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Poker im Fernsehen Zocken mit den Superstars

26.02.2008 ·  Poker hat sich zum neuen Volkssport entwickelt. Und die Verlockungen sind groß. Die großen, öffentlichen Turniere werden im Fernsehen übertragen. Weltweit schauen Millionen ihren Vorbildern über die Schulter und in die Karten. Nicht zuletzt, um zu lernen.

Von Thomas Scholz
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Einmal gegen Jesus spielen - das wär's. Jesus: Das ist der professionelle Pokerspieler Chris Ferguson. Zu seinem Künstlernamen ist er gekommen, weil er lange, offene Haare trägt, einen Vollbart hat und damit an diverse Filmklischees des Mannes aus Nazareth erinnert. Entgegen alter Vorurteile verdient Ferguson sein Geld nicht in verrauchten Hinterzimmern. Er spielt erfolgreich in der World Series of Poker, kurz WSOP, und anderen großen, öffentlichen Turnieren.

Sie werden im Fernsehen übertragen - und sind auch für eine Reihe deutscher Sender überaus lukrativ. Weltweit schauen Millionen ihren Vorbildern über die Schulter und in die Karten. Nicht zuletzt, um zu lernen. Denn die Verlockungen des neuen Volkssports Poker sind groß. Und gut inszeniert. Die Faszination des Spiels wirkt.

Glück spielt nur eine untergeordnete Rolle

Ein erfolgreicher Pokerspieler muss sich selbst und die Wahrscheinlichkeitsrechnung fest im Griff haben, seine Gegner analysieren, ihre Bluffs durchschauen und selbst strategisch agieren. Beim Sieg in einer Profirunde spielt Glück nur eine untergeordnete Rolle. Das gilt auch für die derzeit populärste Form des Spiels, „Texas Hold'em“, in der jeder Spieler aus zwei eigenen, nur ihm bekannten Karten und fünf offen liegenden „Tischkarten“ ein möglichst hohes Blatt kombinieren muss.

In drei Wettrunden kann gesetzt, erhöht oder gepasst werden. Schon für den Beobachter an Ort und Stelle - in der Spielhalle also oder im Studio - sind die Partien spannend zu verfolgen, lassen doch die nach und nach aufgedeckten Tischkarten Mutmaßungen über die taktischen Absichten der Spieler zu. Doch erst im Fernsehen sind die Partien wirklich nachvollziehbar.

Fürs Fernsehen wird das Unsichtbare sichtbar

Denn eigens fürs Fernsehen werden in den Spieltisch durchsichtige Platten eingelassen, auf welche die Spieler ihre Karten für die Kontrahenten verdeckt legen, für die Zuschauer aber werden sie durch den Kamerablick von unten erfasst. Wir sehen also das eigentlich Unsichtbare. Zugleich berechnet der Computer die Wahrscheinlichkeit für einen Sieg, postwendend werden diese Prognosen eingeblendet und geben zusammen mit den Erklärungen der Kommentatoren auch Zuschauern mit wenig Erfahrung einen soliden Einblick in das Geschehen am Tisch. Mehrere Kameras fangen die Atmosphäre am und um den Spieltisch ein - je nach Inszenierung entsteht so die rauhe Aura eines Casinos in Las Vegas oder die gepflegte eines englischen Clubs.

An ovalen Pokertischen mit grüner Filzbespannung sitzen Kontrahenten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einige in Hemd und Jackett, andere mit Baseballkappe, T-Shirt und Walkman im Ohr. Ob gepflegt oder ungepflegt, ob glatt rasiert oder mit Dreitagebart: das spielt keine Rolle. Die obligatorischen Großaufnahmen der Gesichter benötigen unterschiedliche Charaktere. Keine noch so kleine mimische Veränderung entgeht den Kameras. Die Regie macht den Zuschauer zum unmittelbaren Zeugen und zum passiven Teilnehmer der Runde. Mithören kann man auch, was sich die Profis während der Partie zu sagen haben. Mal wird gewitzelt, mal gefachsimpelt - besonders vielsagend wird jedoch geschwiegen.

Alles ist Maskerade

Gleichwohl täuscht der Eindruck, man könne das Spiel durchschauen. Die Protagonisten des internationalen Pokermedienzirkus werden als mediale Helden präsentiert, die besten unter ihnen mithin als Superstars. Alles an ihnen ist Kostüm. Körpersprache, Spielverhalten und Pokerface verschleiern mit Bedacht die reale Person. Unterstützt wird die Maskerade bisweilen noch durch wiederkehrende Kleidung und Accessoires - Chris Ferguson sitzt niemals ohne Statson und Sonnenbrille am Tisch. Die Poker-Identität wird letztendlich durch die in der Szene obligatorischen Künstlernamen komplett. Wie aus Chris Ferguson, einem promovierten Mathematiker, „Jesus“ wird, so verwandelt sich Katja Thater, die deutsche Profispielerin, am Tisch zur „Lady Horror“, die in einem Turnier hundertfünfzig männliche Gegner besiegte.

