http://www.faz.net/-gqz-6yvmm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.04.2012, 18:58 Uhr

Pirat Christopher Lauer Schlecker und Illner: Meine Tage im Fernsehen

Sollen Piraten überhaupt an Talkshows teilnehmen? Auf diese Frage antwortet der Berliner Abgeordnete der Piraten, der in der letzten Sendung von Maybrit Illner mit Kurt Beck zusammenstieß.

von Christopher Lauer
© ZDF/Jule Roehr Der Pirat in der Talkshow: Christopher Lauer hört Marie-Christine Ostermann zu.

Sitzen ein Pfarrer, ein Ministerpräsident, ein Bundestagsabgeordneter, ein Landtagsabgeordneter, eine Wirtschaftsverbandsvorsitzende und eine Moderatorin in einem Fernsehstudio und reden über Schlecker. So beginnt kein schlechter Witz, das ist deutsche Fernsehrealität. In der vergangenen Woche fand der Saarland-induzierte Medien-Overkill zur Piratenpartei statt. Höhepunkt am Donnerstag: Bernd Schlömer in der „Phoenix“-Runde, Sebastian Nerz bei Beckmann und ich zuerst bei Maybrit Illner und danach bei Benjamin von Stuckrad-Barre. Wir als Piraten wollen alles anders machen und sitzen brav wie alle anderen in Talkshows, die wir früher weder geguckt haben noch gut fanden. Warum eigentlich? Weil wir der Meinung sind, anders Worthülsen in die Welt blasen zu können als andere? Weil wir zwar keine tagesaktuelle Position zu Schlecker haben, aber das schon irgendwie hinbekommen werden?

Vielleicht fing alles mit der ersten Sendung bei Anne Will an, die für die Piraten und mich gut lief. Ich konnte ein bisschen Martin Lindner ärgern, ich konnte ein bisschen Bärbel Höhn ärgern, Peter Altmaier hielt sich vornehm zurück, und Gertrud Höhler und Roger Willemsen waren den Piraten gegenüber sowieso sehr positiv eingestellt.

Keine Glanzleistung

Bemerkenswert ist, dass ich zu Bärbel Höhn und Martin Lindner mindestens genauso unhöflich war wie am Donnerstag zu Kurt Beck. Der tat mir sogar noch den Gefallen, immer weiter zu explodieren. Die Reaktionen auf die beiden Sendungen hätten unterschiedlicher nicht ausfallen können. Während ich nach Will beglückwünscht wurde, dass ich „die Politiker™“ mal richtig vorgeführt hätte, wurde mir nach Illner attestiert, ich hätte keine Ahnung (was ich in der Sendung mehrfach sagte) und ich sei unhöflich gewesen. Und so weiter.

Meine Performance bei Illner war keine Glanzleistung, aber wenigstens hat sie mich dazu gebracht, mich mit zwei Dingen auseinanderzusetzen: Sollten wir als Piraten in solchen Sendungen auftreten - und wie sieht das mit Schlecker eigentlich genau aus? Zuerst Schlecker: Das Unternehmen Schlecker ist pleite, und 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (wer „Schlecker-Frauen“ sagt, titelt auch „Döner-Morde“) werden bald arbeitslos sein. Schlecker ist ein Unternehmen, das in der Vergangenheit dafür kritisiert wurde, unter Tarif zu bezahlen. Das ging so weit, dass Verdi und selbst die SPD 2009 zum Boykott der Ladenkette aufriefen. Damals war Bundestagswahlkampf und die SPD noch in der Regierung. Da kann man ruhig zum Boykott eines deutschen Unternehmens aufrufen, weil einem durch parlamentarische Zwänge wahrscheinlich die Hände gebunden sind, rechtlich an den Arbeitsbedingungen etwas zu ändern.

