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Polen debattiert „Unsere Mütter, unsere Väter“ Sie schonen sich nicht

 ·  In Polen erreicht die Kriegstrilogie „Unsere Mütter, unsere Väter“ sensationelle Quoten und spaltet die Kritik: Wut über Geschichtsfälschung im nationalen Lager, Lob für Selbstkritik bei den Linksliberalen.

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„Unsere Mütter, unsere Väter“ sind in Polen nicht erst seit März ein Thema, als das ZDF unter diesem Titel einen dreiteiligen Film über den Zweiten Weltkrieg präsentierte. Polen debattiert seit siebzig Jahren über das, was die „Mütter und Väter“ der Deutschen von heute in ihrem Land getan haben. Polen war das erste Opfer Hitlers, die Besatzung hat sechs Millionen Bürger das Leben gekostet, die Hälfte von ihnen Juden. Kein Land hat im Verhältnis zu seiner Bevölkerung im Krieg mehr Menschenleben verloren. Höchstens in Israel dürften die Albträume über unsere Mütter und Väter noch drückender sein.

Dass der Dreiteiler nun zur besten Sendezeit im Staatsfernsehen TVP zu sehen war, ist deshalb in Warschau zur Sensation der Woche geworden. Schon als der Film in Deutschland herauskam, wurde lebhaft debattiert - oder besser: zu einer Debatte kam es nicht, weil das negative Urteil zu einhellig war: Der Film hatte Kämpfer der polnischen Heimatarmee, des stärksten militärischen Untergrundverbandes im besetzten Europa, als Antisemiten dargestellt, die sich aus dumpfem Hass weigern, gefangene Juden aus einem deutschen Transport in die Gaskammern zu befreien. Diese Episode entschied das Schicksal des Films in der Warschauer Kritik.

Polen debattiert seit Jahren schonungslos, kontrovers und hoch differenziert seine Verstrickung in den Holocaust und will sich einseitige Darstellungen deshalb längst nicht mehr gefallen lassen. Linke und rechte Medien marschierten deshalb nach der Präsentation des Films Seit an Seit in der Feststellung, das ZDF habe hier einen kompletten Fehlschlag geliefert, mindestens aber ein Zeugnis profunder Ignoranz.

Rechte und linke Deutungen

Jetzt also haben bis zu 3,7 Millionen Polen den Film gesehen. Die Quote war sensationell, und die Debatte ist abermals entbrannt - mit einer Neuerung allerdings. Zwar herrscht immer noch Einigkeit darüber, dass die Episode mit den antisemitischen Partisanen ein „Skandal“ war. Aber dann beginnt die Kontroverse. Zwei Meinungen stehen einander gegenüber, wie immer scharf getrennt nach politischen Richtungen.

Die Rechte hält den Film für ein weiteres Zeichen jener umfassenden Geschichtsfälschung, welche sie in Deutschland gegenwärtig im Gange sieht. Publizisten wie Piotr Semka und Piotr Zaremba argumentieren, das ZDF habe in diesem Sinne ein „Propagandaprodukt“ geschaffen, in welchem Polen als Mittäter des Holocaust aufträten, um so die deutsche Schuld zu relativieren. Ein anderer Kommentator, Michal Karnowski, erkennt in dem Bild, welches der Film von den Polen entwerfe, gar den „Kanon der Nazi-Propaganda“ vom primitiven, rohen „Untermenschen“. Deutschland, das reichste Land Europas, seiner Kraft bewusst und bereit, die Geschichte neu zu schreiben, habe hier nur den ersten Schritt getan, um am Ende die „ewige Schmach“ der NS-Zeit abzuschütteln.

Die nationale politische Rechte hat diese These sofort begierig aufgenommen. Mariusz Blaszczak, Fraktionschef der Oppositionspartei „Recht und Gerechtigkeit“, verkündet jedenfalls jetzt, die Dialogpolitik der Regierung Donald Tusk sei reine „Fiktion“. Es habe keinen Sinn, mit den Deutschen über Geschichte zu reden, denn sie wollten ohnehin nur „aus Henkern Opfer machen“.

Lob der Verdienste

Die liberale Strömung widerspricht vehement. Bartosz Wielinski von der „Gazeta Wyborcza“ schreibt, obwohl der Film durch die falsche Darstellung der Partisanen zwar als Ganzes „kompromittiert“ sei, könne keine Rede davon sein, dass die Deutschen insgesamt ihre Schuld zu vertuschen versuchten. Man müsse nur durch die Bundesrepublik reisen, um an den unzähligen Mahnmalen der Nazi-Verbrechen zu erkennen, wie ernsthaft sie sich ihrer historischen Verantwortung stellten.

Am Freitag ist ein liberaler Kommentator, Pawel Wronski, sogar das Wagnis eingegangen, „Unsere Mütter, unsere Väter“ offen zu loben. Auch er schreibt für die „Gazeta Wyborcza“, Polens größte seriöse Zeitung, und auch er gibt zwar zu, dass es in dem Film „empörende“ Momente gibt, in denen die Unkenntnis der historischen Realitäten ihn peinlich berührt habe. Doch wesentlich wichtiger schienen ihm die Verdienste des Films. Die Deutschen hätten hier „gnadenlos“ ihre Mythen dekonstruiert, die Legende von der „ritterlichen“ Wehrmacht ebenso wie die „idiotische Geschichte“, der zufolge die einfachen Leute doch von allem „nichts gewusst“ hätten.

Im Übrigen habe das ZDF in den polnischen Episoden der Erzählung nicht nur Antisemiten gezeigt, sondern auch etwa eine junge Polin, die gefangenen Juden hilft, oder einen Partisanenführer, der einen getarnten Juden zwar aus seiner Einheit ausstößt, ihm aber immerhin zum Abschied eine Pistole schenkt.

„Die Deutschen schonen sich nicht“, schrieb deshalb auch Adam Szostkeiwicz von der Zeitschrift „Polityka“ - und deshalb sei es gut gewesen, diesen Film in Polen zu zeigen: „Damit wir einen Augenblick lang durch ihre eigenen Augen auf ihre furchtbare, tragische Geschichte blicken können.“

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