http://www.faz.net/-gqz-7h2g4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 31.08.2013, 15:16 Uhr

Politabend bei Vox Deutschland, deine Kanzler

Haben die Regierungschefs der Bundesrepublik irgend etwas gemeinsam, außer dass sie ganz nach oben kamen? Der Sender Vox will’s wissen und begibt sich auf die Suche nach dem „Kanzler-Gen“.

von Philip Kovce
© Vox Gerhard Schröder: Hatte er das Kanzler-Gen?

Was haben Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel gemeinsam? Sie waren oder sind Kanzler. Und sonst? Nicht vieles. Also gibt es auf die Frage, ob es ein „Kanzler-Gen“ gebe, eine klare Antwort: nein, natürlich nicht. Wer sich die vier Stunden währende Dokumentation von Bernd Jacobs und Michael Kloft nur deshalb anschauen wollte, weil er eine positive Antwort für möglich hält, dem sei dringend abgeraten. Der frühere WDR-Intendant Friedrich Nowottny, Jahrgang 1929, resümiert nach rund einer Stunde, es gebe kein Kanzler-Gen. Basta. Wenn überhaupt, dann gebe es ein Bewusstsein für Macht und ihre Gelegenheiten. Das hat man zu diesem Zeitpunkt schon begriffen, doch es ist gut, dass es mal jemand sagt.

Die Macht und ihre Gelegenheiten

Weniger als um das Kanzler-Gen geht es hier also um Macht und ihre Gelegenheiten, um die Intentionen der Regierungschefs, die Insignien ihrer Kanzlerschaft, die Zeitumstände. Die Filmemacher bilden dreizehn - mehr oder weniger gegensätzliche - Begriffspaare: Von „beliebt/beschimpft“ über „unerschrocken/unbarmherzig“ bis hin zu „rational/radikal“ wird gefragt, welcher Kandidat diese oder jene Eigenschaft stärker verkörpere. Neben Nowottny kommen als Experten RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel, der „Spiegel Online“-Kolumnist Jan Fleischhauer, Schröders Regierungssprecher Uwe Karsten Heye, Kurt Biedenkopf sowie der designierte „Spiegel“-Berlin-Chef Nikolaus Blome (hier stets nur als „Bild“-Journalist genannt) zu Wort, assistiert von etlichen Zeitgenossen.

Mehr zum Thema

Dass es Adenauer gelang, Kriegsgefangene zurückzuholen, dass Erhard in der Bevölkerung beliebter war als in seiner Partei, dass der CDU-Kanzler Kiesinger in der ersten Großen Koalition die SPD regierungsfähig machte, dass Brandt die Ostpolitik aufrollte, Schmidt den RAF-Terror zu überstehen und Pershing-II-Raketen zu stationieren hatte, dass Kohl zum Kanzler der Einheit, Schröder zu dem der Agenda 2010 und Merkel zur Kanzlerin der Rettungsschirme wurde, ist bekannt. Dazu erfährt man in der Dokumentation nichts Neues. Sie wagt keinen tieferen Blick in die Geschichtsbücher oder auf die Biographien der Kanzler; sie konstruiert vielmehr ein Panoptikum voller Stereotype. Solche, die die Kanzler von sich vermittelten, und die ihnen als Markenzeichen zugeschrieben wurden. Das wiederum lehrt einen ebenso viel über gesellschaftliche Umstände, wie es die Rolle beleuchtet, in die sich jeder Kanzler mehr oder weniger einfand.

Jede Zeit hat den Kanzler, den sie verdient

Wenn es denn stimmt, dass jede Zeit den Kanzler hat, den sie verdient, ist aufschlussreich, wer es nicht „verdiente“, Kanzler zu werden: Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber, Rainer Barzel, Kurt Schumacher, Johannes Rau, Oskar Lafontaine oder Rudolf Scharping. Ihr Scheitern ebnete den Parteikollegen den Weg, das gilt für Kohl, Schröder und Merkel. Am Beginn des Weges zur Kanzlerschaft stand bei ihnen der innerparteiliche Wahlkampf. Nie zeigte sich Angela Merkel zum Beispiel kämpferischer als in diesem, da sie 1999 - in einem Artikel der F.A.Z. - ihrem politischen Ziehvater Helmut Kohl die Gefolgschaft aufkündigte. Wenn Jan Fleischhauer meint, das mit der Politik sei irgendwie noch immer eine „archaische Geschichte“, die „höfische Vorstellungen“ forciere, sieht man ihn bei solchen Manövern bestätigt.

Der aktuelle Wahlkampf darf bei 250 Minuten Sendezeit selbstverständlich nicht fehlen, folglich kommt auch Peer Steinbrück zu Wort. Doch scheinen die Autoren ihn wie die meisten Umfragen abgeschrieben zu haben. Dass die Dokumentation sich für zeitlos hält, erkennt man daran, dass sich Bilder wiederholen: Schröder am Grill, Merkel an der Ostsee. Zum Glück kann man jederzeit ein- und aussteigen. Kanzler kommen und gehen, die Kanzlerschaft bleibt.

Das Kanzler-Gen läuft an diesem Samstag um 20.15 Uhr bei Vox.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kanzlerkandidatur Warum Angela Merkel 2017 noch einmal antritt

Auch bei der nächsten Bundestagswahl wird Angela Merkel wohl wieder als Kanzlerkandidatin für die CDU antreten. Ein freiwilliger Abschied aus dem Amt ist unwahrscheinlich – das zeigt auch die Historie. Eine Analyse. Mehr Von Günter Bannas, Berlin

26.04.2016, 10:51 Uhr | Politik
Video Viktor Orbán besucht Helmut Kohl

Viktor Orbán besuchte Helmut Kohl am Dienstag in seinem Privathaus. Den Altbundeskanzler und den ungarischen Ministerpräsidenten eint die Kritik an Angela Merkels Kurs in der Flüchtlingskrise, doch mit Tagespolitik habe der Besuch nichts zu tun, so Orbán. Mehr

19.04.2016, 15:42 Uhr | Politik
Früherer Bundeskanzler Kohl: EU-Politik ist kleinmütig und verantwortungslos

Helmut Kohl greift die Spitzenpolitiker der EU scharf an. Statt Europa voranzubringen, herrsche Kleinmut und Geschichtsvergessenheit. Noch seien die Herausforderungen beherrschbar, womöglich aber nicht mehr lange. Mehr

22.04.2016, 11:29 Uhr | Politik
Diskussion um Hilfsprogramm Merkel lehnt Schuldenschnitt für Griechenland weiter ab

Einen weiteren Schuldenschnitt für Griechenland lehnt Kanzlerin Angela Merkel ab. Nach einem Treffen mit den Chefs der weltweit fünf wichtigsten Wirtschafts-Institutionen äußerte sich die Kanzlerin zudem zu den sogenannten Panama Papers. Mehr

06.04.2016, 16:37 Uhr | Wirtschaft
Wie erkläre ich’s meinem Kind? Warum Politiker so oft von Freundschaft sprechen

Sie nennen einander Freunde, umarmen andere, wenn ihnen gar nicht danach ist, und kennen das Wort Parteifreund als Steigerung von Erzfeind: So oft unter Politikern das Wort Freundschaft auch fällt: Erklärungsbedürftig ist es. Mehr Von Julian Staib

29.04.2016, 15:44 Uhr | Feuilleton
Glosse

Nach Himmelfahrt

Von Jürgen Kaube

In diesem Jahr fallen zu viele Feiertage auf Sonntage, und im nächsten wird es richtig schlimm. Muss das Konzept der Feier- und Brückentage neu überdacht werden? Mehr 45