Christopher Lauer bei Maybrit Illner © ZDF/Jule Roehr Vergrößern Der Berliner Pirat Christopher Lauer hat inzwischen schon reichlich Talkshow-Erfahrung

Mindestlohn zum Beispiel. Da muss erst die FDP kommen, damit die CDU darauf eingeht. Ich kenne Schlecker nur aus der Berichterstattung darüber, dass die Arbeitsbedingungen dort furchtbar seien. Jetzt kann man zu Recht sagen: Herr Lauer, wie herzlos, sie können doch nicht Schlecker pleitegehen lassen! Zunächst einmal habe ich persönlich und hat die Piratenpartei keinen Einfluss darauf. Wir könnten das Perpetuum mobile erfinden - die Schlecker-Pleite beeinflussen können wir nicht.

Aber man kann sich die Zahlen anschauen. Im März meldeten sich in Deutschland 627.000 Menschen arbeitslos, im Tagesdurchschnitt sind das 20.225. Also jeden Tag zweimal Schlecker. Wenn man Schlecker dazurechnet, kommt man auf 20.580 Menschen täglich. Im selben Zeitraum gab es 708.000 Abgänge, das heißt, täglich wurden 22.838 Arbeitsplätze vermittelt. Mir ist klar, dass diese Rechnung zynisch ist. Mir geht es nur darum, die Größenordnung zu illustrieren.

Wir reden über Schlecker

Jetzt sitzen wir mit einer Moderatorin im Studio und reden über Schlecker. Und Kurt Beck explodiert und tut so, als hätte Deutschland kein Sozialsystem, als wäre die Pleite von Schlecker das Todesurteil für 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Er ignoriert dabei, welche Partei der Stigmatisierung von Arbeitslosigkeit durch die Agenda 2010 Vorschub geleistet hat. Keiner erklärt, warum eine Transfergesellschaft für 70 Millionen Euro Steuergeld besser arbeiten kann als die Bundesagentur für Arbeit. Keiner fragt Kurt Beck danach. Vor allem nicht die Moderatorin.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
TV-Kritik: Maybrit Illner Wohin steuert die Türkei?

In der Türkei nehmen jeden Tag die Repressionen zu. Wohin führen die Entwicklungen? Darüber wurde bei Maybrit Illner heftig gestritten. Fast wäre es sogar zum Abbruch der Diskussion gekommen. Mehr Von Hans Hütt

22.07.2016, 03:59 Uhr | Feuilleton
Trumpettes Frauen im Trump-Fieber

Der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump kommt bei Frauen schlecht an? Eine Frauengruppe aus Florida namens Trumpettes will mit diesem Vorurteil aufräumen. Gründerin der Gruppe ist die frühere Talkshow-Moderatorin Toni Holt Kramer. Mehr

22.07.2016, 15:16 Uhr | Gesellschaft
Wer haftet? Die Kartellbrüder von Daimler

Der Konzern muss eine Milliarde Buße zahlen, weil er mit anderen die Preise für Lastwagen abgesprochen hat. Da fragt sich so mancher: Wer war im fraglichen Zeitraum eigentlich für die Nutzfahrzeuge zuständig? Mehr Von Georg Meck

23.07.2016, 19:18 Uhr | Wirtschaft
Russland vor Olympia Putin und das Schlachtfeld Sport

Wladimir Putin ist ein begeisterter Sportler. Der russische Staatspräsident tut alles, um sein Land zu einer sportlichen Großmacht zu machen. Die Olympischen Spiele in Sotschi waren sein größter Triumph. Jetzt steht der Erfolg in Frage. Mehr

26.07.2016, 17:20 Uhr | Sport
Flughafen Hahn Ausschreibung für Flughafen-Verkauf geöffnet

Die Ausschreibung für den Verkauf des Flughafens Hahn soll geöffnet werden. Interessenten können ihr Angebot voraussichtlich ab Mittwoch einreichen. Mehr

22.07.2016, 20:22 Uhr | Rhein-Main
Glosse

Luther in Chrom

Von Andreas Kilb

Die evangelische Kirche will in Berlin ein Luther-Denkmal errichten. Doch die Ansprüche, die sie daran stellt, sind nicht einmal für den Reformator zu erfüllen. Mehr 4