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Veröffentlicht: 04.02.2015, 12:16 Uhr

„Der blinde Fleck“ im Ersten Einer legt den Fall nicht zu den Akten

Fünfunddreißig Jahre nach dem Anschlag auf das Oktoberfest, bei dem dreizehn Menschen ums Leben kamen, wird der Fall neu aufgerollt. Der Polit-Thriller „Der blinde Fleck“ zeigt, warum das so ist.

von Matthias Hannemann
© ARD Alles geklärt? Der Journalist Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) glaubt nicht daran.

Ein unheimliches Land. Aufgebracht und verängstigt. Manchmal wie berauscht. Polarisiert und verfilzt. Gar nicht so leicht, das Stimmungsbild der Bundesrepublik des Jahres 1980 aufzurufen. Die Gesellschaft war polarisiert, es gab klar definierte politische Lager, im Wahlkampf ging es um Gesinnungsfragen, den Ost-West-Konflikt und den Terrorismus der RAF, der das Land erschütterte. Alle schauten auf den Terror von links, doch es gab auch - weniger beachtet - den Rechtsextremismus. Dessen Stoßtruppen liefen mit Waffen im Wald herum und nannten sich verharmlosend „Wehrsportgruppe Hoffmann“.

Einer von ihnen, der Student Gundolf Köhler, soll wenige Tage vor der Bundestagswahl 1980 im Alleingang die Bombe gezündet haben, die dreizehn Menschen auf dem Oktoberfest in den Tod riss und mehr als zweihundert verletzte. Das Psychogramm des Täters war schnell erstellt: Er sei enttäuscht, perspektivlos und sexuell frustriert gewesen, sagten die Ermittler. Die wahren Umstände der Tat kamen nie ans Licht. Köhler war tot, die Beweismittel wurden vernichtet, das Thema verschwand von der Tagesordnung.

Unbeachtete Zeugen

Mehr als dreißig Jahre nach der Einstellung des Verfahrens, im Dezember 2014, nahm die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen wieder auf. Es gibt bislang unbeachtete Zeugen wie die Frau, die am Tag nach dem Anschlag zufällig in einem Spind auf einen Stapel Flugblätter zu Ehren Gundolf Köhlers gestoßen sein will - zu einem Zeitpunkt, zu dem der Name Köhlers der Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt war.

© AscotEliteFilm, YouTube Trailer: Der blinde Fleck

„Sie ging damals davon aus, dass sie der Polizei alles gesagt und diese ermittelt hat“, sagte Werner Dietrich, der Anwalt der Anschlagsopfer, unlängst in einem Zeitungsinterview. „Aber nachdem das Versagen der Sicherheitsbehörden beim NSU bekannt wurde und sie den Film ,Der blinde Fleck‘ über die Ermittlungen nach dem Oktoberfestattentat gesehen hat, sind ihr die Zweifel gekommen.“

Ist das wirklich einer jener seltenen Fälle, von denen die ganze schreibende und schauspielernde Zunft träumt: ein Text, ein Artikel, ein Film, der alles verändert?

Modern und rasant

„Der blinde Fleck“, der im vergangenen Oktober schon bei Arte zu sehen war, kommt heute im ersten Programm an: ein moderner, streckenweise ziemlich rasant geschnittener Polit-Thriller mit dokumentarischem Anspruch, der so unbefriedigend enden muss, wie die Nachforschungen von Werner Dietrich und Ulrich Chaussy, einem seit 1980 recherchierendem Radioreporter und Buchautor, bislang ohne befriedigende Antwort bleiben mussten.

Und doch zählt der Film zum Besten, was es an Filmen über die Schlüsseltage der deutschen Geschichte gibt. Man schaut ihn und folgt den Spuren, die zu den Zeugen, ins rechte Milieu und bis zum Staatsschutz führen. Am Ende fragt man sich - so haben Regisseur Daniel Harrich und Chaussy das Drehbuch angelegt -, ob wir es hier nicht mit ganz ähnlichen Strukturen des Versagens und Ignorierens zu tun haben wie später bei den Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, NSU.

Albtraumhafte Folge von Nachrichtenbildern

Das schließt die Rolle der Medien ein. „Es gibt Skeptiker, und es gibt Kollegen, die können das Thema nicht mehr hören“, bekam Chaussy gesagt. Von seiner Perspektive aus ist der Spielfilm erzählt. Benno Fürmann (geschniegelt und gestriegelt) gibt den Rechercheur Ulrich Chaussy; Werner Dietrich wird von Jörg Hartmann gespielt.

„Der blinde Fleck“ wirft uns in eine albtraumhafte Folge von Nachrichtenbildern hinein: Er zeigt uns, wie Heiner Lauterbach in der Rolle des selbstgefälligen, mit der Politik eng verbandelten Leiters des bayerischen Staatsschutzes einen Boulevardjournalisten (Udo Wachtveitl) mit Dokumenten versorgt. Und er verhehlt nicht, dass auch Chaussy von einem Nachrichtendienstler mit einer Kiste Unterlagen versorgt wurde - von demselben Mann, der ihn in einer regennassen Nacht zu einem Ende seiner Suche ermahnen wird. Die Medien sind gleichermaßen Teil des Problems wie seiner Lösung.

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Ob man die NSU-Morde, die in den Jahren 2000 bis 2006 verübt worden, mit verstärkter Aufmerksamkeit für die rechte Gefahr hätte verhindern können, wie der Film suggeriert, sei dahingestellt. Aber es lässt den Zuschauer doch grübelnd zurück, wenn Ulrich Chaussy, nun längst ergraut, mit Handy und Notebook ausgestattet, in der Schlussszene in den Sender kommt und erlebt, wie seine Kollegen im Herbst 2011 auf die Namen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos reagieren. „Die Česká-Morde sind aufgeklärt“, sagt einer von ihnen, als sei nun alles in Ordnung.

Chaussy aber setzt sich im Film auf sein Rennrad, das als wiederkehrendes Symbol auftaucht: Er kurbelt weiter und strampelt und kämpft. Er denkt laut darüber nach, dass die Geschichte der deutschen Geheimdienste, die über Verbindungen ins Neonazi-Milieu verfügen und trotzdem versagten, nicht erst mit dem NSU-Terror begann. Dann spricht er das Ganze wie ein Vermächtnis, einsam im Studio.

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