Home
http://www.faz.net/-gsb-6m48v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Plagiate-Plattform Vroniplag Ein Mann geht seinen Weg

09.08.2011 ·  Martin Heidingsfelder gründete „Vroniplag“, und er suchte die Öffentlichkeit. Anfangs sollte es nur um die Plagiate gehen. Doch am Ende steht er im Mittelpunkt - und die Community gegen ihn.

Von Friederike Haupt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (7)

Seinem großen Ziel, der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben, ist Martin Heidingsfelder in den vergangenen Wochen ein ganzes Stück näher gekommen. Kürzlich noch war er Goalgetter, ein Pseudonym ohne Gesicht, der Mann, der Ende März das Wiki „Vroniplag“ angelegt hat, einer von vielen in dem, was die Medien Schwarm nennen. Heute ist er Martin Heidingsfelder, von dem es Agenturbilder gibt und ein Golfplatzfoto im „Spiegel“, der Mann, der „Vroniplag“ gegründet hat. Ein paar Monate nur hat diese Wandlung gedauert. An ihrem Ende stehen ein 46 Jahre alter Mann, den die Nachwelt googeln kann, eine Menge Journalisten, die den idealen Protagonisten gefunden haben – und die Community, die dem Ganzen fassungslos zusieht.

Um zu verstehen, was geschehen ist, muss man einen Blick zurückwerfen ins Frühjahr. Am 1. März tritt Karl-Theodor zu Guttenberg von seinen politischen Ämtern zurück, nachdem zahllose Aktivisten im Wiki „Guttenplag“ wochenlang seine Dissertation auseinandergenommen und auf fast jeder Seite Plagiate gefunden haben. Ein Wiki ist eine Plattform im Internet, auf der kollaborativ gearbeitet wird: Jeder kann mitmachen, Personen treten hinter Sachverhalte zurück, es geht um das Ergebnis. Im Fall Guttenberg war das Ergebnis eindeutig, die Aktivisten hatten es dokumentiert. Das reichte den meisten von ihnen. Doch Heidingsfelder nicht: Er wollte „Druck machen“, „politische Forderungen stellen“, wie er es ausdrückte.

Als es um Personen ging, wurden viele skeptisch

Damals, im Frühjahr, beteiligte er sich aber auch noch an der Dokumentation der Plagiate. Und als er auf den Fall Veronica Saß stieß, witterte er den nächsten Skandal. Doch die anderen zögerten, manchen erschien es angesichts der Katastrophe in Japan auch unangemessen, gerade jetzt mit so etwas an die Presse zu gehen. „Nichts passierte. Das hat mich geärgert, dass es so lange gedauert hat“, sagte Heidingsfelder wenige Wochen später. Da hatte er schon „Vroniplag“ angelegt, ein schmuckloses Wiki, bei dem aber ein eigenes Formular für Presseanfragen nicht fehlte. Viele „Guttenplag“-Nutzer folgten ihm dann doch, denn an der Sache waren sie interessiert: daran, den Fall Saß zu bearbeiten und später auch die Dissertation von Silvana Koch-Mehrin. Dass Martin Heidingsfelder sich um die Pressearbeit kümmerte, nahmen sie zur Kenntnis und störten sich zunächst nicht daran. Die Ergebnisse sollten ja bekannt werden. Erst, als es um Personen ging, wurden viele skeptisch.

Der Wunsch der Medien nach Gesichtern kommt ihnen in ihrem Fall altmodisch vor, so, als ginge es um ein Unternehmen mit einem repräsentierenden Chef und nicht eben um eine Gruppe, die verschwinden will hinter den Ergebnissen ihrer Arbeit: Dokumentationen, die für jedermann nachprüfbar seien, wie sie betonen. Nicht Meinungen, die Gesichtern und Namen zugeordnet werden müssten. Doch Heidingsfelder war bereit, sich mit Journalisten zu treffen. Er war derjenige, der die Mails beantwortete, die über das Formular für Presseanfragen kamen, er antwortete schnell und freundlich und war zu Treffen gern bereit (F.A.Z. vom 14. Mai).

Pressearbeit ohne das Wissen der Community

Als wir mit ihm verabredet waren, am 30. April um 14 Uhr in Erlangen, rief er um 13.34 Uhr auf den Handy an: ob man schon da sei, er einen vom Bahnhof abholen solle. Wenige Minuten nach dem Gespräch im Café, für das er sich vier Stunden Zeit nahm, dankte er per SMS für die Einladung zum Kaffee. Und einige Tage später, als er einmal auf dem Handy nicht erreichbar war, schickte er wieder eine SMS: „War auf der anderen Leitung“, es folgte seine Festnetznummer. Martin Heidingsfelder kümmerte sich gut um die Journalisten, auch wenn sie sich für ihn, nicht nur für „Vroniplag“ interessierten. Ihm gefällt die Macht der Medien. „Als es noch kein Internet gab, habe ich den ganzen Montag vor dem ,Spiegel‘ verbracht“, sagte er beim Treffen im April; die investigativen politischen Geschichten begeisterten ihn. Nun konnte er selbst Protagonist sein, Anerkennung finden. Andere Nutzer willigten daraufhin ein, auch mit der Presse zu reden, damit nicht nur Heidingsfelder das Wiki repräsentierte.

