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Pirat Christopher Lauer Schlecker und Illner: Meine Tage im Fernsehen

Sollen Piraten überhaupt an Talkshows teilnehmen? Auf diese Frage antwortet der Berliner Abgeordnete der Piraten, der in der letzten Sendung von Maybrit Illner mit Kurt Beck zusammenstieß.

© ZDF/Jule Roehr Der Pirat in der Talkshow: Christopher Lauer hört Marie-Christine Ostermann zu.

Sitzen ein Pfarrer, ein Ministerpräsident, ein Bundestagsabgeordneter, ein Landtagsabgeordneter, eine Wirtschaftsverbandsvorsitzende und eine Moderatorin in einem Fernsehstudio und reden über Schlecker. So beginnt kein schlechter Witz, das ist deutsche Fernsehrealität. In der vergangenen Woche fand der Saarland-induzierte Medien-Overkill zur Piratenpartei statt. Höhepunkt am Donnerstag: Bernd Schlömer in der „Phoenix“-Runde, Sebastian Nerz bei Beckmann und ich zuerst bei Maybrit Illner und danach bei Benjamin von Stuckrad-Barre. Wir als Piraten wollen alles anders machen und sitzen brav wie alle anderen in Talkshows, die wir früher weder geguckt haben noch gut fanden. Warum eigentlich? Weil wir der Meinung sind, anders Worthülsen in die Welt blasen zu können als andere? Weil wir zwar keine tagesaktuelle Position zu Schlecker haben, aber das schon irgendwie hinbekommen werden?

Vielleicht fing alles mit der ersten Sendung bei Anne Will an, die für die Piraten und mich gut lief. Ich konnte ein bisschen Martin Lindner ärgern, ich konnte ein bisschen Bärbel Höhn ärgern, Peter Altmaier hielt sich vornehm zurück, und Gertrud Höhler und Roger Willemsen waren den Piraten gegenüber sowieso sehr positiv eingestellt.

Keine Glanzleistung

Bemerkenswert ist, dass ich zu Bärbel Höhn und Martin Lindner mindestens genauso unhöflich war wie am Donnerstag zu Kurt Beck. Der tat mir sogar noch den Gefallen, immer weiter zu explodieren. Die Reaktionen auf die beiden Sendungen hätten unterschiedlicher nicht ausfallen können. Während ich nach Will beglückwünscht wurde, dass ich „die Politiker™“ mal richtig vorgeführt hätte, wurde mir nach Illner attestiert, ich hätte keine Ahnung (was ich in der Sendung mehrfach sagte) und ich sei unhöflich gewesen. Und so weiter.

Meine Performance bei Illner war keine Glanzleistung, aber wenigstens hat sie mich dazu gebracht, mich mit zwei Dingen auseinanderzusetzen: Sollten wir als Piraten in solchen Sendungen auftreten - und wie sieht das mit Schlecker eigentlich genau aus? Zuerst Schlecker: Das Unternehmen Schlecker ist pleite, und 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (wer „Schlecker-Frauen“ sagt, titelt auch „Döner-Morde“) werden bald arbeitslos sein. Schlecker ist ein Unternehmen, das in der Vergangenheit dafür kritisiert wurde, unter Tarif zu bezahlen. Das ging so weit, dass Verdi und selbst die SPD 2009 zum Boykott der Ladenkette aufriefen. Damals war Bundestagswahlkampf und die SPD noch in der Regierung. Da kann man ruhig zum Boykott eines deutschen Unternehmens aufrufen, weil einem durch parlamentarische Zwänge wahrscheinlich die Hände gebunden sind, rechtlich an den Arbeitsbedingungen etwas zu ändern.

Christopher Lauer bei Maybrit Illner © ZDF/Jule Roehr Vergrößern Der Berliner Pirat Christopher Lauer hat inzwischen schon reichlich Talkshow-Erfahrung

Mindestlohn zum Beispiel. Da muss erst die FDP kommen, damit die CDU darauf eingeht. Ich kenne Schlecker nur aus der Berichterstattung darüber, dass die Arbeitsbedingungen dort furchtbar seien. Jetzt kann man zu Recht sagen: Herr Lauer, wie herzlos, sie können doch nicht Schlecker pleitegehen lassen! Zunächst einmal habe ich persönlich und hat die Piratenpartei keinen Einfluss darauf. Wir könnten das Perpetuum mobile erfinden - die Schlecker-Pleite beeinflussen können wir nicht.

Aber man kann sich die Zahlen anschauen. Im März meldeten sich in Deutschland 627.000 Menschen arbeitslos, im Tagesdurchschnitt sind das 20.225. Also jeden Tag zweimal Schlecker. Wenn man Schlecker dazurechnet, kommt man auf 20.580 Menschen täglich. Im selben Zeitraum gab es 708.000 Abgänge, das heißt, täglich wurden 22.838 Arbeitsplätze vermittelt. Mir ist klar, dass diese Rechnung zynisch ist. Mir geht es nur darum, die Größenordnung zu illustrieren.

Wir reden über Schlecker

Jetzt sitzen wir mit einer Moderatorin im Studio und reden über Schlecker. Und Kurt Beck explodiert und tut so, als hätte Deutschland kein Sozialsystem, als wäre die Pleite von Schlecker das Todesurteil für 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Er ignoriert dabei, welche Partei der Stigmatisierung von Arbeitslosigkeit durch die Agenda 2010 Vorschub geleistet hat. Keiner erklärt, warum eine Transfergesellschaft für 70 Millionen Euro Steuergeld besser arbeiten kann als die Bundesagentur für Arbeit. Keiner fragt Kurt Beck danach. Vor allem nicht die Moderatorin.

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