aber ratlos.

          Die Einheimischen nennen Haßloch ihr „Dorf“, wegen der ländlichen Atmosphäre, trotz mittlerweile mehr als 20.000 Einwohnern. Mehr als die Hälfte der Deutschen lebt in kleinen und mittelgroßen Städtchen wie diesem: Es gibt ein Heimatkundemuseum, eine McDonald’s-Filiale und zwei Hochhäuser. Man kennt sich.

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