Die Heroisierung prominenter Protagonisten wird medial noch verstärkt. In den Spots von Online-Pokeranbietern - sie heißen etwa „Party Poker“, „Full Tilt Poker“ oder „Poker Stars“ - findet man bekannte, durch exklusive Werbeverträge gebundene Spieler, die in Zeitlupe agieren oder durch Schwarzweiß-Aufnahmen ins Mythische stilisiert werden. Ein verlorenes Blatt wird so zur Tragödie, der lässig hingeworfene Spielchip zur heroischen Kampfansage an all die Kontrahenten.

Charmante „Lady Horror“

Ferguson setzt auch hier wieder den Maßstab. Aus drei Metern Entfernung kann er, assistiert von jungen Damen, mit einer handelsüblichen Spielkarte Gurken und Bananen, Karotten und Melonenscheiben schneiden - auf der Videoplattform YouTube sind solche Szenen ein Renner. Und doch wird die Identität der Pokerhelden mit Bedacht relativiert. Jenseits des Spieltisches - und für einen Werbeclip perfekt in Szene gesetzt - wird aus „Jesus“ wieder Ferguson. „Lady Horror“ gibt ihre Interviews als charmante Katja Thater. Die Botschaft ist eindeutig: Pokerhelden sind auch nur Menschen, jeder Mensch aber kann ein Pokerheld sein.

Diese Formel ist auch bei Stefan Raab angekommen. Dessen Produktionsfirma Brainpool TV, die ein Gespür für publikumsträchtige Konzepte besitzt, stellt in der von ihr inszenierten „TV Total Pokerstars.de-Nacht“ prominenten Spielern einen so genannten „Online-Qualifikanten“ gegenüber, der sich vorher qualifizieren muss. Bisweilen siegt dann der Nobody tatsächlich über die Stars. Und auch dieses Mal ist die Botschaft klar: Lerne Poker spielen, dann wirst du reich, berühmt und stehst im Rampenlicht.

Ein Selbstversuch im Online-Poker

Kaum verwunderlich, dass all dies einen wahren Boom ausgelöst hat. Pokermessen verzeichnen Besucherrekorde, Vereine sprießen aus dem Boden, doch vor allem floriert der Online-Poker. Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann man im Internet alle denkbaren Varianten spielen. Gibt man das Stichwort bei einer Internetsuche ein, ist die Anzahl der Anbieter von Partien erdrückend. Da die Eintrittsschwelle ins Online-Pokern bewusst gering gehalten wird - um Geld muss man nicht sofort spielen, es gibt Spielwährungen zum Üben - habe ich einen Selbstversuch im Pokern begonnen. Entschieden habe ich mich zunächst für den Online-Anbieter, der Ferguson sponsert: Vielleicht gibt es ja die Möglichkeit, einmal gegen „Jesus“ zu spielen.

Nach einer kurzen Registrierung darf ich mir einen „Avatar“, mein virtuelles Alter Ego, aussuchen - ich wähle einen Afroamerikaner mit Afrofrisur, um möglichst cool zu wirken und meine Unsicherheit nicht merken zu lassen. Das folgende Menü ist anfänglich etwas unübersichtlich, doch Partien mit niedrigem Einsatz sind leicht zu finden. Mit tausend Einheiten der Onlinewährung betritt man den ersten virtuellen Spielraum. Am Las Vegas-Tisch sitzen bereits eine attraktive Teufelslady mit roten Hörnchen, ein Gartenzwerg und eine Siamkatze. Sie lassen Spielkarten und Chips über den Tisch huschen. Der Versuch, dem Spielgeschehen zu folgen, scheitert zunächst kläglich. Die erfahrenen Mitspieler setzen oder passen zu schnell, als dass ein Anfänger gleich folgen könnte.

Schließlich traue ich mich doch. Meine Unerfahrenheit verlangsamt die folgenden Partien beträchtlich. Die Mitspieler aber beschweren sich nicht. Ein Lerneffekt tritt schnell ein. Per Knopfdruck stehen nur gerade verfügbare Spieloptionen zur Auswahl, was die Entscheidungen erleichtert. Mit den Siegen kommt das Spielgeld, plötzlich hat sich das Budget auf fast dreitausend Spieleinheiten erhöht. Disziplin ist das Geheimnis des Erfolgs: Schlechte Blätter darf man einfach nicht spielen. Doch dann werde ich leichtsinnig. Bei einem gewachsenen Budget kann man ja etwas gewagter spielen. Dies jedoch ist der Anfang vom Ende. Genau so schnell, wie das virtuelle Geld gewonnen wurde, ist es auch wieder weg. Dafür besitzt man nun eine Erfahrung mehr.

Pokersendungen im Fernsehen bieten regelmäßig DSF, Giga TV, das Vierte und Pro Sieben.

Quelle: F.A.Z., 26.02.2008, Nr. 48 / Seite 40
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