Der Community wurde das jedoch bald zu viel. „Martin, wir wollen deine Pressearbeit nicht mehr“, habe es Mitte Mai geheißen, erinnert sich KayH, einer von zwanzig Administratoren bei „Vroniplag“. Das Kontaktformular für Journalisten wurde gemeinschaftlich entfernt, was zwischen dem 9. und 16. Mai zu einem „Edit-War“ führte: Heidingsfelder machte die Löschung rückgängig, andere löschten das Formular abermals. Heidingsfelder stand allein, er konnte nicht gewinnen. Dann geschahen andere Dinge, die ihn innerhalb der Community in die Kritik brachten: Heidingsfelder twitterte Rücktrittsforderungen an Politiker über den „Vroniplag“-Account, er geriet in den Verdacht, kommerzielle Ziele zu verfolgen und hielt sich nicht an Mehrheitsentscheidungen. Zuletzt stellte sich heraus, dass er schon Ende Juni die Namensrechte an „Guttenplag“ und „Vroniplag“ beim Marken- und Patentamt beantragt hatte – ohne das Wissen der Community.

Keine Stimme für „Goalgetter“

Man könnte lange darüber streiten, was Heidingsfelder antreibt und was er bezweckt. Fest steht, dass er sich in dem Medienrummel, den er gesucht hat, nun zauberlehrlingshaft verliert. Am vergangenen Donnerstag lüftete er seine Identität auf „Spiegel Online“, nachdem er Angst hatte, ein „Bild“-Reporter würde sie sonst publik machen, und kommt seitdem gar nicht mehr hinterher damit, erst Interviews zu geben und die folgenden Berichte dann auf seiner Benutzerseite im Wiki richtigzustellen. Seine SPD-Mitgliedschaft, die er immer erwähnte mit dem Hinweis, sie sei eigentlich egal, wird nun mehr diskutiert als seine „Vroniplag“-Fälle. „Lasst mir bitte einfach auch ein paar Tage, damit ich etwas Abstand finde und manche Dinge sacken lassen kann“, schrieb er am Samstag dort. Der Text klingt nicht so beschwingt, wie der Mann früher auftrat. Heidingsfelder wollte aus der Community heraustreten, doch nun ist er auch ohne ihren Schutz.

Dass Heidingsfelder nur einer von vielen Plagiatssuchern ist, und dass er seit Wochen fast nicht mehr mitarbeitet an den aktuellen Fällen, ist in der Diskussion längst untergegangen. Im „Spiegel“ wurde er Mitte Juli noch die „Aufklärerbiene“ des Schwarms genannt, diejenige, der alle folgten. Die Community war schockiert: Seit der Gründung von „Vroniplag“ erschien Heidingsfelder den meisten eher als die Biene, die ständig gegen die Wand fliegt. Die Sonderrechte, die er als Gründer des Wikis hatte, ließen ihm die einmal von ihm selbst ernannten Administratoren nach einer Abstimmung am 19. Juli entziehen. „Die Gründung eines Wikis auf Wikia ist ein Mausklick eines einzelnen“, schrieb KayH zur Begründung, Goalgetter wolle aber „sein eigenes Ding durchziehen“ und „sich dazu der Reputation von Vroniplag bedienen, zu der er selbst kaum beigetragen hat“. Fast alle anderen Administratoren kommentierten ähnlich. Für Goalgetter stimmte niemand.

Noch die Urenkel sollten nach ihm googeln

In der Wirklichkeit des Wikis ist Heidingsfelder schon lange kein Protagonist mehr – in der Medienwirklichkeit wird er es aber gerade erst. Als Goalgetter am 19. Juli kurz nach Mitternacht im Chat einen neuen Fall ankündigte (es ging um die Dissertation des sächsischen Kultusministers Roland Wöller) und einen Forumseintrag dazu schrieb, berichtete die dapd acht Tage später, „Vroniplag“ habe Wöller „im Visier“. Dabei werden in dem Wiki nie Fälle im Forum dokumentiert – zumal in diesem Fall eine „Dokumentationslage inexistent“ war, wie KayH sagt. Der Unmut der anderen über Heidingsfelders Alleingang war groß, man bat die Agentur um eine Korrektur der Meldung. „Mit so einer Aktion wären wir vor ein paar Monaten von den Medien zerrissen worden“, sagt KayH, „jetzt, wo wir als seriös gelten, recherchiert niemand mehr nach. So wird Heidingsfelders Spiel mit der Presse erst möglich.“

Das „Guttenplag“-Wiki ist im Juni mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet worden. Preise seien ihm wichtig, weil sie sein Leben dokumentierten, hatte Heidingsfelder im April gesagt, als er schon von der Nominierung wusste. Sogar zur Preisverleihung wollte er gehen, obwohl er damals angab, anonym bleiben zu wollen. Noch seine Ururenkel sollten nach ihm googeln, wenn sie die Grimme-Urkunde in seinem Koffer entdeckten. Inzwischen sieht es nicht mehr so aus, als wäre der Grimme-Preis das erste, was sie einmal finden werden, wenn sie „Goalgetter“ in die Suchmaschine eingeben. Auf „Vroniplag“ wird indes unbeeindruckt weitergearbeitet. Journalisten, die mit Nutzern in Kontakt treten wollen, müssen sich seit einiger Zeit im Chat an alle wenden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Landesfahrrad

Von Hannes Hintermeier

Wer hat´s erfunden? Na hoffentlich die Schweiz. Ihren Nationalstolz lässt sie sich einiges kosten: 2.000 Euro Stückpreis pro Militärfahrrad. Nur leider saugt der Sattel Regenwasser auf. Mehr 2