02.08.2006 · Im chinesischen Internet werden viele Kulturtraditionen bewahrt. Besonders populär geworden ist die Publikation von eigenen Gedichten im Netz - auch mit subversivem Inhalt.
Von Jörg BeckerVon China zu sprechen, ohne ein einziges Wort über Poesie zu verlieren, wäre ein Unding. Wo ehedem die fehlerlose Beherrschung der Dichtkunst als eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Beamtenlaufbahn galt, da bildet auch ein so modernes Medium wie das Internet einen guten Nährboden für Poesie. Wenigstens 250 chinesische Websites widmen sich ausschließlich dem Gedicht.
Einige wichtige Beispiele sind Shigebao - die Heimatadresse der chinesischen Netz-Poeten: shi ist das Gedicht, ge heißt Lied und bao Zeitung -, als Forum für Puzzle-Gedichte und als spezielle Adresse für Meerespoesie. Bei Huozhe findet man poetische Experimente, und Chuncao bietet grasgrüne Frühlingsgedichte.
Unter dem Schutz historischer Bezüge
Auf diesen Websites kann man drei Typen von Gedichten finden. Zum einen alte klassische wie die von Huang Tingjian, dem großen Dichter der nördlichen Song-Dynastie (1045 bis 1105), zum anderen Gedichte im klassischen Stil, die von Gegenwartsdichtern geschrieben werden, und schließlich zum dritten moderne Poesie. In der zweiten Kategorie findet man beispielsweise ein Gedicht unter dem Titel „Eine nur seichte Annäherung an den Traum der roten Kammer“.
Es enthält eine Diskussion aktueller Geschehnisse, aber wie so häufig in China unter dem Schutz historischer Bezüge. Der Titel spielt auf „Der Traum der roten Kammer“ von Cao Xueqin an, einen 1792 veröffentlichten Familienroman aus der Zeit der Qing-Dynastie, der für die chinesische Literatur das ist, was für die deutsche die „Buddenbrooks“ sind. Verständlich sind Gedichte wie dieses aber nur dem, der die alte und komplizierte Familiensaga mit ihren mehr als 350 handelnden Personen gut kennt.
Spottgedicht auf den Präsidenten Taiwans
In der dritten Kategorie, also unter den modernen Gedichten von modernen Autoren, tauchen auch Spottgedichte auf wie das unter dem Titel „Ah Bian und sein Vogel“. Zum Verständnis muß man wissen, daß Ah Bian der Spitzname des gegenwärtigen taiwanischen Präsidenten Chen Shuibian ist und Lü Xiulian die Vizepräsidentin Taiwans.
Bevor er Präsident wurde,
zog Ah Bian einen Vogel auf.
Und um Präsident zu werden,
tötete er diesen Vogel.
Nachdem er Präsident geworden war,
nahm Ah Bians Schlaflosigkeit deutlich zu.
Als Lü Xiulian davon erfuhr,
schenkte sie ihm ihren eigenen Liebesvogel.
Ah Bian guckt nach Vögeln,
und auch der Vogel guckt nach Ah Bian.
Ah Bian findet nicht in den Schlaf,
und auch der Vogel kann nicht schlafen.
Um wieder ernannt zu werden,
hat sich Ah Bian ein Gewehr gekauft.
Er tötete Lü Xiulians Vogel
vor den Augen eines Reporters.
Wie kann er noch ein paar Tage
als Präsident arbeiten?
Ah Bian ging zum Basar
und kaufte einen neuen Vogel
den er aufziehen wollte.
Aber dieser Vogel litt
an ernster Schlaflosigkeit
und starb von allein.
Das Qualitätsmerkmal „aufsässig“
Netzpoesie besteht aber noch aus etwas anderem als nur dem Abdruck von bereits vorhandenen Gedichten, die ein Verlagshaus oder Zeitschriften ins Netz stellen. Bereits 1997 hatte der aus Taiwan stammende und in Amerika lehrende Lyriker Du Guoqing erklärt, daß Netzpoesie keine elitäre Angelegenheit sei, sondern ein Angebot an die Massen, nach allen Seiten offen, unterhaltsam, partizipativ, da ja jeder mitmachen könne, und vor allem interaktiv.
Die damalige Prognose war gewagt: Du sagte den baldigen Tod der traditionellen Dichtkunst voraus und verband diesen angekündigten Tod mit einem Loblied auf die immer populärer werdende Netzpoesie. Ein libertärer Freiheitsbegriff und der Glaube an kontinuierliche Veränderung und kollektiv-interaktive Flexibilität sind es, die der chinesischen Netzpoesie das Qualitätsmerkmal „aufsässig“ zuschreiben - im übrigen allein von ihrer Form her und völlig jenseits der semantischen Ebene des jeweiligen Gedichtes.