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Piraten in den Medien : Die vielen Arten, nichts zu sagen

Politische Ikonographie: Auch im Fernsehstudio bleibt Johannes Ponader mit der Welt draußen verbunden. Bild: picture alliance / dpa

Zuhören, entspannen, Kopf schütteln: Bei ihren Talkshowauftritten können sich die Piraten auf die Nervosität anderer Politiker verlassen. Wie lange dieser Trick noch funktioniert, wissen sie selber nicht.

          Am Sonntag vor einer Woche war Johannes Ponader, der neu gewählte Bundesgeschäftsführer der Piratenpartei, zu Gast bei „Günther Jauch“. Ponader war der zweite Pirat, der in die Sendung eingeladen wurde, im Februar war mal Marina Weisband da gewesen, aber er war der Erste, der nicht alleine kam; er hatte seine Partei dabei. Um auch während der Sendung Kontakt zur Basis halten zu können, hatte er sein Smartphone mit ins Studio genommen. Entsprechend vorsichtig bereitete Jauch sein Publikum darauf vor, es werde Ponader „öfter mal mit seinem Smartphone hantieren sehen“, schließlich ist der Anteil der Zuschauer, die das Wort „twittern“ für einen orthographischen Fehler halten, bei der ARD nicht zu vernachlässigen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Man sollte sich die Aufnahme der Sendung dringend aufheben, sie wird mal ein Dokument der Zeitgeschichte. In ein paar Jahren wird man darüber lachen, die Frage ist nur, über wen: Über den ferngesteuerten Piraten, der es keine Stunde lang ohne Anschluss an seinen Schwarm aushält? Über die Mühelosigkeit, mit der er am nächsten Tag schockierte Fernsehkritiker dazu brachte, über seine Sandalen zu berichten? Über die Gereiztheit von Klaus Wowereit und Christian Lindner, die mehr sagte als jedes ihrer aufgebrachten Statements? Über die schlechte Laune von Renate Künast, deren Mundwinkel angesichts des großen Interesses für die neuen Konkurrenten einen rekordverdächtigen Tiefstand erreichten? Oder doch nur über die Klobigkeit, die einmal die Geräte gehabt haben werden, die man benötigte, um mitzukriegen, was „da draußen gerade los ist“, wie Ponader erklärte.

          „Frau Weisband twittert übrigens gerade“

          Mag sein, dass diese Echtzeitunterstützung bei den Piraten bald die Aufgabe ersetzt, die bei anderen Parteien die Spindoktoren vorher erledigen oder beim Moderator der Knopf im Ohr. Noch ist sie in erster Linie eine symbolische Geste, eher Behauptung der Zeitgenossenschaft als kommunikative Praxis. Das Smartphone ist, was die politische Ikonographie betrifft, die Stricknadel der Gegenwart. Um den Kontakt zur Basis geht es dabei so wenig, wie es den häkelnden Grünen im Bundestag um die Pullover ging. Die sozusagen doppelt öffentliche Handlung, vor laufender Kamera zu twittern, wirkt dabei wie ein Lackmustest. Was man an ihm zuverlässig erkennt, ist die Nervosität der anderen Politiker. Dass die Analogie zum Kulturschock, den das Auftreten der Grünen vor dreißig Jahren bedeutete, dabei gern zum Thema wird, schützt selten davor, mit ähnlichem Befremden darauf zu reagieren. Als Weisband Anfang Mai bei Markus Lanz in ihr Handy tippte, fiel der Moderator in die Rolle eines Ornithologen, der eine exotische Flugtechnik beobachtet: „Frau Weisband twittert übrigens gerade.“

          Es ist zu früh zu sagen, ob der Politikstil der Piraten die parlamentarische Arbeit revolutioniert. In den Ausschüssen des Berliner Senats, behaupten zumindest die Abgeordneten der Piraten, arbeiten sie oft erstaunlich gut mit anderen Fraktionen zusammen. Aber schon in der Plenarsitzung fängt an, was in den sogenannten Ersatzparlamenten zu besichtigen ist, bei Günther Jauch, bei Anne Will oder bei Maybrit Illner: das Spiel von Position und Gegenposition, von Polemik und Profilierung. Die bloße Anwesenheit eines Piraten bringt dabei die Vertreter der anderen Parteien dazu vorzuführen, warum sie so viel Glaubwürdigkeit verloren haben. Seit ihrem überraschenden Wahlerfolg in Berlin vor einem halben Jahr gehören die Piraten auch in den Fernsehrunden zum Personal (wenn auch noch nicht, wie viele andere Politiker, zum Inventar). An ihrer Lieblingsmethode hat sich seitdem wenig verändert. Zuschauen, entspannen, Kopf schütteln: Das ist die Taktik, mit der die Piraten in diesen Runden bisher immer am besten gefahren sind.

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