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„Petersburger Dialog“ Uneins im Mordfall Politkowskaja

10.10.2006 ·  Über „Journalismus in unruhigen Zeiten“ wurde am Rande des Treffens von Putin und Merkel in Dresden gesprochen, also über den Mord an Anna Politkowskaja: Die russische Seite sieht „deutsche Propaganda“ am Werk.

Von Ralf Witzler, Dresden
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Einen Aufruf, weiter für die Prinzipien von Pressefreiheit und für den Mut zu eigener Auffassung als Grundlagen einer freien Zivilgesellschaft einzutreten, hat die Arbeitsgemeinschaft Medien des sechsten „Petersburger Dialogs“ verfaßt. In dem Schreiben an den Chefredakteur der Moskauer Zeitung „Nowaya Gazeta“, Dmitrij Muratow, und seine Kollegen bringen die Teilnehmer ihre große Trauer und Bestürzung über den Mord an der russischen Journalistin Anna Politkowskaja in der vergangenen Woche zum Ausdruck.

Der „Petersburger Dialog“, der in diesem Jahr in Dresden stattfand, ist eine Einrichtung, die im Jahr 2001 auf Initiative des damaligen deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder und des russischen Präsidenten Wladimir Putin ins Leben gerufen wurde, um dem zivilgesellschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und Rußland ein Forum zu geben. Sehr kontrovers beschäftigte sich die Arbeitsgruppe Medien, die sich in diesem Jahr das Thema „Zwischen Kulturkampf, Terrorismus und Pressefreiheit - Journalismus in unruhigen Zeiten“ gegeben hatte, mit dem Fall der Journalistin Politkowskaja, die für die kritische Zeitung „Nowaya Gazeta“ in Moskau arbeitete.

Deutsche Propaganda?

Wiktor Loschak, Chefredakteur der Zeitschrift „Ogonjok“, weitete den Rahmen der Fragestellung aus: Die russische Gesellschaft müsse sich die Frage stellen, warum der Wert eines Menschenlebens so gering geachtet werde, daß noch immer versucht würde, Probleme mit dem Mord des Opponenten zu lösen. Maxim Schewtschenko, Moderator des Fernsehsenders „Perwyj kanal“, sieht hier ein entscheidendes Kriterium zur Beurteilung einer Gesellschaft: „In einer unzivilisierten Gesellschaft wird der Gegner aufgefressen.“ Schewtschenko kritisierte zugleich die Berichterstattung über den Mord und seine Hintergründe in deutschen Medien harsch. Klischees und Stereotype bestimmten das Bild Rußland. So sei in nahezu allen Medien, die über den Mord berichteten, immer wieder betont worden, Anna Politikowskaja, sei regierungskritisch gewesen, ihre Ermordung stünde möglicherweise damit in Zusammenhang.

Die ermordete Journalistin wurde am Dienstag in Moskau beigesetzt. Der Mord an der regierungskritischen Politkowskaja soll auch bei dem deutsch-russischen Treffen am Nachmittag in Dresden zur Sprache kommen.

Die Spur des Mörders führe in den Kreml. Dies sei jedoch allenfalls die halbe Wahrheit. Anna Politkowsjaka sei vor allem eine kritische, absolut unbestechliche Journalistin gewesen, das Politische sei ihr dabei gleichgültig gewesen. Sie habe sich ohne jeden Kompromiß für die Verteidigung der Menschenwürde eingesetzt, egal gegen welche politische Seite sie dabei vorgehen mußte. Die Einhelligkeit der Meinungen in den deutschen Medien erinnere ihn an die Propaganda der siebziger Jahre in der Sowjetunion. Der russische Botschafter Vladimir Kotenev beklagte ähnlich scharf die durchweg negative Berichterstattung über sein Land, insbesondere über die Politik und ihre Vertreter, und forderte mehr Raum für die Darstellung des bereits Geleisteten.

Dem widersprach Thomas Schreiber, Leiter des Programmbereichs Kultur vom Norddeutschen Rundfunk, vehement. Propaganda unterstelle die zentrale Lenkung der Meinung. Die Presse in Deutschland sei davon weit entfernt. Unterschiedliche Redaktionen und Redakteure gelangten in bestimmten Fällen eben zu gleichen Auffassungen. Zudem gehöre es zum Selbstverständnis des Journalismus in Deutschland, die Entwicklungen in der Gesellschaft kritisch zu begleiten. Das Verständnis dieses Phänomens als Propaganda sage sehr viel aus über die unterschiedlichen journalistischen Kulturen in Deutschland und Rußland. Ein zivilgesellschaftlicher Dialog müsse hier ansetzen und für das Verständnis für diese Differenzen werben.

Quelle: F.A.Z., 11.10.2006, Nr. 236 / Seite 40
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