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Die Serie „Patriot“ : Spion mit Klampfe

  • -Aktualisiert am

Vater und Boss: Tom Tavner (Terry O’Quinn) unterhält sich mit seinem Sohn John (Michael Dorman). Bild: Amazon

Urkomisch und prächtig melancholisch: Mit der nahezu perfekten Agentengroteske „Patriot“ zeigt Amazon, was sich Produzenten dort alles herausnehmen können.

          Von wegen harmlose Saitenzupfer: Folksänger haben es faustdick hinter den Ohren. Man hat ja geahnt, dass Bob Dylan für jedes „Blowin‘ in the Wind“ ein Robbenbaby erwürgt. Doch weit schlimmer: Klampfenbegleiteter Gesang, so zeigt uns der bislang als Autor von ambitionierten Kinokomödien wie „The Weather Man“ bekannte Steve Conrad nun in seiner ersten Fernsehserie, kann nämlich auch bloß die Selbsttherapie eines eiskalten, aber zugleich an der eigenen Eiseskälte leidenden Geheimagenten sein. Sein Name ist Tavner, John Tavner (Michael Dorman), und er sieht dermaßen gut aus, dass man ihn in seinen britischen Lammwollpullovern und adretten Anzügen für ein Luxuslabel-Model halten könnte, zumal die edel-klassische Bildsprache, das Tempo und die satte Musikuntermalung der Serie an teure, hyperauthentische Werbespots gemahnen.

          Als amerikanischer Undercover-Agent soll John – kleiner war es nicht zu haben – die iranischen Nuklearpläne durchkreuzen. Ungünstig ist nur, dass der depressive Protagonist, der sich nach einem ruhigen Leben an der Seite seiner hübschen Frau (Kathleen Munroe) sehnt, in seinen improvisierten Songs unfreiwillig ehrlich ist und geheime Informationen ausposaunt. Dass er dennoch vorgeschickt wird, liegt daran, dass Johns Vater (der aus „Lost“ bekannte Terry O’Quinn) ein hohes Tier im Geheimdienst ist. Johns tapsiger Bruder Edward (Michael Chernus), ein selbstverliebter Kongressabgeordneter, bildet die familieneigene Nachhut.

          Wie soll es anders sein: Auch Agenten pflegen Freundschaft

          Der Held wird also mit einer Tarnidentität in eine Ölfirma aus Wisconsin eingeschleust. Diese macht via Luxemburg Geschäfte mit Iran. Es gilt, einen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen und die totale Ahnungslosigkeit in Ingenieursfragen zu verbergen. Aus diesem Hochstapler-Plot resultiert ein guter Teil der Gags. Die dunkle Seite der Geschichte verfinstert sich derweil immer mehr. Schon in Luxemburg – bis Iran kommt man nie – läuft die Operation aus dem Ruder, gibt es Tote. Schnell ist John nur noch damit beschäftigt, frühere Fehler auszubügeln, einer höllisch schlauen Ermittlerin (Aliette Opheim) zu entgehen und Kämpfe mit seinem Vorgesetzten (Kurtwood Smith) auszutragen.

          Dass der Held dabei mit seiner immer auswegloser werdenden Situation um die Wette kollabiert und doch widerwillig seine Pflichten erfüllt, ist so komisch wie tragisch. Die Serie, die sich letztlich mehr um Freundschaft und Betrug als um Spionage und Geldkoffer dreht, hält geradezu vorbildlich die schwierige Balance zwischen böser Ironie und berührender Emotionalität.

          Ins Komödiantische überdrehte Agententhriller gibt es zuhauf, aber eine Groteske wie „Patriot“, die die Sensibilität eines Wes Anderson-Films mit burlesken Quentin-Tarantino-Szenen zusammenzwingt und dann auch noch die zwischen beiden Sphären herrschende Spannung in selbstbezüglichen Songs thematisiert, das hat es noch nicht gegeben. Erstaunlicherweise geht das Konzept eines melan-komischen Folk-Thrillers auf. Schon der Pilotfilm vor einem Jahr hatte gezeigt, welches Potential in der Serie steckt, die nicht nur mit ihrer vortrefflichen Besetzung und absurden Pointen punktet, sondern auch mit hervorragendem Timing, schrägen Kameraperspektiven, guten, lakonischen Dialogen, noch besserer Musik und einer Vorliebe für ungewöhnliche Wendungen.

          Nachdem in der Pilotfolge eine Menge auf den Zuschauer eingeprasselt ist, wird das Erzähltempo in den weiteren neun Episoden merklich gedrosselt. Das erst erlaubt es, die Charaktere wirklich kennenzulernen, nicht nur den herzenstraurigen Protagonisten, auch seinen kuriosen Musikerfreund (Mark Boone Jr.) oder den zum lustigen Buddy des Helden avancierenden Kollegen Dennis (gespielt von Chris Conrad, Steves Bruder).

          Das Erfolgsgeheimnis ist stets: Geld und volles Vertrauen in den Showrunner

          Dafür nehmen jetzt die Zeitsprünge zu, Rück- und Vorblenden über Jahre hinweg. Fast alle Szenen werden mehrfach wiederaufgenommen und jedes Mal ein Stückchen genauer erklärt, was zu einer immer komplexeren Erzählung führt. Der Humor hat hin und wieder deftiges „Hangover“-Aroma, erinnert aber zumeist an den „noirotischen“ Stil von Jonathan Ames‘ phantastischer HBO-Serie „Bored to Death“, überrascht also mit Schwärze, Ernst und Tiefe, wo man einen Witz erwartet, und macht aus unscheinbaren Nebenszenen skurrile Slapstick-Nummern. Entscheidungen etwa werden oft per Schnick-Schnack-Schnuck-Spiel herbeigeführt.

          Dass sich Längen in den Nebensträngen auftun und der Agenten-Plot etwas flapsig bleibt, fällt angesichts der insgesamt überragenden Qualität kaum ins Gewicht. Inmitten all der Unkenrufe, mit der Inflation teurer High-End-Serien sei deren Rentabilität verloren gegangen – zuletzt unkte John Landgraf, der Chef des Abosenders FX, in dieser Weise – hat es Amazon wieder getan: eine ästhetisch, dramaturgisch und schauspielerisch nahezu perfekte Serie herausgebracht, auf die Fernsehsender wie Streaming-Konkurrenten neidisch sein dürften.

          Das Geheimnis des Erfolgs ist stets dasselbe: viel Geld und volles Vertrauen in den Showrunner. Steve Conrad hat die Story mit Gil Bellows ersonnen, die meisten Folgen selbst geschrieben und mehrheitlich auch Regie geführt. Zwei Autoren und vier Regisseure kamen hinzu, aber keine Redaktion, die das Ergebnis aus Angst vor Unverträglichkeit wieder auf Mittelmaß gestutzt hätte, wie es hierzulande oft der Fall ist.

          Bei Amazon ist Patriot von heute an abrufbar, in der englischsprachigen Originalversion; im späteren Frühjahr auch auf deutsch synchronisiert.

          Quelle: F.A.Z.

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