Home
http://www.faz.net/-gqz-7h2g4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Politabend bei Vox Deutschland, deine Kanzler

Haben die Regierungschefs der Bundesrepublik irgend etwas gemeinsam, außer dass sie ganz nach oben kamen? Der Sender Vox will’s wissen und begibt sich auf die Suche nach dem „Kanzler-Gen“.

© Vox Gerhard Schröder: Hatte er das Kanzler-Gen?

Was haben Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel gemeinsam? Sie waren oder sind Kanzler. Und sonst? Nicht vieles. Also gibt es auf die Frage, ob es ein „Kanzler-Gen“ gebe, eine klare Antwort: nein, natürlich nicht. Wer sich die vier Stunden währende Dokumentation von Bernd Jacobs und Michael Kloft nur deshalb anschauen wollte, weil er eine positive Antwort für möglich hält, dem sei dringend abgeraten. Der frühere WDR-Intendant Friedrich Nowottny, Jahrgang 1929, resümiert nach rund einer Stunde, es gebe kein Kanzler-Gen. Basta. Wenn überhaupt, dann gebe es ein Bewusstsein für Macht und ihre Gelegenheiten. Das hat man zu diesem Zeitpunkt schon begriffen, doch es ist gut, dass es mal jemand sagt.

Die Macht und ihre Gelegenheiten

Weniger als um das Kanzler-Gen geht es hier also um Macht und ihre Gelegenheiten, um die Intentionen der Regierungschefs, die Insignien ihrer Kanzlerschaft, die Zeitumstände. Die Filmemacher bilden dreizehn - mehr oder weniger gegensätzliche - Begriffspaare: Von „beliebt/beschimpft“ über „unerschrocken/unbarmherzig“ bis hin zu „rational/radikal“ wird gefragt, welcher Kandidat diese oder jene Eigenschaft stärker verkörpere. Neben Nowottny kommen als Experten RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel, der „Spiegel Online“-Kolumnist Jan Fleischhauer, Schröders Regierungssprecher Uwe Karsten Heye, Kurt Biedenkopf sowie der designierte „Spiegel“-Berlin-Chef Nikolaus Blome (hier stets nur als „Bild“-Journalist genannt) zu Wort, assistiert von etlichen Zeitgenossen.

Mehr zum Thema

Dass es Adenauer gelang, Kriegsgefangene zurückzuholen, dass Erhard in der Bevölkerung beliebter war als in seiner Partei, dass der CDU-Kanzler Kiesinger in der ersten Großen Koalition die SPD regierungsfähig machte, dass Brandt die Ostpolitik aufrollte, Schmidt den RAF-Terror zu überstehen und Pershing-II-Raketen zu stationieren hatte, dass Kohl zum Kanzler der Einheit, Schröder zu dem der Agenda 2010 und Merkel zur Kanzlerin der Rettungsschirme wurde, ist bekannt. Dazu erfährt man in der Dokumentation nichts Neues. Sie wagt keinen tieferen Blick in die Geschichtsbücher oder auf die Biographien der Kanzler; sie konstruiert vielmehr ein Panoptikum voller Stereotype. Solche, die die Kanzler von sich vermittelten, und die ihnen als Markenzeichen zugeschrieben wurden. Das wiederum lehrt einen ebenso viel über gesellschaftliche Umstände, wie es die Rolle beleuchtet, in die sich jeder Kanzler mehr oder weniger einfand.

Jede Zeit hat den Kanzler, den sie verdient

Wenn es denn stimmt, dass jede Zeit den Kanzler hat, den sie verdient, ist aufschlussreich, wer es nicht „verdiente“, Kanzler zu werden: Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber, Rainer Barzel, Kurt Schumacher, Johannes Rau, Oskar Lafontaine oder Rudolf Scharping. Ihr Scheitern ebnete den Parteikollegen den Weg, das gilt für Kohl, Schröder und Merkel. Am Beginn des Weges zur Kanzlerschaft stand bei ihnen der innerparteiliche Wahlkampf. Nie zeigte sich Angela Merkel zum Beispiel kämpferischer als in diesem, da sie 1999 - in einem Artikel der F.A.Z. - ihrem politischen Ziehvater Helmut Kohl die Gefolgschaft aufkündigte. Wenn Jan Fleischhauer meint, das mit der Politik sei irgendwie noch immer eine „archaische Geschichte“, die „höfische Vorstellungen“ forciere, sieht man ihn bei solchen Manövern bestätigt.

Der aktuelle Wahlkampf darf bei 250 Minuten Sendezeit selbstverständlich nicht fehlen, folglich kommt auch Peer Steinbrück zu Wort. Doch scheinen die Autoren ihn wie die meisten Umfragen abgeschrieben zu haben. Dass die Dokumentation sich für zeitlos hält, erkennt man daran, dass sich Bilder wiederholen: Schröder am Grill, Merkel an der Ostsee. Zum Glück kann man jederzeit ein- und aussteigen. Kanzler kommen und gehen, die Kanzlerschaft bleibt.

Das Kanzler-Gen läuft an diesem Samstag um 20.15 Uhr bei Vox.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Franz Josef Strauß Bayerns allerletzter Herrscher

Als die CDU 1979 mehrheitlich für eine Nominierung des niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht zum Kanzlerkandidaten eintrat, schlug die CSU Franz Josef Strauß vor. Den habe man regelrecht drängen müssen, mit CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber als Antreiber! Mehr Von Rainer Blasius

23.06.2015, 11:19 Uhr | Politik
Chronik zum 85. Geburtstag Helmut Kohl: Kanzler der Einheit

Zielstrebigkeit und Machtbewusstsein machten Helmut Kohl zum dominanten Innenpolitiker, Gradlinigkeit und Versöhnlichkeit zum großen Außenpolitiker. Auf beiden Feldern reizte er seine Möglichkeiten bis zum Äußersten aus. Am 3. April 2015 vollendet er sein 85. Lebensjahr. FAZ.NET dokumentiert die wichtigsten Stationen seines Lebens. Mehr Von Guido Franke

03.04.2015, 16:14 Uhr | Politik
Zum Tod von Gerhard Ritter Am Puls der eigenen Zeit

Der Historiker Gerhard A. Ritter, der im Alter von 86 Jahren gestorben ist, schuf in seinem Werk ein Bild der politischen Leistungen seiner Generation. Mehr

21.06.2015, 17:07 Uhr | Feuilleton
Münchner Sicherheitskonferenz Merkel: Militärisch ist die Krise nicht zu lösen

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Erwartung gedämpft, dass es in den Verhandlungen mit Russland in der Ukraine-Krise bald einen Durchbruch geben könnte. Die Kanzlerin mahnte Russland erneut, das Völkerrecht einzuhalten. Mehr

08.02.2015, 10:09 Uhr | Politik
Schuldenkrise Berlin hat die Geduld mit Alexis Tsipras verloren

Seit der Ankündigung eines Referendums durch den griechischen Regierungschef hat die Debatte über Athens Schuldenkrise bei den deutschen Politikern eine neue Tonlage bekommen. Außenminister Steinmeier spricht es offen aus: Tsipras nimmt die Griechen in Geiselhaft. Mehr Von Eckart Lohse, Berlin

28.06.2015, 18:56 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.08.2013, 15:16 Uhr

Glosse

Alpilsbachel

Von Gerhard Stadelmaier

„35 Euro für ein Fünf-Liter-Fässle“ vom guten Schwarzwälder Gebräu zahlt der chinesische Bierliebhaber gern. Die Aussprache des „Alpirsbachers“ stellt die fernöstliche Kundschaft allerdings vor einige Schwierigkeiten. Mehr 1 0