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Veröffentlicht: 12.01.2017, 17:22 Uhr

Warum Wähler abwandern Die da oben machen einfach alles falsch


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Die Politiker haben sich Fragen zurechtgelegt: „Geht es Ihnen selbst schlechter, seitdem die Menschen bei uns sind?“ „Mussten Sie was abgeben?“ „Kennen Sie solche Leute persönlich?“ Die Antwort lautet jeweils „nein“, gefolgt von: „trotzdem“. Jedes Mal, wenn Vogt und Schuhmacher nach konkreten Veränderungen fragen, die sich die Unzufriedenen von der Politik erhoffen, schrumpft der große Frust zu scheinbar Banalem. Vielleicht ist den Menschen auch klar, dass das, was sie wollen, ein Deutschland ohne Ausländer, Euro und Islam, von der Politik nicht herbeigezaubert werden kann. Am Anfang der Gespräche geht es immer um alles, am Ende um eine schlecht bepflanzte Verkehrsinsel.

Denkzettel für schlechten Service

Vor seinem Einfamilienhaus berichtet ein aufgeregt atmender Rentner dem CDU-Vorsitzenden Vogt von der unerträglichen Ruhestörung nebenan. Nachts plärre Musik und Geschrei aus den Wohnungen, die von der Gemeinde vermietet werden. Deshalb sieht er die Politik in der Verantwortung: „In 35 Jahren, in denen ich jetzt hier wohne, ist nicht einmal jemand vorbeigekommen und hat gefragt, wie es mir mit diesen Nachbarn geht.“ Die etablierten Politiker kümmerten sich nicht um die Bürger, sagt er, weshalb der sich jetzt eben anderen Parteien zuwende. Selbst Beschwerde bei der Stadt eingereicht hat er nicht. „In der Industrie müssen Sie ja auch zum Kunden gehen“, sagt er. Wenn der Bürger ein Kunde ist, was sind dann Vogt und Schuhmacher? Ehrenamtliche Demokratieunternehmer? Und Wahlscheine also Denkzettel für schlechten Service?

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Später besprechen die beiden Politiker das Erlebte bei Schuhmachers auf der Terrasse. Es gibt Himbeerkuchen, der SPD-Mann balanciert dem CDU-Mann ein Stück auf den Teller. Sie wollen Bilanz ziehen. Vogt wundert sich vor allem darüber, wie ausgeprägt Sozialneid und Anspruchshaltung sind - selbst in einem Viertel wie diesem. Er sagt: „Die Leute fordern etwas, und andere sollen es für sie erledigen.“ Nämlich: die da oben.

Vielleicht hat man die Bürger die letzten Jahre auch zu sehr umsorgt, mit all den Kampagnen, Verboten und Regelungen. So ist der Bürger zum Kunden geworden, der sich schlecht bedient fühlt. „Wir müssen aus Betroffenen wieder Beteiligte machen“, sagt Vogt.

Die beiden Lokalpolitiker wollen den Bürgern klarmachen, dass es mit Denkzetteln und Protest nicht getan ist. Dass man in einer Demokratie aktiv werden muss, wenn sich etwas ändern soll. Dass Demokratie kein Abzählsystem ist, sondern Grundwerte sichert. Dass Minderheitenschutz kein Gutmenschengetue ist, und dass auch 49 Prozent eine Minderheit sein können. All das in einer Sprache, die jeder versteht. Dieter Schuhmacher und Jürgen Vogt haben viel vor.

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