Home
http://www.faz.net/-gsb-74z6m
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

FAZ.NET-Frühkritik: Plasberg Eierschleifmaschinen im Ruhrgebiet

 ·  Frank Plasberg lud in seinem Stammtisch zum Politiker-Check. Die Sendung wurde den formulierten Ansprüchen aber nicht gerecht. Scherzkekse wie Ingo Appelt und Werner Hansch vernichteten konsequent Sendezeit.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (8)

Der Scherzkeks gehört in der deutschen Fernseh-Unterhaltung zur Gattung der Komiker. Er zeichnet sich durch seinen brachialen Humor aus, der historisch im sogenannten Männer-Witz seine Ursprünge hat. Hier werden sexuelle Anspielungen mit den Beobachtungen des Scherzkekses bezüglich des anderen, sprich weiblichen Geschlechts verknüpft. Besonders innovativ ist jene Variante, die einen Männer-Witz in einen solchen über Männer transformiert. Zumeist haben diese Innovationen zwar schon einen langen Bart, das hindert aber die Programmverantwortlichen in ARD und ZDF nicht, die Vernichtung von Sendezeit durch den Scherzkeks zu honorieren.

Die Physiognomie des Scherzkekses erinnert dabei verblüffend an den grinsenden Ingo Appelt, der gestern von Frank Plasberg zu einem Journalisten-Stammtisch eingeladen worden war. Es ging um das Thema: „Aufsteiger, Absteiger, Absahner - der Politiker-Check 2012.“ Es blieb kein Auge trocken.

Ein ausgefallener Zungenkuss

So bereicherte der „Comedian“  Appelt die Runde mit einem Witz (!) über den Brustumfang des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel. Angesichts dieser bedeutungsschweren Aussage sah sich der Berliner Journalist Hajo Schumacher dazu veranlasst, uns etwas über die Möglichkeit eines Zungenkusses des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück mit der SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles mitteilen zu müssen. Der Ort des mysteriösen Geschehens hätte die Bühne des SPD-Parteitages in Hannover gewesen sein sollen.

Daraufhin erinnerte sich die Repräsentantin der außerparlamentarischen Restlinken in deutschen Talk-Shows, Jutta Ditfurth (ohne von, wie sie betonte), an schmutzige Witze, die sie aber zum Leidwesen von Plasberg dem Publikum nicht kredenzen wollte. Ihr ginge es um Inhalte. Zugleich war der Herausgeber der Schweizer „Weltwoche“, Roger Köppel, zur Stelle und lobte den fulminanten Regierungsstil von Frau Merkel. Während dessen sah die Redakteurin der „Bild am Sonntag“, Anna von Bayern, ohne Zweifel gut aus.

In diesem Moment betrat die Sportreporterlegende Werner Hansch das Spielfeld. Mit einem Pass aus der Tiefe des Raumes in die Untiefen der Geschichte berichtete er von den „Proleten des Ruhrgebietes“, die „alle entweder KPD oder SPD“ gewesen seien und sich gar nicht vorstellen konnten, „dass jemand Millionär ist.“ Der Vater von Hansch war in der KPD gewesen. Immerhin hätte er seine fehlende Vorstellung nicht revidieren müssen, wenn er erfahren hätte, dass der Sohn für die Moderation der berühmt-berüchtigte Bochumer Atrium Veranstaltung mit Peer Steinbrück lediglich 2.500 € Gage bekommen hatte – statt der 25.000 € für Steinbrück.

Frau Ditfurth beschwor sogleich die Inhalte der Politik und landete aus unerfindlichen Gründen in Kasachstan. Wahrscheinlich dachte sie in dem Moment an den Film „Borat“. Jenes Meisterwerk eines Ausflugs nach Amerika, das zugleich den Begriff des Scherzkeks kritisch reflektierte. Appelt hatte daher zu Kasachstan nichts zu sagen. Er hielt das Konzept des Macho-Politikers für gescheitert.

Die situative Intelligenz von Eierschleifmaschinen?

Diese Sorge um den Mann in der deutschen Politik teilte auch Köppel. Aber immerhin: „Frau Merkel macht im politischen Tagesgeschäft keine Fehler“ und einen „brillanten Job“. Wer hätte das gedacht? Dafür fehle es Steinbrück, so Köppel, an „situativer Intelligenz“. Frau Ditfurth wies dagegen auf die Bedeutung von Inhalten in der Politik hin. Und Anna von Bayern? Sie war immer noch da. Schumacher wirkte zwar nach dem Zungenkuss in Hannover etwas angeschlagen. Der fehlenden „situativen Intelligenz“ Steinbrücks vermochte er gleichwohl mit dessen „situativer Ethik“ zu kontern. Frau Merkel sei aber bescheiden und wohne zur Miete. Das kam nun nicht von Köppel, sondern ausnahmsweise von Schumacher selbst.

So variierte Frau Ditfurth schließlich ihr Credo durch eine überraschende Volte. Nämlich wie sich „erwachsene Menschen so lange über Politik ohne Inhalte“ unterhalten könnten. Der Zuschauer musste sich allerdings fragen, von welchen Erwachsenen die Rede gewesen sein soll? In der Zwischenzeit erläuterte uns Köppel, warum rassistische Titelbilder der „Weltwoche“ in dieser Sendung keine Rolle spielen sollten. Was Appelt immer noch nicht davon abhielt, den Frauen-Versteher zu geben. Wohl auch zur Überraschung von Anna von Bayern. Wahrscheinlich hatte ihr zu diesem Zeitpunkt schon die „Eierschleifmaschine“ von Hansch die Sprache verschlagen. Sie soll bei Steinbrück zum Einsatz gekommen sein.

Schumachers Frisur sitzt

Schließlich wurde es bei Plasberg medienkritisch. Wurde der zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff das Opfer eine Medienkampagne? Schumacher fragte sich, warum Staatsanwälte mit enormen Aufwand die Ermittlungen gegen Wulff führen – anstatt zur NSU zu ermitteln. Der Zusammenhang erschloss sich noch nicht einmal dem Moderator. Ansonsten betrachtete er die Affäre als eine Art Kompensationsversuch der Medien in einer kompliziert gewordenen Welt. Das war zwar genauso rätselhaft, aber wahrscheinlich kam ihm auch nur der Filmklassiker „Staatsanwälte küsst man nicht“ in den Sinn. Das Thema hatte er ja schon. Über den schrieb Hellmuth Karasek 1986 in seiner „Spiegel“-Filmkritik: „Dieser pyromanische Tick gibt dem Film einen Zug ins Kindliche, Kindische, denn je mehr sich das Paar als feuerfest erweist und je weniger die gewaltigsten Explosionen und Flammenmeere Robert Redfords rotblonder Frisur oder Debra Wingers blendendem Make-up anhaben können, um so stärker werden die beiden Gesetzeshüter zu Comic-Figuren, die man unverwüstlich allen Katastrophen einzeichnen kann.“

So saß zwar die Frisur bei Hajo Schumacher, was aber die Katastrophe auch nicht mehr verhindern konnte. Immerhin musste aber wegen des in der Sendung abgebrannten rhetorischen Feuerwerks die Feuerwehr nicht zum Einsatz kommen. Die Gäste wurden bei Plasberg allerdings zu Comic-Figuren. Mit einer Ausnahme: Dem Scherzkeks. Er ist ein Fall sui generis. Frank Plasberg geht jetzt in die Weihnachtspause. Er wird sie nötig haben. Und die ARD einen Talk-Show Check.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 5